Meine letzte Lektüre von Lovecraft (1890-1937) ist einige Jahrzehnte her. Ich erinnere mich an „Berge des Wahnsinns“ und daran, dass es wenig Handlung gab und, statt konkret zu werden, andauernd das Entsetzliche, Unaussprechliche, Unfassbare des Erlebten beschworen wurde. Ähnlich wie bei Edgar Allan Poes Geschichte vom monströsen Mahlstrom.
Die vorliegende, relativ neue Sammlung von Geschichten kam mir beim Stöbern unter die Augen. Sie enthielt keine, die ich schon kannte und das war Motiv genug, die 5 Euro zu investieren.
Die Sammlung bietet eine Auswahl wohl seiner besten Erzählungen und vermittelt einen guten zeitlichen und stilistischen Überblick über Lovecrafts Werk aus dem düsteren Fantasybereich. Größtenteils wurden die Geschichten für Groschenheft- oder Pulp-Magazine der 1920er Jahre gefertigt. Einige Werke hat er auch als Ghostwriter verfasst. Erstaunlich für mich, dass damals solche Magazinreihen zu den abgedrehtsten Themen (Horror, SciFi, Dystopie) schon so populär waren.
Weniges gibt es aus dem erwähnten, von mir nicht so geschätzten Unsagbarkeitstopos. Das klingt dann so: „… wie Sie unaussprechliche Opfer unbeschreiblichen Göttern darboten …“ oder „…hinter dem allen sah ich die unsägliche Verruchtheit vorzeitlicher Nekromanie …“.
Eine Kategorie sind Horrorgeschichten à la Poe. Viele spielen an düsteren Orten des damaligen Amerika wie Friedhöfe oder seltsame, verfallene Siedlungen in abgelegensten Gegenden der USA. Da wird der Autor überdeutlich zum Vorläufer von Stephen King.
Ein zweiter Bereich sind Geschichten einer sich bis zu Raserei oder Wahnsinn steigernden Besessenheit von Menschen, entweder aus der Perspektive eines Beobachters oder in Form von Aufzeichnungen der Betroffenen selbst, die dann fast zwangsläufig irgendwo plötzlich abbrechen.
In der Erzählung „Der leuchtende Trapezoeder“ finde ich unerwartet eine Szene, die aus dem Herrn der Ringe sowohl im Buch, mehr noch im Film bekannt ist. Es geht um das Auge des Bösen. Bei HdR war es die Kugel, Äonen alt, die ihre Besitzer beim Betrachten unweigerlich in den Bann des Bösen zieht, das durch das Auge Zugriff und Macht hat. Der Gegenstand kann manchmal über lange Zeiträume verbannt oder verloren sein, um dann eher zufällig, oder auch nicht zufällig, wieder gefunden zu werden und sein Unheil von Neuem zu verbreiten. Lovecraft hat diese Geschichte vom 5.-9.11.1935 geschrieben für das Pulp-Magazine Weird Tales. Veröffentlicht wurde sie im Dezember 1936 und nochmal in einem Sammelband 1939. Gut möglich, ich denke sogar, sehr wahrscheinlich, dass Tolkien dort die Idee gefunden und in seinen HdR-Zyklus, geschrieben 1937-1949, eingebaut hat. Am besten finde ich Lovecrafts Werke aus dem Bereich, der als Cosmic-Horror bezeichnet wird. In der Handlung tauchen Andeutungen und Hinweise auf fürchterliche Urwesen auf, oft als die Alten bezeichnet, die in Urzeiten, manchmal noch vor Entstehung der Menschheit, die Erde heimgesucht haben. Sie stammen aus unbekannten Sphären des Universums und haben die Saat des Unheils auf der Erde hinterlassen. Das zieht sich durch die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Geschickt arbeitet Lovecraft hier Kulte, Werke, Namen ein, die tatsächlich existiert haben oder in anderen Erzählungen oder Legenden vorkommen. Hier lohnt sich für den Leser das googeln, z.B. über den Cybele-Kult (vor)römischer Zeit oder die Magna Mater. Arabische Kulte oder das Necronomicon tauchen immer wieder auf.
Auf eine solche Geschichte des Cthulhu bezieht sich auch der BonusTrack des Herausgebers. Seine Hommage spinnt die letzte Geschichte des Bandes in der Jetztzeit fort. Cool geschrieben mit frappierendem Unterschied im Schreibstil, emotional bei Lovecraft, nüchtern bei Marzin, mit furiosem Schluss. Viel Vergnügen.