Matthias Politycki, born in 1955, has published over 20 novels and poetry collections. He is ranked among the most successful literary authors writing in German. His books have sold over 200.000 copies and have been translated into several languages, including French and Italian. Jenseitsnovelle was first published in German in 2009.
Reichlich pathetische Altherrenprosa. Wir lernen über Frauen: Die schönen laufen keinen Marathon, denn schöne Frauen quälen sich nicht. Ältere Frauen tun es. Midlifecrisis. Unter ihnen dann erstaunlich viele gutaussehende Frauen. Marathonlaufen allgemein geht auf Kosten der Weiblichkeit. Während eines Marathons gelingt nämlich kein Augenaufschlag, da kann man nur Kumpel sein. Und so weiter. Wir lernen über Läufer: Sie sind die besseren Menschen. Und so weiter. Das Buch macht trotzdem Lust aufs Laufen. Ich werde dabei zwar Weiblichkeit verlieren, hab mich aber grad zum nächsten Marathon angemeldet.
Die Idee zu diesem Buch kam dem Autor bei einem 30km-Lauf in London, den er mit ein paar Freunden machte. Bei ihren Unterhaltungen stellten sie fest dass es eigentlich noch keine Sammlung zu den Gesprächen und Gedanken von "normalen" Marathoni gibt. Von den Gedanken der Topläufer dagegen gibt es seiner Meinung nach genug. Sein Buch soll aber nicht nur für Läufer sein: es ist auch für die Menschen, die es mit einem Läufer aushalten (müssen) oder auch diejenigen, die Marathoni für verrückt oder verantwortungslos oder für jemand halten, der vor etwas davon läuft.
Interessant ist, was der Autor nicht für einen Spitzenläufer hält: sich selbst. Dabei ist er mit seiner PB 10 bzw. 30 Minuten über meiner. Bin ich jetzt eine Laufschnecke? Aber ich habe gleich gemerkt, dass er ein eher entspannter Läufer ist, ein (Achtung, hier kommt ein böses Wort) Spaß:entsetzt:Läufer.
Und ich habe direkt in der Einleitung etwas gelernt: ein Marathoni ist jemand, der mindestens drei Marathons gefinisht hat. Bis jetzt dachte ich, dass einer reicht. Alle laufspezifischen Abkürzungen und Begriffe werden übrigens direkt erklärt, das gefällt mir gut. Anscheinend darf ich Herrn Politycki auf jedem Kilometer begleiten. Bis jetzt liegen wir auf einer Wellenlänge: auch wenn er noch so toll ist, gleicht ein Start doch dem anderen. Irgendwann kann man die Erinnerung nicht mehr einem bestimmten Lauf zuordnen. Und- es gibt keine Spaßläufe. Wenn wir irgendwo starten, dann wollen wir maximale Erfolge. Egal, ob es eine Woche vor dem nächsten oder einen Tag nach einem dem letzten Wettkampf ist: ich will immer so gut wie möglich laufen. Schonen kann ich mich, wenn ich schlafe.
Altersklassen schützen übrigens nicht vor Ehrgeiz. Ich dachte immer, dass die Zeiten langsamer werden, je höher die AK ist. Nichts da: ab AK40 zieht es noch mal so richtig an.
In einem Punkt unterscheiden wir uns aber deutlich: ich habe gelernt, mich nicht beim Start mitreissen zu lassen und zu schnell anzugehen. Ich werde vielleicht mitten im Lauf noch mal übermütig, aber ich kann mir meinen Lauf mittlerweile einteilen. Start, Kilometer 1 - 4 Beim Start ist jeder alleine, da stimme ich ihm zu. Besonders bei den ganz großen Rennen hat jeder Läufer mit sich selbst zu tun und achtet selten auf das, was um ihn herum passiert. Je kleiner das Rennen, desto mehr achtet man auf die Leute, auf die Ausrüstung, wie fit derjenige wirkt (meistens sind die besonders gut ausgerüsteten und besonders fit wirkenden diejenigen, die es am schwersten haben) und ob man vielleicht den einen oder anderen kennt.
Dann geht es endlich los. Und auch hier haben wir wieder eine Gemeinsamkeit: der Streckenplan ist und sehr wichtig. Er will wissen, wo er läuft und ich will mir die Strecke in kleine Häppchen einteilen. Damit betrüge ich mich selbst ein bisschen weil es nicht nach so viel aussieht, aber doch viel ist.
Ein Satz hat mich aber erschreckt: beim Laufen wird der Kopf abgeschaltet und der Läufer wird zur Maschine. Auch das kenne ich von mir aber... wenn der Kopf abgeschaltet wird, denkt man doch nicht mehr. Ist das Buch jetzt etwa zuende? Kilometer 5 - 10: Jaja, die lästige Kleiderfrage. Also ist das Problem mittlerweile auch bei den Männern angekommen. Manche sollen ja mehr Geld für Laufsachen ausgeben als ihre Frauen für Schuhe :zwinker: Daran kann man den Marathonläufer um Ultramarathoni unterscheiden: die achten da nämlich (noch) überhaupt nicht drauf.
Auf diesen Kilometern ist für Autor und Leser der Stess am größten: es wird gedrängelt und oft viel zu aggresiv überholt. Und es gibt leider die Idioten, die sich von einer Frau nicht überholen lassen wollen und Arm oder Bein raustehen lassen. Hat man alles schon erlebt :grmpf:
Politycki erzählt auch, welche Auswirkungen der Anschlag in Boston 2013 hatte. Er ist sechs Tage später in London und im Herbst in New York gelaufen udn hat die Folgen direkt mitbekommen. Das war ein sehr beeindruckendes Kapiten.
Noch ein Nachtrag zu Kilometer 3: man kann sich bei einem Marathon nicht verlaufen? Ha- der war eindeutig 2014 in Mannheim nicht dabei!
Ultramarathon: alles, was mehr als 42,195 km ist. Die kürzesten Wettkämpfe beginnen bei 45km, nach oben gibt es kein Limit. Kilometer 11-20: Es gibt Läufer, die stur ihre Kilometer abreissen und solche die sich auch für das Leben neben der Strecke interessieren. Beim Autor und seinen Freunden ist beides vertreten. Bei mir kommt es auf die Strecke an. Je kürzer die sit, desto mehr bin ich in meiner Welt. Beim Marathon achte ich schon mehr darauf, was sonst noch so passiert. Da klatsche ich Kinder ab, freue mich über Events an der Strecke und bleibe schon mal kurz stehen, um mit meiner Mutter und meiner Tochter zu plaudern.
Ernährung ist auch ein großes Thema. Was nimmt man beim Laufen zu sich? Das muss jeder selbst für sich entscheiden. Ich war lange Zeit ein Fan von Gels, mittlerweile schwöre ich auf Riegel. Bloss keine Bananen, die haben mich in Freiburg fast aufhören lassen. Am liebsten sind mir aber Gummibärchen, die sind auf jedem Vorbereitungslauf dabei.
Trainingspläne? Da sind Männer und Frauen sehr unterschiedlich gestrickt. Ich kenne viele Männer, die streng nach Plan laufen (eigentlich sind es die meisten), aber nur eine Frau, die das macht. Frauen laufen nach der Erfahrung des Autors viel entspannter- recht hat er.
Schuhe... darüber hat er sehr schön geschrieben. Man fängt klein an, mit einem Paar und wird dann immer exzentrischer. Nicht wenigeseiner Freunde haben mehr Schuhe, als die Woche Tage hat. Dabei braucht man doch nur ein Paar pro Lauftag :zwinker: Über Schuhe und ihre Sprengung können Läufer ewig reden.
Mein bisher liebster Kilometer war der, in der die Laufclique die Marotten aufführt, über die sie sich beim Marathon ärgern. Jeder ärgert sich über etwas anderes- und ich habe mich bei so vielem wiedererkannt (die meisten aus der Clique übrigens auch).
Sprengung: Höhenunterschied zwischen Ferse und Zeh beim Schuh. Je niedriger die Sprengung, desto mehrgeht es in Richtung Barfußlaufen und desto mehr Muskeln werden beansprucht. Die meisten Schuhe haben 10-11mm, ich laufe meine Wettkämpfe mit 8mm. Die Sprengung hat übrigens nichts mit der Dämpfung zu tun. Es gibt Schuhe mit niedriger Sprengung, die super gedämpft sind. Kilometer 21-30: Für die meisten Marathoni und die Leute an der Strecke gehören Eliteläufer nicht richtig dazu. Sie rasen durch, um Geld zu verdienen und verschwinden dann wieder. Kann ich verstehen, auch wenn ich mich immer freue, wenn mich einer der Eliteläufer auf seinen letzten Metern überholt, während ich gerade in Richtung HM-Distanz unterwegs bin.
Sowieso ist die HM-Marke sehr wichtig. Hier merkt man, ob man sich das Rennen gut eingeteilt hat, wie weit man von seiner Zielzeit entfernt ist und ob es noch "reicht". Der Autor hätte so eine Marke auch gerne im echten Leben. Ich eher nicht, denn dann wüßte ich irgendwann, dass es nur noch dem Ene entgegengeht.
Herr Politycki und ich haben beide drei Zielzeiten: die eine, die man gerne erreichen würde, die Realistische und die, mit der man noch gut leben kann. Muss ich erwähnen, dass unsere Zielzeiten gute 20 Minuten auseinander liegen?
Marathonläufer sind Kontrollfreaks- und Angeber :smile: Man erzählt vor dem Start und beim Umziehen von tollen Läufen, die man schon gemacht hat und trägt natürlich immer ein Finishersirt. Ok, nicht immer. Nicht wenn es zu heiss ist.
Ab 27km wird es dann ernst. Dann sind alle Kohlenhydrate verbraucht und der Körper schaltet auf Fettverbrennung um. Dann sieht man, ob der Kopf stimmt. Denn der ist das Einzige, was dich noch vorwärts bringt. Hier fangen die meisten zu gehen an. Jetzt kommt die Zeit für das persönliche Mantra. Der Autor und seine Clique denken fast alle ans Essen (was mir das Rezeot für einen sehr interssant klingenden Smothie beschert hat). Ich rechne rückwärts. Ich teile mir meine Läufe in 3km-Splits ein und jedesmal, wenn ich auf die Uhr schaue denke ich "bei dieser Pace kommst du mit XX:XX:XX ins Ziel". Das macht die Sache endlich. Kilometer 31: Ab 30km beginnt man, laut Herrn Plitycki zu laufen. Das stimmt. Ich habe keine Probleme damit, regelmäßig 30 km zu laufen. Aber sobald ich länger laufen will, tue ich mich schwer. Schon vom ersten Kilometer an. Es ist eine magische Grenze, die in der Vorbereietung nur schwer zu überwinden ist.
Der ewige Unterschied zwischen Joggern und Läufern... Ich persönlich mag es nicht wenn man zu mir sagt, ich gehe joggen. Dem Autor uns seinen Freunden geht es genauso. Aber er hat eine schöne Unterscheidung gefunden: der Jogger hat höchstens mal Muskelkater, er läuft vom Start an locker los. Der Läufer tut sich auf den ersten paar hundert Metern schwer. Er hat noch Schmerzen vom vorigen Lauf. Aha... [size=6pt]ich bin ein Läufer [/size] :zwinker:
Und auch im Ziel erkennt man den Unterschied. Der Marathoni hält denjenigen, der den HM gefinished hat, für einen Jogger. Für den Ultraläufer sind Marathoni dagegen Jogger... Kilometer 32 bis Ende: Ab hier ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Der Autor und seine Mitläufer tauschen allenfalls noch Blicke, aber jetzt läuft jeder alleine. Wenn ein Blackout kommt, kommt er meistens hier. Das war bei Matthias Politycki so und bei mir ist es nicht anders. Mein schlimmster Blackout war 2014 bei Kilometer 33 in Ludwigshafen, keine 500m von meiner Wohnung entfernt. Wenn mich mein Mann damals nicht überholt und beschlossen hätte, dass er mit mir zusammen den Rest läuft/geht- ich wäre nach Hause gegangen. Das war auch das erste Mal bei einem Marathon, dass ich geheult habe.
Was bei mir allerdings oft ganz anders läuft: ich reisse die letzten 3-5 km nicht immer automatisch 'runter. Mir fällt jeder Schritt schwer. Und trotzdem geniesse ich jeden einzelnen und die Laune steigt mit jedem Schritt... außer vielleicht beim Allerersten, da war ich nur am A... und wußte trotzdem, dass ich wieder einen laufen würde.
Um die Fragen zu beantworten: warum ich Marathon laufe? Weil ich es kann. Das mag arrogant klingen, aber so ist es. Ich kann es,es macht mir Spaß und es reicht mir einfach nicht mehr, 21,1 zu laufen.
Was ich dabei denke? Viel mehr, als in dem Buch steht und als ich teilen möchte
Was mich am Anfang gestört hat: Es ist etwas unmodern geschrieben. Ich schätze auch, dass ich nicht die Zielgruppe bin - würde die Zielgruppe bei männlichen Läufern mittleren Alters einordnen.
Trotzdem war es schön, etwas über das Laufen zu lesen. Mein letzter Marathon ist bereits 6 Jahre her, und durch das Buch wurde ich wieder an Sachen erinnert, die ich fast schon vergessen hatte...und gar nicht wusste, dass ich sie vermisst habe. Außerdem macht es wieder Lust zu Laufen.
Irgendwie hatte ich mehr von dem Buch erwartet. Klischees werden bedient, besonders Frauen werden über einen Kamm geschoren. Ich hatte manchmal nicht das Gefühl, dass der Autor, dass Laufen wirklich noch liebt (dann könnte man ihn ja aus Versehen als Jogger abstempeln 🙄😂). Vieles waren eher Wehklagen in dem Buch, die zwar auch berechtigt sind, aber mir lag der Dokus zu sehr auf dem Negativen. Meiner Meinung nach gibt es aber eindeutig bessere Bücher über Marathonläufe und rund um diesen wundervollen Sport.
Warum verstehen männliche Läufer eigentlich nicht, dass wenn sie schon ein Buch schreiben nun wirklich niemand ihre klischeehaften Vorurteile in puncto Frauen wissen will? Nur ein Beispiel aus dieser Altherren-Erkenntnis-Box: Hübsche Frauen laufen übrigens maximal Halbmarathon, wer Marathon läuft ist als Frau also nicht mehr schön.
Das Buch ist sonst soweit in Ordnung aber das wertet den leichten Sexismus hier und da leider nicht auf.
Das Buch hat sich quälend in die Länge gezogen und ist bisher das langweiligste Laufbuch aller von mir gelesenen. Es gab ein paar wenige interessante Facts, war ansonsten aber so oberflächlich am vor sich hinplätschern, dass das lesen nur wenig Spaß gemacht hat.