Sollte ich das Jahr mit einer Fünf-Sterne-Bewertung beginnen? Verderbe ich meinen eigenen Maßstab? Dieses Buch ist aber so viel mehr als eine Vater-Sohn-Geschichte, und mit einer so präzise eingesetzten Sprache, dass es weit über dem Durchschnitt steht und mich stark beeindruckt hat.
Ein Vater, Professor für Soziologie, fährt mit seinem Sohn in die Schwäbische Alb, in der er aufwuchs. Widerstreitende Gedanken beschäftigen ihn, denn er fühlt sich als Vater gescheitert. Es war sein Ziel, eine „Familientradition“, nach der der Vater des Vaters, der Großvater und der Urgroßvater Suizid begingen, zu brechen, aber jetzt fühlt er sich am Abgrund.
In oft sehr kurzen Sätzen folgt man den Beobachtungen, Erinnerungen und Überlegungen des Vaters und erfährt von Depressionen, Alkoholsucht, Gewalt, Krieg und Vertreibung der Vorfahren. Man erfährt, was es bedeutet, wenn Eltern traumatische Erfahrungen gemacht haben, depressiv sind, und wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen. Man liest, wie schwer es ist, der Familiengeschichte zu entkommen, die einen immer wieder einholt, wie schwer gesellschaftlicher Aufstieg ist und welche schrecklichen Gedanken aus dem Gefühl, die eigenen Ziele nicht erreicht zu haben, entstehen kann. Das war für mich absolut überzeugend, sowohl die Hintergründe, als auch der Werdegang der Personen. Mir fielen Familien aus meiner Heimat ein, Kinder aus meiner Klasse, die ähnliches erlebten. Es ist erstaunlich, wie lange Familientragödien fortwähren und doch zeigt das Buch bei aller Tragik auch auf, wie sich das Verhältnis Vater-Sohn im Vergleich zu den vorigen Generationen verändert hat, dass Heilung möglich wäre.
Die Ausdrucksweise des Autors hat mich stark beeindruckt. Das ist kein weitschweifiges Erzählen, sondern ein präzises Einsetzen jedes einzelnen Wortes. Wenn der Protagonist über unverfängliche Dinge spricht, sind die Sätze länger und ironischer, wenn er sich heiklen Themen zuwendet, werden die Sätze kurz und abgehackt. Einige sprachliche Bilder unterstreichen gezielt die Stimmung, besonders das wiederkehrende schwarz, das bis ins Blut vordringt. Dabei bleibt der Text leicht verständlich. Manche bewusst eingesetzte Wortkombination, manche Metapher habe ich wahrscheinlich verpasst, ein zweites Lesen könnte sich lohnen, aber auch so war das ein sprachlicher Hochgenuss. Angesichts der schweren Thematik kann man sicher nicht von Hochgenuss sprechen, aber empfehlenswert ist das Buch unbedingt!