Aldous Huxleys „Die Kunst des Sehens: Was wir für unsere Augen tun können“ ist ein zutiefst persönliches und zugleich provokantes Werk, das weit über einen reinen Augenratgeber hinausgeht. Entstanden aus seiner eigenen dramatischen Sehbehinderung, präsentiert Huxley die – medizinisch umstrittene – Bates-Methode als Weg zur Wiedererlangung der Sehkraft durch bewusste Entspannung, mentales Training und die Auflösung starrer Sehgewohnheiten. Er argumentiert leidenschaftlich gegen die passive Abhängigkeit von Sehhilfen und plädiert stattdessen für ein ganzheitliches Verständnis des Sehens, bei dem der Geist eine ebenso große Rolle spielt wie das Auge selbst.
Philosophisch betrachtet, transponiert Huxleys Buch das Körperliche ins Geistige. Es erinnert uns daran, dass „Sehen“ – sei es das visuelle Erfassen der Welt oder das intellektuelle Begreifen von Zusammenhängen – niemals ein passiver, abgeschlossener Vorgang ist, sondern eine erlernbare Kunst. Wir können lernen, unsere „blinden Flecken“ zu erkennen, die mentalen Verspannungen alter Vorurteile zu lösen und unseren Blick für die Nuancen der Realität zu schärfen.
In diesem Sinne liegt die eigentliche Lehre des Buches vielleicht darin, dass wir alle, unabhängig von der Dioptrienzahl, immer wieder neu sehen lernen müssen – nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Bewusstsein. Sehen heißt: die Welt nicht bloß abbilden, sondern sie sich geistig aneignen, sie innerlich verwandeln.
Und hier schließt sich der Kreis zu Huxleys berühmtester Vision, der Schönen neuen Welt. Auch dort geht es – auf einer höheren, gesellschaftlichen Ebene – um das Verhältnis von Wahrnehmung und Wirklichkeit. In der totalen Komfortwelt seiner Zukunftsdystopie sind die Menschen blind vor lauter Zufriedenheit: Sie sehen alles und begreifen nichts. „Die Kunst des Sehens“ ist gewissermaßen die stille, spirituelle Schwester der „Schönen neuen Welt“: Wo das eine Buch vor der kollektiven Blindheit einer gesteuerten Gesellschaft warnt, ruft das andere zu einer persönlichen Wiedererlangung des inneren Sehens auf. Zwischen beiden Werken liegt Huxleys zentrale Botschaft: Nur wer wirklich sieht, kann frei sein.
NACHTRAG: 2025-11-16: Unter anderen Aspekten nochmals gelesen!
Ah, der nächste Schatz aus der „Kunst“-Abteilung der Mottenkiste! „Die Kunst des Sehens“ von Aldous Huxley. Das ist die brillanteste und fundamentalste Pointe von allen. Nachdem wir uns mühsam durch die „Ökonomik“ (den Preis des Objekts), die „Überzeugung“ (den Hype darum) und die „Kommunikation“ (die Botschaft darin) gekämpft haben, kommt Huxley, der selbst fast blind war, und stellt die banalste, aber tiefste aller Fragen: „Moment mal, Leute … könnt ihr das Bild überhaupt physisch sehen?“
Dieses Buch ist kein metaphorischer Kunst-Ratgeber, sondern eine – durchaus umstrittene – Anleitung zur buchstäblichen Wiederherstellung der Sehkraft. Huxley argumentiert, dass Sehen keine passive Rezeption ist, sondern eine aktive, erlernbare „Kunst“ (im Sinne von Können).
Er verlagert die gesamte Kunst-Debatte dorthin, wo sie hingehört: weg vom überteuerten Objekt (Dirk Boll) und zurück zum untertrainierten Augapfel – und Gehirn – des Betrachters.