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Der Bürger

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Endlich beschloß der Gymnasiast Jürgen ‚Wenn noch ein Auto kommt, bevor die Turmuhr fünf schlägt, geh ich hinein und kaufe die Broschüre ... Ehrenwort?‘ „Ehrenwort!“ sagte er heftig zu sich selbst und las wieder den Titel der philosophischen Abhandlung. Seine Hand, die das Geld hielt, war naß. Der Blick zuckte fortwährend von der Broschüre zum Ziffernblatt. Der Zeiger stand knapp vor fünf. Da sauste das Auto um die Ecke, am Buchladen vorbei und war weg. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen. Jürgen wollte eintreten. Und nahm seinen Schritt zögernd wieder zurück. ‚Was wird mein Vater sagen, wenn ich sie kaufe? ... Und was würde er sagen, wenn er wüßte, daß ich sie kaufen will und dazu den Mut nicht habe? ... Oder würde er verächtlich lächeln, wenn ich jetzt kurz entschlossen in den Laden ginge?‘ Die Finger vor dem Leibe ineinander verkrampft, kämpfte er weiter, las den Titel, sah, wie der große Zeiger einen letzten Sprung machte. Und fühlte, während er sich „Feigling! Elender Feigling!“ schimpfte, daß sein Wille hinter der Stirn zu Nebel wurde. Das Phantom des Vaters stand neben ihm. Das Werk rasselte und schlug. Der Nebel verschwand. Und Jürgen Ich kann auch jetzt noch hinein. Aber sofort! ... Hat der Buchhändler eben gelächelt? Über mich? Der stand im Türrahmen und blickte gelangweilt über die gepflegte, sonndurchwirkte Anlage weg, in der die kreisenden Rasenspritzen Regenbogen schlugen. Solange er unter der Tür steht, kann ich ja nicht hinein.‘ Der Buchhändler gähnte, trat gähnend in seinen Laden zurück. ‚Jetzt! ... Wenn ich den Mut jetzt nicht aufbringe, wird das Leben auch in Zukunft mit mir machen, was es will. Das ist klar.‘ Da erschien bei der Kirche ein Mitschüler Jürgens, Karl Lenz, Sohn eines Universitätsprofessors. Jetzt natürlich kann ich nicht hinein, dachte Jürgen und ging mit Karl Lenz in die Anlage, sah abwesend eine Bonne an. Die gestärkten Röcke strotzten, und der elegante Kinderwagen federte von selbst auf dem gewalzten Sandwege am Tulpenrondell vorüber. Knapp hinter dem Kinderwagen ritt, das frischbackige Gesicht stolz erhoben, in verhaltenem Trabe ein kleines Mädchen im Knieröckchen so feurig auf dem Steckenpferde, daß die langen, schön gewölbten, nackten Schenkel sichtbar wurden. Die Gruppe machte sofort Halt, als der im Wagen strampelnde Säugling die Hand nach dem zu hoch hängenden Hampelmann ausstreckte.

358 pages, Kindle Edition

Published March 17, 2022

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Leonhard Frank

97 books14 followers

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Profile Image for Liedzeit Liedzeit.
Author 1 book115 followers
November 3, 2023
Der erste Teil des Buches ist konventionell. Ein Junge steht in einer Buchhandlung und traut sich nicht, eine philosophische Broschüre zu kaufen. Sein Name: Jürgen Kolbenreiher.

Jürgens Vater hält nicht viel von seinem Sohn, und sieht für ihn eine darum eine niedere Beamtentätigkeit vor. Vater stirbt, und die Tante treibt nunmehr den Sohn an, den Wunsch des Vaters zu erfüllen und ein achtenswerter Mann zu werden.

Stattdessen studiert Jürgen Philosophie und wird Sozialist und Aktivist. Zusammen lebt er mit der eigentlich unerreichbaren Katharina. Ein sozialistischer Aufsatz nach dem anderen wird geschrieben. Aber er ist dennoch unzufrieden. „Wer bis zum dreißigsten Geburtstag nichts geleistet und erreicht hat, wird auch später nichts mehr erreichen.“ – „So wird man schließlich vierzig.... Natürlich, wer ganz bedingungslos glaubt an den Sozialismus... Wer einfach glaubt!“

Was er denn erreichen wolle, fragt Katharina. „Das ist es ja eben.... Eh man sich versieht ist das Leben vorbei.“ Und Katharina legt das Hand aufs Herz. Sie wußte alles.

Er verlässt die schwangere Katharina.

Und so wird er zum Verräter. Wie er sich selbst sieht. Heiratet eine Bankierstochter, wird selbst erfolgreicher Banker. (Fast so erfolgreich wie der Schulkamerad Leo Seidel, ein Briefträgersohn, der von der Schule gehen soll, aber dem letztlich mit Hilfe Jürgens doch der Abschluss und anschließend mit Umweg über eine Kirmesanstellung eine große Karriere gelingt. Ein glänzender Subplot, zumal Jürgen sich aus Gefallssucht zwischenzeitlich gegen den Freund stellt. – Leider wird dieser Plot irgendwann sang- und klanglos fallengelassen.)

Aber auch das neue Leben füllt ihn nicht aus. Gehen wir doch in eine Ausstellung, schlägt die Gattin vor. „Warum nicht gleich zum Zahnarzt!“

Die Frau stirbt im Kindbett. Jürgen lebt nur noch für die Arbeit. Vergisst aber auch nie seinen Verrat.

Und nun, im zweiten Teil wird nur noch das Abgleiten Jürgens in den Irrsinn beschrieben. Wie gut das Leonhard gelingt, kann ich nicht sagen, manchmal mit Anklängen von Genialität, manchmal eher plump. Jürgen ist auf der Suche nach seinem Selbst. Entselbstet kommt er sich vor, beauftragt sogar eine Detektei nach ihm zu suchen. Spricht mit sich selbst und Tintenfässern, oder einer nicht gelieferten Zeitung. Besucht erst einen Nervenarzt, der ihm versichert, eine Seele gäbe es gar nicht, dann einen Psychiater, der die Sache etwas differenzierter sieht. Es folgen Reisen. Er wähnt sich in einer Zwangsjacke. Und zusammen mit der inneren, sollte er noch eine äußere darüberstülpen? Er betritt das Irrenhaus, um sich selbst einzuliefern, entflieht aber, genauso wie dem Selbstmord.

Was tun mit dem Leben? - ‘In der Kellerwohnung schlug ein Mann seine Frau. Wildes Geschrei. Das fahle Gesicht des weinenden Söhnchens erschien am eisenvergitterten Fensterquadrat knapp über dem Pflaster. - „Und in zwanzig Jahren schlägt das Söhnchen seine Frau, und deren Söhnchen weint.“’

Am Ende kauft er dem Sohn eine Broschüre ab. Und hört sich einen Vortrag Katharinas an. Alles gut?

Ich glaube nicht.
Profile Image for Greg.
597 reviews149 followers
December 22, 2024
Leonhard Frank is more historically significant because of the life he lived than because of the works he wrote. That is not to say his works aren’t important – I believe they are – but belong to a small niche who read early twentieth century German literature for historical as well as literary reasons. Frank was one of the better selling German authors in the early 1930s. His persona was beginning to outshine his literary personality; he even plays a vocal role in the meetings of the prestigious German Authors’ Society described in Uwe Wittstock’s Februar 33: Der Winter der Literature confirmed his bona fides in the upper echelons of German literature. His autobiographical novel of growing up in Würzburg, in northern Bavaria’s lower Franconia region, Die Räuberbande , solidified his reputation as a rising literary star, garnering a prestigious prize. His World War I-era novel Der Mensch ist gut became an anthem for pacifism that was even distributed in German POW camps. By the time of the tenth anniversary re-publication of Der Bürger (The Citizen) in 1927, Frank’s reputation with Germany’s left-wing intelligentsia was firmly in place; he was a veteran of its scene in Munich prior to the War, Zürich during it, and in Berlin during the Weimar years. So it is understandable that this novel met mixed reviews and seems somewhat out of place today.

Der Bürger is an odd novel, one with a somewhat muddled political message wrapped into an unevenly executed plot, saved somewhat by Frank’s occasional turn of phrase. Frank was a passionate socialist and pacifist whose novella again suffers from the same “curse” of Der Mensch ist gut, the concept was more intriguing than the execution. Der Bürger’s use of fiction as a vehicle to express his passion for socialism falls flat, with both novels plagued in the end muddles, exposing the writer’s indecision and exhaustion of plot.

In this case, the promising opening revolved around Jürgen Kolbenreiher, the son of minor nobility whose father is a respected judge in the community. But his passions develop for socialism at a young age and take him through his first marriage and early adulthood until he returns back to the fold of his family to fulfill the responsibilities of his birth. The rest of the novel is a strange mixture of regret, amnesia, and, at times, hate, that festers within Jürgen until an unsatisfactory end to the story finally arrives.

After its enticing beginning, one can see why this was once popular with readers and why it might not be today. Frank blamed his loss of reputation and sales after World War II – which never again reached pre-War status – on his books having been banned by Hitler and may well be true. But compared to writers like Remarque, Roth, Zweig, Feuchtwanger, and even his good friend Thomas Mann, Frank’s writing has difficulty in transcending its age, as this book proves.
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