Der größte Dompteur des Augen-Blicks, der raffinierteste Komponist der Wirklichkeit, auf Abzüge bannend, was seiner legendären Leica-Kamera vor die Linse kam: Er konnte Echtes, Gelebtes hineinkomponieren, in behexend schöne Bilder, die es nur für diesen Hauch von Zeit so geben konnte, so aufzunehmen gab. Cartier-Bresson, du verdammte Legende: Er hat einfach den Auslöser gedrückt, eine Heldentat! Das fällt mir viel zu schwer, lächerlich schwer manchmal, und das gar mit meiner kecken blau-weißen, durchaus digitalen Canon, die sich doch theoretisch dutzende Male an so einem Moment, an dem alles richtig ist, versuchen könnte, ohne dass aus Dunkelkammer und den Dämpfen des Entwicklerbads Verwackeltes und Ungeratenes herauskäme. Ich will die Welt nicht falsch aufnehmen, allzu oft, oder gar unnötig in Unordnung bringen, wenn sie sich doch von mir festhalten lassen muss, sie ist schon unordentlich genug. Cartier-Bresson sieht in seinem Medium hinter jeder Unze Ästhetik, die wir an einem Foto bewundern, eine rasche, kühne Entscheidung als Begründung. Nach diesem Ethos schreibt er auch: Elegant, knapp und eilend, bloß kein behäbiges Verweilen, mit Reflexionen jonglierend, blitzgescheite Einsichten formulierend, funkeln muss es. Manchmal macht das Cartier-Bresson'sche aphoristische Tempo wehmütig nach mehr eingreifender Meditation, mehr Erkunden interessanter Gedanken. Aber vielleicht verlören die dann auch an Strahlkraft, seine Prosa an Wendigkeit. Cartier-Bressons aristokratisch-verschmitzte Stilkunde seines Meisterformats, der formvollendeten Fotoreportage, garniert der Mitgründer des legendären Magnum-Imperiums dann noch mit lakonischen Reiseberichten von Orten, an denen das Ablichten dessen, was wirklich ist, gelegentlich rechtschaffen ungemütlich werden konnte: China, Russland, Kuba. Hier muss er sich stets und schnellstmöglich positionieren, auf der Straße, zu den ihm fremden Menschen, zur Macht im Land, mit seinem schicken, zwielichtigen Ewigkeits-Apparat in den Händen, rasch ans Auge gehoben, unter die hochgebogene Braue. Cartier-Bressons schmaler Band an Schriften endet mit sanftmütigen, oft scharfsinnigen, sogar vereinzelt anrührenden Miniaturen über seine engsten künstlerischen Weggefährten, Vorbilder und persönlichen Freunde, die eher den Charakter einer Sammlung von liebevoll-schwermütigen Schwanengesängen haben und dem Buch zum Schluss den unnötigen Nachgeschmack eines staatstragend hergerichteten Dokuments aus dem Nachlass geben.