Als Zeitdokument über (höchstwahrscheinlich) Intersexualität, aber vor allem allgemein als psychologische Charakterstudie eines extrem eitlen, labilen, sexistischen und homophoben Menschen hochinteressant. Insgesamt hätte als Untertitel des Buches "Ein Mensch wechselt seine Persönlichkeit" besser gepasst. Leider werden medizinische Details bezüglich der Intersexualität bzw. körperlichen Anomalie, und wie diese bei Lili Elbe "behandelt" wurde, wenig oder auf ausweichende Weise beschrieben. Das Buch gibt aber intime Einblicke in die Denkweise eines gestörten Menschen - und mit gestört meine ich nicht den Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung (oder, treffender gesagt, Reparatur), sondern die Art und Weise, wie er/sie die Welt und sich selbst sieht. Und Lilis Ärzte und Mitmenschen wirken auf mich ebenfalls gestört; jeder auf seine Art.
In beispielsweise folgendem Ausschnitt aus einem Brief von Lili Elbe an seine/ihre Freundin zeigen sich sehr gut die red Flags Lili Elbes:
"Vor ein paar Tagen hatte ich Frau Oberin im Scherz gefragt, ob man sich diesmal nicht mit einer Lokalbetäubung begnügen könne. Ich hätte nämlich Lust, einmal dem Professor beim Operieren zuzusehen. Außerdem, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, hätte ich auf diese Weise selber etwas mehr von dem Zusammensein mit dem Professor. Seine täglichen Visiten dauern ja immer nur ein paar Minuten. Ganz entsetzt sah mich Frau Oberin an. "Unmöglich! Lokalbetäubungen wenden wir hier nicht an, am allerwenigsten bei Unterleibsoperationen." Ich ließ den Kopf hängen. Am liebsten hätte ich geweint. Plötzlich fühlte ich einen furchtbaren Schrecken: Einmal werde ich ja doch meine geliebte Frauenklinik und meinen großen Beschützer verlassen müssen... Wäre es deshalb nicht besser - für mich - still einzuschlafen."
Dieser Ausschnitt über einen operierenden Arzt übertrumpft jedoch alles:
"Von Hélène habe ich einen entzückenden Brief erhalten. Sie erwähnte auch ein Gespräch mit dem Professor wegen meiner neuen Operation... Ich verstand nicht alles. Ob ich den Professor einmal frage? Es würde mir nicht leicht fallen. Er hat eine seltsame Art, mich unterwürfig zu machen. [...] Heute kam der Professor allein zu mir - ohne Frau Oberin. Und ich fasste Mut. Sehr vorsichtig stellte ich ein paar Fragen wegen meiner neuen Operation. Er fertigte mich kurz ab. Damit sollte ich meine Gedanken nicht beschäftigen. Basta! Ich wollte mich entschuldigen, sagte, dass ich nur aus törichter Neugier gefragt hätte... Wie ein Schulmädchen benahm ich mich. Da fühlte ich seinen Blick . "Schon gut, schon gut. Denken Sie nicht an derartige Dinge. Wozu wollen Sie Ihr junges Mädeldasein damit belasten? Leben Sie ruhig und sorglos so weiter in den Tag. Lassen Sie für alles andere mich sorgen." Dann ging er."