Ehrlich gesagt fand ich die Geschichte ziemlich langweilig. Obwohl sie auf einem Schiff spielt, dass meinem Lieblingssetting - dem Hotel - nicht unähnlich ist, lernen wir eigentlich niemanden gut kennen. Auch die Zeit bleibt blass, das aufarbeiten der nationalsozialistischen Vergangenheit, der Kalte Krieg… eigentlich spannende Themen, insbesondere aus der Sicht einer DDR-Schriftstellerin, aber wirklich substantiell geht es nicht darum, abgesehen von einigen Professoren die aus der DDR kommen und über Brasilien in die USA fliehen oder einem betrunkenen Polen, der ein paar Vorwürfe in die Zeilen brüllt.
Stattdessen ist es die Geschichte von Ernst Triebel die Überfahrt trägt. Schaut man auf sie, könnte man bilanzieren, dass die ziemlich bitter ist. Sein Vater flieht vorm Nationalsozialismus nach Brasilien, da seine Frau Jüdin ist, doch kaum angekommen stirbt sie. Seine einzige Gefährtin Maria Luisa muss Ernst zurücklassen, als sein Vater nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrt. Von dort aus hält er lange Korrespondenz zu ihr, doch verläuft es sich und es bleibt ungewiss, was mit ihr passiert.
Erst im Erwachsenenalter kehrt er nach Brasilien zurück und zufällig wird seine Ungewissheit zur Gewissheit. Maria Luisa ist bei einem Schwimmunfall verstorben, vielleicht sogar ein Selbstmord. Diese Passage ist zweifellos die stärkste im Buch. „Die leiseste Ungewißheit wäre ertragbar gewesen, mit einer Gewißheit verglichen, die ich nicht aushielt. Besser warten, fruchtlos warten, Wochen und Wochen. Jetzt wußte ich, warten war sinnlos.“
Das sind schon ein paar starke Sätze. Aber es ist nicht das Ende, wie es Triebel mehrmals ernst darstellt. Stattdessen trifft er zufällig auf ihren Ehemann und eine Frau, von der er weiß, dass es Maria ist und weiß, dass sie es nicht ist. Er erkennt sie und verkennt sie. Es ist eine spannende Frage, ob sie es ist. Ich würde behaupten ja, denn zunächst erkennt er sie, kann diese Gewissheit nicht ertragen und flüchtet sich daher wieder zurück in die Ungewissheit. Dieses Mal ist es die Ungewissheit, ob sie tot oder verdorben ist.
Diese Ungewissheit löst sich in ihm. Er kann sie überwinden und nach vorne schauen und die Frau erwarten, der er vor seiner Reise Blumen geschenkt hat. Es ist eine Katharsis, wenn auch keine sonderlich gute.
Wie gesagt: Ich habe mich gelangweilt, habe lange überlegt, ob mir die mangelnde Erfüllung der Potentiale zwei Sterne wert sind, aber am Ende ist es immerhin eine Entwicklung und es zeigt ja auch irgendwie, wie Erzählen heilend sein kann. Ein Narrativ, dass ich liebe, wenn es auch im Buch zu undeutlich ist, um wirklich klar intendiert zu sein.