August Strindberg gilt gemeinhin als einer der wichtigsten Schriftsteller der schwedischen Literatur – wenn nicht sogar als der wichtigste. Blickt man auf seinen gewundenen Lebensweg und sein gesamtes Schaffen, so bleibt ein Bild von größter Produktivität und seelischer Unruhe gleichermaßen. Bei dem vorliegenden Band hatte ich meinen ersten Berührungspunkt mit Strindberg, indem ich die hier zusammengefassten acht Dramen gelesen habe.
Es sind wichtige Stücke aus beiden stilistischen Phasen Strindbergs zu finden: allen voran „Der Vater“ (1887) und „Fräulein Julie“ (1888) aus dem Naturalismus, „Totentanz“ (1901) und die „Gespenstersonate“ (1907) aus dem Expressionismus. Die weiteren enthaltenen Stücke heißen „Kameraden“ (1888), „Ein Sommertraum“ (?), „Die Hemsöer“ (1887) und „Ostern“ (1900).
Die Stücke spielen alle in etwa zu der Zeit, aus der sie stammen und beschränken sich oft auf nur einen Ort, an dem alles geschieht, bspw. ein großer Saal oder ein Zimmer. Selten ändert sich diese Perspektive, und mir fiel auch auf, wie wenige Personen in den Stücken bisweilen vorkommen. „Fräulein Julie“ führt nur drei Personen ein, und auch in „Totentanz“ beschränkt sich die Anzahl der wesentlichen Personen auf drei, wobei sich dieses Stück über 100 Seiten lang hinzieht. Aus den statischen Schauplätzen und der geringen Personenanzahl kann man bereits schließen, wie viel Entwicklung dann mit den wenigen Charakteren passieren muss, um den Leser am Ball und die Spannung aufrecht zu erhalten.
„Der Vater“ handelt von der Frage eines Vaters, ob er wirklich der Vater seiner Tochter sei, über deren berufliche Entwicklung er gerade zu entscheiden hat. Seine Frau hat jedoch andere Vorstellungen als er und pflanzt ihm regelrecht diesen Gedanken ein, dass er vielleicht nicht der wahre Vater sei.
In „Kameraden“ geht es um das Künstlerpaar Axel und Bertha, das in starkem Konkurrenzdenken miteinander lebt. „Fräulein Julie“ behandelt die Liebesgeschichte zwischen der Baronstochter Julie und ihrem Untergebenen Jean. Diese Geschichte fand ich sehr packend und der altbekannte Klassenkonflikt war sehr schön herausgearbeitet.
Weitere Erwähnung verdient „Totentanz“, in dem der alte Kapitän in tyrannischer Ehe mit Alice lebt und wie ein „Menschenfresser“ allen Besitz und alle Träume anderer Menschen verschlingt, für diese zerstört und selbst verwirklicht. In einer Geschichte, die fast als psychologische Studie durchgehen könnte, wird die Entwicklung dieser beiden Menschen erzählt, die mehr bedrückend und unangenehm als unterhaltsam war. Ganz unwillkürlich hatte ich bei der Vorstellung des Kapitäns immer Klaus Kinski vor Augen, der gewiss eine passende Besetzung gewesen wäre.
Die „Gespenstersonate“ ist das absurdeste Stück in diesem Band und vereint eine uralte Frau, die seit Jahren nur in einem Garderobenschrank lebt, wie eine Mumie auftritt und wie ein Papagei spricht, mit einem Milchmädchen, das nur für zwei Personen sichtbar ist, mit einem alten Direktor im Rollstuhl und einem jungen, liebenden Studenten. Dieses Stück war zwar interessant zu lesen und lässt Spielraum für symbolhafte Interpretationen, aber es war mir auch etwas zu konstruiert.
Mit Abstand am besten gefiel mir „Ostern“, und meiner Meinung nach sticht dieses Stück in dieser Sammlung wirklich am positivsten hervor. Darin geht es um die Liebesgeschichte zwischen der Tochter Eleonore, die gerade frisch aus der Psychiatrie nach Hause kommt, und dem Schüler Benjamin, während Eleonores Bruder, Elis, sich um die alten Verpflichtungen des Hauses kümmert. Dieses Stück schlägt mit der Wahl der Sprache, der nicht ganz so stark ausgeprägten Aussichtslosigkeit und der menschlichen Fürsorge der Charaktere einen gänzlich anderen Ton an, als die restlichen Stücke in dem Band. Ohne Übertreibung nenne ich es eines der besten Theaterstücke, die ich bislang gelesen habe.
Zu Beginn habe ich mich recht schwer mit den Stücken getan. Die ersten Stücke, „Der Vater“ und „Kameraden“, gefielen mir lediglich mittelmäßig gut, aber das folgende „Fräulein Julie“ hat mich schnell gefesselt. Womöglich habe ich erst ein wenig Zeit benötigt, um in das Lesen von Theaterstücken zurückzufinden, aber auch rückblickend finde ich diese ersten beiden Stücke nicht so reizvoll, wie die folgenden.
In der Auswahl dieser Stücke behandelt Strindberg vor allem entstehende Liebesgeschichten und als vollkommener Gegenpol dazu den Hass, der sich aus langen Ehejahren entwickeln kann. In letzterem blüht Strindberg scheinbar völlig auf. Seine Figuren ertragen sich gegenseitig mit großer Bitterkeit und teilen ihren Missmut durch überhebliche Bemerkungen mit, bis sie sich irgendwann nur noch beleidigen können und schließlich tatsächlich ins Gesicht spucken („Totentanz“). Stets präsent ist dabei in den Figuren jedoch der Wehmut über ihr einstiges Glück, ihre Liebe füreinander, was ständig für Spannung und innere Zerrissenheit sorgt.
Vielleicht ist das gerade der Grund, weshalb ich „Ostern“ so eindrucksvoll fand. Im Zusammenhang der elenden, pessimistischen Geschichten bildet „Ostern“ einen Lichtblick, eine Aussicht auf Menschlichkeit. Dass Strindberg auch so kann, ist aber andererseits womöglich auch wieder traurig, denn indem man durch die vorangehenden Stücke dahingehend geimpft wurde, scheint es, als könne die Schönheit von „Ostern“ nicht so ohne Makel sein, wie man sie beim Lesen empfindet.
Negativ anzumerken ist bei der vorliegenden Ausgabe vom Lingen-Verlag jedoch, dass keinerlei Informationen über die Übersetzung oder die Stücke vorliegen. Auch sind im Druckbild so viele Fehler, Buchstabendreher und Weglassungen enthalten, wie ich sie in keinem anderen Buch bisher vorgefunden habe. Normalerweise ist man als Leser hier ja nachsichtig, aber wenn man wirklich alle paar Seiten von solchen auffälligen Fehlern aus der Lektüre gerissen wird, ist es eindeutig viel zu viel.
Interessierten und Theaterbegeisterten empfehle ich die Lektüre von Strindberg auf jeden Fall. Allen voran „Fräulein Julie“ und „Ostern“ haben mich wirklich sehr beeindruckt. Auch „Totentanz“ wird mir mit Sicherheit im Gedächtnis bleiben, aber ein schönes Bild habe ich davon nicht. Jedenfalls wird es nicht meine letzte Begegnung mit ihm gewesen sein – dann jedoch in einer weniger fehlerhaften Ausgabe und mit Fokus auf seine Romane.