Die Frage, inwiefern der Kapitalismus unsere Sexualität prägt, ist durchaus eine spannende. Illouz und Kaplan gehen dieser im vorliegenden Essay nach, indem sie das (nicht ganz neue) Konzept des „sexuellen Kapitals“ vorstellen und die drei Arten vorgegebenes sexuelles Kapital (Keuschheit und Häuslichkeit), sexuelles Kapital als Mehrwert des Körpers und verkörpertes sexuelles Kapital um die zusätzliche Kategorie neoliberales sexuelles Kapital ergänzen. Dabei handelt es sich um die Nutzbarmachung der eigenen Sexualität für den Arbeitsmarkt, indem diese in Selbstwert und soziale Fähigkeiten übersetzt wird.
Die eigentliche Ausführung dieser Idee nimmt allerdings einen viel zu geringen Teil des Essays ein, sodass das Konzept allenfalls schwammig wirkt.
Des Weiteren ist die Argumentationsweise der Autorinnen teilweise unlogisch, sodass manche Punkte weit hergeholt wirken. Woher ziehen sie beispielsweise den Schluss, dass die Sphäre der Produktion und der Reproduktion nicht mehr voneinander zu trennen sind?
Besonders auffällig ist die fehlerhafte Argumentation in Bezug auf das Thema Sexarbeit: An einer Stelle (S. 65) wird ein Bordellbetreiber (aus einer anderen Quelle) zitiert, der sein Bordell so vermarktet, dass das von den Kunden erworbene „Produkt“ weniger als Geschlechtsakt, sondern mehr als Erlebnis, ähnlich wie ein Barbesuch, gesehen wird. Direkt im Anschluss schreiben die Autorinnen: „Dementsprechend erleben nicht alle Sexarbeiterinnen Traumata, direkte Ausbeutung oder einen völligen Verlust ihrer Handlungsfreiheit“ – 1. wurde dies an keiner Stelle zuvor behauptet, 2. sollte man die Erfahrungen von Arbeiter:innen nicht an irgendwelchen Marketing-Aussagen von der Person festmachen, welche den Profit erwirtschaftet und 3. findet Ausbeutung in einer kapitalistischen Wirtschaft immer statt.
Unabhängig von den Fehlern in der Argumentationslogik bleibt natürlich die Frage offen, ob eine Theorie so sinnvoll ist, in der Menschen durch ihr „sexuelles Kapital“ handlungsfähiger dargestellt werden, als sie eigentlich sind. Denn nutzt eine Kellnerin ihre Attraktivität und „Sexyness“, um mehr Trinkgeld zu erhalten, so zeugt dies doch vielmehr von der tiefen Verankerung patriarchaler Schönheitsideale in unserer Gesellschaft, als einer tatsächlichen Handlungsmacht und der Schaffung eines sich verwertenden Werts (und wer ist in diesem Fall der Kapitalist?).
Am Ende habe ich mehr Fragen als vor dem Lesen und würde anderen dieses Buch aufgrund der nicht ausgereiften Ausarbeitung des Konzepts sowie argumentativer Fehler nicht empfehlen.