"Auch Totsein ist eine Kunst", hat der einstige George-Jünger Max Kommerell einmal bemerkt. Stefan George hat diese Kunst meisterhaft beherrscht. Wo andere Dichter eine Rezeptionsgeschichte haben, da hat er ein Nachleben. Eines, das es in sich hat. Ulrich Raulff legt in seinem fulminant geschriebenen Buch die postume Biographie Georges frei, die es noch zu entdecken gilt. Spannend, kurios, exzentrisch, schräg, zugleich akribisch recherchiert, erzählt es die Geschichte eines einzigartigen Kreises voll illustrer Charaktere, der langsam zerfällt, Allianzen bildet und Feindschaften pflegt, um Deutungshoheit und Treue ringt und dabei vom annus horribilis 1933 bis zum Satyrspiel 1968 beinahe nebenher eine höchst außergewöhnliche Wirkungsgeschichte entfaltet. Eine abgründige Ideengeschichte, eine kaputte Apostelgeschichte und ein Lesevergnügen der exquisiten Art.
Wenn ein massereicher Stern seine Existenz beendet, dann hört er nicht einfach auf zu existieren ohne Spuren zu hinterlassen: Die Planeten, die die er einst an sich gezogen und dann in Kreisbewegungen gezwungen hatte, verlassen erst langsam ihre gewohnten Bahnen. Und nehmen ihre Monde – so sie denn solche besitzen - dabei mit.
Was geschieht, wenn der anziehungsstarke Kern eines System erlöscht, untersucht Ulrich Raulff in seiner Monographie über den Georgekreis nach dem Tode des Meisters. Dabei zeigt er nicht nur das folgende schockartige Erstarren der Kreismitglieder in den dreißiger Jahren auf - sondern auch das sich schon vorher andeutende und bis zum Tode der Akteure in der Bundesrepublik fortsetzende Zerwürfnis zwischen den Jungen um George - die auf den Nationalsozialismus setzten - und den häufig älteren Freunden - die Hitler ablehnten. Deutlich macht Rauff dabei: Georges Positionierung zum Nationalsozialismus und dem Dritten Reich blieb aus - und dieses wird einer der Gründe sein, warum die Acht - zB. von Adorno - über ihn und sein Spätwerk nach dem Kriege verhängt wird. Deutlich werden bei einer solchen Darstellung auch (endlich) die Bruchlinien und Verwerfungen zwischen den nahen und fernen Angehörigen des Kreises und mit Ihnen erschließen sich auch erstmals auf gut zugängliche Weise die Entstehungsbedingungen und Hintergründe des kaum überschaubaren hagiografischen Schriftgutes, das die Parteiungen nach dem Tode Georges zusammengeschrieben haben. Der am journalistischen Schreiben geschulte Stil Raulffs unterscheidet sich deutlich von dem der germanistischen Seminare: Er macht zum einen Spaß, wenn das Zusammentreffen von konservativer elitärer Schreibe und modernen Hetären geschildert wird und zum andern vermag er auch sprachlich den Eindruck zu vermitteln, was George den schönen jungen Männern, die sich als Trabant um die Flamme bewegten, war: Wenn 1942 Claus von Stauffenberg und Richard von Weizsäcker zufällig ein erstes und letztes Mal aufeinander treffen und dabei feststellen, dass sie einen gemeinsamen Bezugspunkt und Bekannten haben und die Begegnung mit ihm das sie prägende Schlüsselerlebnis ihres Lebens war, dann spürt man die Gravitationswelle noch – obwohl der Stern entkörpert ist: "Wir kamen auf George". Raulff umschifft bei der methodisch schwierigen und inhaltlich brisanten Frage nach dem Erbe Georges im deutschen Bildungssystem offenbar sprachlich manche juristische Klippe... und lässt dennoch (auch mit den Arbeiten Karlauffs gestärkt) ahnen, wie im „Erziehen“ der Reformbildungsbewegung der 50er und 60er Jahre das „Schöne Leben“ Georges sein wahres Wesen – als satyrnhaftes Grauen – zeigte und dabei Erben zeitigte, die gerade wieder erst aufgrund ihrer Vergehen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt sind.
Da komme ich mit der Lektüre nicht und nicht voran oder muss mich richtiggehend dazu zwingen ... darum unterbreche ich voller Scham und schaue mal, ob es mich reizen wird weiterzulesen. Irgendwann