«Die jüdischen Einwanderer hatten einen schweren Anfang im neu gegründeten Staat Israel. Auf die massenhafte Einwanderung konnten die Gründungsväter so schnell nicht reagieren. Die Staatskassen waren leer - der Arabisch-Israelische Krieg machte deutlich, dass beim Verteidigungshaushalt nicht gespart werden durfte. Die Folgen der schlechten wirtschaftlichen Situation betrafen fast jeden. Es fehlte an Arbeitsplätzen, an Wohnungen und an gut ausgebauten Straßen. Karla Pilpel reiste mit einer zionistischen Bewegung nach Israel. ‹Durch die Organisation kam ich zu einem Kibbuz im Norden Israels. Ich weinte mich über ein Jahr jede Nacht in den Schlaf. Uns wurde in England ein wunderschönes Bild von Israel gemalt, demnach war das Land ein Garten Eden. Niemand erzählte mir, dass es im Kibbuz keine Elektrizität, kein Badezimmer, keine Toiletten gibt. Ich lebte mit drei anderen Mädchen in einer Hütte. Es gab Besteck und Teller aus Plastik.›
Der Nahost-Konflikt aus Sicht derer, die ihn erleben, ein Sachbuch für Jugendliche und Erwachsene, neu überarbeitet, das von der Gründung Israel bis heute den Konflikt verdeutlicht. Das Standardwerk beginnt mit einem kurzen Überblick über die letzten 3000 Jahre, steigt sofort mit dem Ersten Weltkrieg ein, als Palästina zum türkischen Reich gehörte, von den Briten besetzt, die Hussein ibn Ali versprachen, hier ein arabisches Reich zu gründen. Das kam nicht zu Stande, als Entschädigung erhielt er das heutige Saudi Arabien. Die Briten hatten heimlich mit den Franzosen verhandelt, den jüdischen Einwandern Gehör geschenkt, die zu dieser Zeit zu Hauff das Land besiedelten – viele russische Juden waren nach Palästina geflüchtet – man wollte im «Heiligen Land» den Staat Israel gründen. Von den ersten jüdischen Siedlern zur Staatsgründung Israels, über den ersten arabisch-israelischen Krieg, den Suez-Krieg, 1960 dem Sechs-Tage-Krieg, die nationale Bewegung unter Arafat, 1973 der Jom-Kippur-Krieg (oder Ramadan-Krieg für die Palästinenser), erste und zweite Infada bis zum Hamas-Angriff im Oktober 2023, der den Gaza-Israel-Krieg auslöste lässt Martin Schäuble chronologisch über Zeitzeugen über den Nahost-Konflikt berichten.
«Wieso unterstützte die US-Regierung den israelischen Staat? Weil ein starkes Israel in ihrem eigenen Interesse war. Der Kalte Krieg bestimmte damals das weltpolitische Handeln. Der große Feind der USA war die Sowjetunion. Der Chef der Kommunistischen Partei, Leonid Breschnew, ließ die ägyptischen Munitionslager und Kasernen mit Rüstungsgütern auffüllen. Ein Sieg Ägyptens über Israel würde die Macht der Sowjetunion weiter vergrößern, den von den Vereinigten Staaten gefürchteten Kommunismus weiter stärken. Wie bei einem Dominospiel würde ein Stein den nächsten umstürzen - in der US-Administration war bereits seit dem Beginn des Kalten Krieges von der Domino-Theorie die Rede.»
Kenntnisreich und vor Ort recherchiert: Wer den Nahost-Konflikt verstehen will, muss die Geschichte der Israelis und Palästinenser kennen – und den Menschen zuhören, die sie erlebt haben. Martin Schäuble hat über viele Jahre mit Israelis und Palästinensern gesprochen. Sie berichten von einem Leben im Ausnahmezustand, von langen, erbitterten Kämpfen. Was sie aus dem Alltag erzählen, macht überdeutlich, dass es nicht die eine gültige Wahrheit gibt und dass der andauernde Konflikt keinen Raum mehr lässt, die Stimmen der anderen Seite zu hören. Mit Karten, Zeittafel, vielen Medientipps und Originalquellen, Reden, Vereinbarungen, Pamphleten ist dieses Buch nicht nur für Jugendliche interessant. Chronologisch, historisch, die Ereignisse von beiden Seiten beleuchtet, ist dieses Jugendbuch ein außerordentlich guter Beitrag, den Nahost-Konflikt zu verstehen.
«Entschädigung. Eines von beidem steht nach Ansicht der Vereinten Nationen den Palästinensern zu. Israels damaliger Außenminister Mosche Scharett erklärte dazu im Juni 1949 vor der Knesset, dem israelischen Parlament: »An allererster Stelle steht die Sicherheit. Eine große Welle von [palästinensischen] Rückkehrern würde den Staat erneut von innen heraus zerstören. Auch wenn die Rückkehrer heute für den Frieden wären, kann man auf sie in der Stunde einer neuen Katastrophe nicht setzen.« Die israelische Regierung traf die Entscheidung, eine Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge grundsätzlich zu verhindern. Auf den Flächen der arabischen Dörfer wurden neue Siedlungen für jüdische Einwanderer errichtet.»
Das Buch zeigt auch die verschiedenen Sichtweisen zu gleichen Ereignissen. «Was für Aiyub Fakten sind, sind für mich keine, und umgekehrt», sagt 1990 Elad Schachar, der in einem israelischen Kibbutz geboren wurde nach einem Gespräch mit einem gleichaltrigen Palästinenser. Der Pudels Kern – keiner macht sich die Mühe, die andere Seite auch nur ansatzweise zu verstehen. So lange es kein gegenseitiges Verstehen gibt, den Willen, einen Abschluss zu finden, wird dieser Krieg nie beendet sein. Schäuble stellt die Fakten sachlich, historisch neutral dar und lässt dann Augenzeugen zu Wort kommen, wobei er oft konträre Positionen gegenüberstellt. Genau das und die erlebten Berichte geben dem Sachbuch eine Leichtigkeit, die es zu lesen macht, das Erlebte neugierig macht, die Diskussionen zum Nachdenken animieren. Neben Fotodokumenten gibt es am Ende eines jeden Kapitels Medientipps: Sachbücher, Romane, Internet. Am Ende vom Buch finden wir eine Zeittafel und Kartenmaterial. Ein Buch, das sich sowohl für den Geschichtsunterricht als auch für den Politkunterricht gut als Unterrichtsmaterial eignet.
«Die christlichen Milizen im Libanon nutzten den israelischen Einmarsch, um ihrer Wut gegen die Palästinenser freien Lauf zu lassen. Ihnen gaben sie die Mitschuld am Ausbruch des libanesischen Bürgerkrieges. Die christlichen Milizen richteten in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila vom 16. bis 18. September 1982 ein Massaker an. Der israelische Soldat Dror Schachar sah, mit welcher Brutalität die christlichen Kämpfer vorgingen. ‹Sie töteten mit dem Messer, nicht mit dem Gewehr. Das habe ich selbst gesehen in einem Ort an der Straße von Beirut nach Damaskus. Einen angesehenen Drusenführer hatten sie an einem Strommast aufgehängt. Sein Geschlechtsteil hatten sie ihm in seinen Mund gesteckt.›»
Martin Schäuble, geboren 1978, studierte in Berlin, Israel und Palästina Politik und promovierte über zwei Dschihadisten. Als Journalist bereist er seit 20 Jahren immer wieder den Nahen Osten. Aus seinen Recherchen entstand 2011 das Buch Black Box Dschihad. Außerdem erschienen bei Hanser Zwischen den Grenzen. Zu Fuß und per Anhalter durch Israel und Palästina (2013) sowie sein Jugendroman Endland (2017). 2024 folgte eine aktualisierte und ergänzte Neuausgabe von Die Geschichte der Israelis und Palästinenser - Der Nahost-Konflikt aus Sicht derer, die ihn erleben.