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Kontinent Doderer: Eine Durchquerung

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Die Romane Heimito von Doderers sind spannend, handlungsstark, figurenreich und sehr, sehr komisch - 50 Jahre nach dem Tod des Autors allerdings bilden sie einen fast vergessenen literarischen Kontinent. Dieser ist jetzt neu zu entdecken. Der Wiener Literaturkritiker Klaus Nüchtern folgt bei seiner Durchquerung des "Kontinents Doderer" strikt der eigenen Neugierde. Er durchmisst ganz Sibirien, wo der Autor im Kriegsgefangenenlager zum Schriftsteller wird, und steigt die Stufen nicht nur der berühmten Strudlhofstiege hinauf, sondern auch ins Souterrain schlecht ausgeleuchteter Hausflure herab, wo die von Doderer inbrünstig gehassten Hausmeister hausen.

Akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, wird Doderers verschlungener Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit verfolgt. Nüchtern registriert die restaurativen Tendenzen Doderers ebenso wie dessen Tuchfühlung mit der Avantgarde und weist unter anderem nach, dass der passionierte Voyeur und arrogante Kinomuffel erstaunlich viel mit Alfred Hitchcock zu tun hatte.

450 pages, Kindle Edition

Published September 5, 2016

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Profile Image for David Ramirer.
Author 7 books41 followers
October 6, 2016
im doppelten doderer-jubiläums-jahre einen umfangreich bemessenen band mit essayistisch zusammengestellten gedanken zu doderer abzuliefern ist einerseits marketingtechnisch sehr klug kalkuliert, andererseits kann aber von einem solchen werk nicht ganz zu unrecht erwartet werden, dass es zumindest ein paar essentielle neue erkenntnisse liefert.

zum ersteren umstande sei anzumerken, dass das buch sehr gediegen daherkommt: aufwendige hartcoverausgabe im doderer-hausverlag c.h.beck, edles papier, lesebändchen, klar gesetzte seiten, gut gewählte schriften... somit eine zierde für jeden gehobenen bücherschrank. als produkt der buchdruckerkunst kann dieses buch daher sicher gut verkauft werden und sich nicht nur in diesem jahr auf entsprechende verkaufszahlen einstellen. das sei ihm auch wirklich gegönnt, denn arbeit steckt sehr viel drin, die auch entlohnt werden soll!

schade jedoch ist, dass bei genauerem betrachten des produktes (vulgo: dem lesen!) der rein optische ersteindruck der gediegenen materiellen endform nicht stimmig mit den inhaltlichen gegebenheiten gegenübergestellt werden kann.
das doch umfangreich bemessene (352 seiten) buch besteht zu fast 37% aus fußnoten, anhang und ein paar kaum bedeutsamen abbildungen, was die reine textmasse auf 223 seiten schrumpfen lässt (die alphabetische auflistung einiger personen aus Die Dämonen und Die Strudlhofstiege wird hier selbstverständlich zum anhang hinzugezählt, da bei diesem supplement von der essayistischen grundidee gar nicht mehr die rede sein kann). meineserachtens bewegen wir uns hier im bereich der bauschung durch einen nur scheinbar gerechtfertigten wissenschaftlichen apparat, der eher hemmt als nützt (dazu gleich).

die erkenntnisse, die in den essayistischen kapiteln zu den großen romanen - und auch in den zu anderen themen rund um doderers leben - verarbeitet werden, kann ich nur "schwammig" und "verwolkt" nennen. beobachtungen auf mikro-ebene, die immer wieder sich an schier endlos aneinander gereihten zitaten aus den romanen entlanghangeln wechseln sich ab mit behauptungen und mutmaßungen. vieles davon kann man glauben, anderes ist einfach aus beobachtungen anderer nicht allzuweit abgeleitet. nüchtern selbst schreibt in seinem vorwort ganz richtig, dass "über doderer schon viel kluges gesagt und geschrieben wurde, und (er) keinesfalls in den verdacht geraten möchte, sich mit fremden federn schmücken zu wollen" - was löblich ist. dass aber in all der sekundärliteratur, die er mit viel detailversessenheit durchgearbeitet hat, und nun zitiert, seine eigenen gedanken und erkenntnisse "aufgehen" und sein eigener beitrag dadurch nicht mehr erkennbar wird, war wohl kaum teil seiner absichten.

ich fand in den essays nur wenig neues, also im essayistischen sinne entwickeltes, was wohl eben auch an dieser zitatfülle liegt, die den essayistischen gedankenstrom erst gar nicht beginnen, geschweige denn erblühen lässt.
dabei - und das sei als rechtfertigung für den zweiten stern, den ich dem buche gebe, angemerkt - muss ich darauf hinweisen, dass klaus nüchtern ein famoser stilist ist, der wirklich geschliffen schreiben kann, oder es, besser gesagt: könnte. ich habe während des lesens wiederholt den eindruck gehabt, nüchtern möchte etwas sagen, er hebt an, probiert es... und schon wieder kommt ihm ein zitat dazwischen, zerbricht seinen gedanken, bevor er wieder anhebt... und das nächste zitat alles kaputt macht.
vielleicht ist es die allzu große ehrfurcht vor der vorhandenen sekundärliteratur, die hier alles verunmöglicht; diese unart auch wissenschaftlicher texte, eigene gedanken nur in einem wust an bezügen zu anderen texten wie unkraut dazwischen kaum noch stehen zu lassen: alles unlesbar im grunde, kein vergnügen und keine freude, für keinen leser.

leider reiht sich nüchterns text dadurch, in dieser form, nun in die lange reihe wissenschaftlicher arbeiten über doderer ein, die den leser nicht näher an doderer heran - sondern tatsächlich eher von ihm wegführen, in die verwirrung zwischen diversen beobachtungen innerhalb der romane... und rechtfertigungs- und erklärungsmodellen für ereignisse in seinem privatleben, die nur bedingt aufschluss geben über fragen zu den romanen...

...die eben, wie bei jeder (vor allem großer) literatur, nur die romane selbst beantworten können.
daher empfehle ich, nach wie vor: doderer lesen. unbedigt seine bücher.
danach, bei offenen fragen, eventuell in die biographie von fleischer, einige schriften der heimito von doderer-gesellschaft, oder das großartige buch von stefan winterstein über die strudlhofstiege, ... oder auch andere sekundärbücher hineinblättern... aber diesen wissenschaftlichen ansatz keinesfalls überbewerten, und nicht zu ernst nehmen.

die antworten selbst suchen.

hier findet man keine... eigenen.
denn nur die zählen für mündige leser.
Profile Image for Peter.
609 reviews26 followers
August 9, 2017
25.06.2017 Klaus Nüchtern ist ein blitzgescheiter sprachlicher viel-PS-iger Nobelhobel. Diese Doderer Biographie, die keine Biographie ist sondern mehr eine Bedienungsanleitung fürs Dodererlesen. Apropos Bedienungsanleitung wiederum als Verständnisanleitung für diese Nichtbiographie empfiehlt sich ein Fremdwörterlexikon - das kann ruhig ein älteres sein denn die Begrifflichkeiten die man nachschlagen wird wollen sind auch nicht ganz junger Provenienz. Insgesamt eine Herausforderung der vergnüglichen Art.
Und jetzt gehe direkt zu den Dämonen über. Ich freu mich schon.
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