Sklaven der Macht: Wie sich die Demokratie vor ihren Experten schützte
Stellen Sie sich vor, der Präsident der Bundesbank, der Polizeipräsident oder der Leiter des Bundesarchivs wären keine hochbezahlten Beamten, sondern Sklaven im Gemeinschaftsbesitz des Volkes. Mit diesem provokanten Gedankenexperiment eröffnet der Historiker Paulin Ismard seine ebenso faszinierende wie irritierende Studie über ein Phänomen, das unserem modernen Staatsverständnis radikal widerspricht, für die antike griechische Demokratie jedoch konstitutiv war: die öffentlichen Sklaven (dêmosioi).
Die Kernthese: Expertise darf nicht herrschen
Ismard räumt mit dem verbreiteten Missverständnis auf, Sklaverei in der Antike sei ausschließlich eine Form ökonomischer Ausbeutung gewesen. Anhand der öffentlichen Sklaven – die als Archivare, Polizisten, Gerichtsdiener oder Münzprüfer fungierten und teils privilegierte Lebensbedingungen hatten (Kapitel III) – zeigt er, dass ihr Einsatz einer klaren politischen Logik folgte.
In einer direkten Demokratie, in der alle Macht beim Bürger liegen sollte, stellte spezialisiertes Wissen eine potenzielle Gefahr dar. Wer Expertise kontrolliert, könnte Herrschaft über die Unwissenden ausüben. Die athenische Lösung war ebenso radikal wie konsequent: Man übertrug zentrale Verwaltungs- und Kontrollfunktionen an rechtlose Personen. Da öffentliche Sklaven keinerlei politische Legitimität besaßen, konnte ihr Wissen niemals in Macht umschlagen. Expertise wurde so politisch neutralisiert.
Die Polis gegen den Staat
Das Buch lässt sich zugleich als Analyse der bewussten Verhinderung von Staatlichkeit im modernen Sinne lesen. Ismard argumentiert – insbesondere in Kapitel V (« Les mystères de l’État grec »), dass die Athener durch den Einsatz öffentlicher Sklaven gezielt die Herausbildung eines autonomen Verwaltungsapparates verhinderten.
Ein Sklave konnte sich nicht als „Diener des Staates“ gegenüber dem Volk verselbstständigen, da er Eigentum des Volkes blieb. Verwaltung war vorhanden, aber sie blieb unsichtbar – und damit politisch ungefährlich. Der Staat konnte sich nicht über die Bürger erheben, weil es ihn als eigenständige Instanz noch nicht gab.
„La démocratie contre les experts“ ist weit mehr als eine historische Spezialstudie. Ismard nutzt die Figur des öffentlichen Sklaven, um die epistemologische Ordnung der Demokratie freizulegen (Kapitel IV). Das Buch hält einer Gegenwart, in der Expertenwissen häufig als alternativlose Herrschaftsgrundlage dient, einen unbequemen historischen Spiegel vor.
Es zeigt eine Demokratie, die so radikal war, dass sie den Experten zum Sklaven machte, um frei zu bleiben – eine verstörende, zugleich intellektuell brillante Analyse der politischen Bedingungen von Freiheit.