Vom migrantischen zur erfolgreichen Betiel Berhes Kindheit zwischen Hochhäusern hat ihren Blick auf Klassenunterschiede und strukturelle Diskriminierung geschärft. Heute arbeitet sie als Ökonomin und Anti-Rassimus- und -Klassismus-Trainerin und hat das Institut für Social Justice & Radical Diversity in München mitbegründet. Anhand ihrer eigenen Biographie und anderer Lebensgeschichten erzählt sie, wie schwer sozialer Aufstieg ist, welche feinen Unterschiede niemals verschwinden – und wie eine neue migrantische Mittelschicht wächst, die sich gegen strukturellen Klassismus und Rassismus stellt und der Intersektionalität verpflichtet ist. Doch Berhes vielfältige Rollenerfahrungen eröffnen ihr auch den Blick für Solidaritäten, dort, wo andere schon jede Hoffnung aufgegeben haben. Sie zeigt, wie sich momentan eine ganze Gesellschaft im Wandel befindet, indem die Menschen zu Wort kommen und an Einfluss gewinnen, die Diskriminierung und Unterdrückung erfahren haben. Provokant, persönlich, augenöffnend.
„Denn Privilegien bilden auch immer gesellschaftliche Verantwortung ab. Warum? Weil Privilegien Macht bedeuten.“
In „Nie mehr Leise – die neue migrantische Mittelschicht“ beschreibt die Autorin Betiel Berhe nicht nur ihre eigene Erfahrungen mit Rassismus und Klassismus, sondern zeigt auch, welche Wunden und Spuren nie heilen. Sie schildert ihren Aufstieg aus einer Arbeiter_innenklasse in die akademische Mittelschicht und reflektiert ihre Gedanken und ihren Werdegang, denn sie sagt „(…) was ich weiß und jeden Tag spüre, ist, dass ich heute deutlich mehr Privilegien habe als meine Eltern.“
Außerdem verdeutlicht sie - und das ist die in meinen Augen die stärkste Message – wie ‚einfache Sprache‘ geht. Sie bietet allen einen unkomplizierten Einstieg in die Themen Klassismus und Rassismus ohne ‚zu akademisch‘ zu klingen. „Um die strukturelle Diskriminierung aufgrund des sozialen Status zu verstehen, braucht man erst mal ein Bewusstsein für die eigene Klassenzugehörigkeit bzw. die von außen zugewiesene Klasse.“
Besonders spannend und wichtig zu lesen, fand ich im Kapitel „Konsum im Kapitalismus“ den folgenden Absatz: „Das Lastenfahrrad zum Beispiel ist das äußerst sichtbare Statussymbol junger Familien der weißen Mittelschicht. Es demonstriert die Ablehnung, ein Auto zu fahren. Wer gebildet ist, wert legt auf Umweltschutz und genug Geld hat (diese Dinger sind nämlich wahnsinnig teuer), kauft sich lieber ein Lastenfahrrad, um mit der Familie Ausflüge in den Park zu machen oder einkaufen zu fahren.“
Ich kann euch dieses kraftvolle und laute Buch empfehlen. Alle sollten es lesen: Weiße, um sich ihrer Privilegien bewusst zu werden, und alle anderen, um das Gefühl der Ohnmacht entgegenzuwirken. Dieses Buch macht nicht nur deutlich, wie schwer es viele Menschen aus der Arbeiter_innenklasse hatten und noch haben, sondern ermutigt und stärkt auch. Es gibt ein Wir. „Um die nötigen gesellschaftlichen Prozesse anzustoßen, müssen wir Räume schaffen, in denen nicht nur radikal neu gedacht wird, sondern auch radikal neu zugehört wird.“
„Intersektionalität macht somit nicht nur die Verwobenheit von Diskriminierungen sichtbar, sie erlaubt uns auch, unsere individuellen Privilegien zu erkennen und zu nutzen.“
Diese Lektüre entpuppte sich sowohl als eine persönliche Erzählung als auch eine politische Streitschrift. Die Autorin schildert ihre Erfahrungen als migrantisches Arbeiter*innenkind, das den sozialen Aufstieg geschafft hat, und verknüpft ihre Biographie mit einer Analyse von Klassismus und Rassismus. Besonders prägnant sind ihre Beobachtungen zur wachsenden migrantischen Mittelschicht, die sich aktiv gegen strukturelle Ungleichheiten stellt.
Allerdings bleibt das Buch dabei vor allem auf ihre individuelle Perspektive fokussiert. Zwar wird von "wir" gesprochen, doch eine breitere Einbeziehung weiterer Stimmen hätte der Argumentation mehr Tiefe und Repräsentativität verliehen. Gerade wenn es darum geht, allgemeine Aussagen über "die" migrantische Mittelschicht zu treffen, wäre eine diversere Autor*innenschaft oder eine grössere Bandbreite an Erfahrungsberichten wünschenswert gewesen.
Für Leser*innen, die sich neu mit Klassismus und Antirassismus beschäftigen, bietet das Buch einen guten Einstieg. Wer jedoch bereits die gängigen Werke kennt, wird nur wenige neue Erkenntnisse gewinnen. Dennoch ist es ein wichtiges und augenöffnendes Werk, das gesellschaftliche Debatten vorantreibt.
Vielen Dank an den Aufbau Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!
danke suin für dieses wichtige buch! betiel berhe zieht wichtige verbindungen von klassismus und rassismus und dekonstruiert die aus weißer sicht beschriebene „erfolgsstory“, die sie als Schwarze frau aus einer arbeiter*innenfamilie zur akademischen mittelschicht durchläuft. als angehende lehrkraft waren für mich vor allem die perspektiven zu lehrkräften, die rassismus derartig internalisiert haben, dass sie ihn reproduzieren, enorm wichtig. berhe regt zur reflexion der eigenen klasse an und führt dabei nicht nur die gängigen weißen cis-denker wie marx und bourdieu an, sondern reflektiert auch diesen wissenskanon und ergänzt ihn um bipoc-perspektiven. ein buch, aus dem ich einige kapitel gerne später für den deutschunterricht benutzen werde.
Ein wichtiges und spannendes Buch über die Verflechtung von Rassismus und Klassismus in Deutschland und welche Rolle die weiße Mittelschicht dabei spielt. Habe mich selbst oft ertappt gefühlt und die angestoßene Selbstreflektion ist auch schmerzhaft. Aber da ich auch wie die Autorin als Migrantenkind aus der Arbeiterschicht in die Mittelschicht aufgestiegen bin und mich in vielem wiederfinde, wünsche ich mir, dass alle, vor allem weiße, privilegierte Menschen aus der Großstadt-Hipster-Bubble, dieses Buch lesen! Ein Stern Abzug, da die Sprache teilweise sehr abstrakt und hochgestochen war.
»Nie mehr leise. Die neue migrantische Mittelschicht« von Betiel Berhe thematisiert Rassismus und Klassismus und deren Verbindung in Deutschland — beides zwei Themen von denen eine großer Anteil der deutschen Bevölkerung nicht will, dass sie existieren. Sie tun es aber (ja, die klassenlose Gesellschaft gibt es nicht!), und umso wichtiger ist es, sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Und genau das macht Betiel Berhe in ihrem Buch. Darin erläutert sie beispielsweise, wie Bildungsklassismus greift; warum unser Schulsystem dringend geupdated werden sollte; wie die Mechanismen von Rassismus und Klassismus (Intersektionalität!) unser Zusammenleben prägen; wie das dreigliedrige Klassenmodell von der Arbeiter*innenklasse profitiert; sie kritisiert Statussymbole und hält uns als Gesellschaft den Spiegel gekonnt vor. Dies macht sie sehr gekonnt anhand von wissenschaftlicher Argumentation und Thesen kombiniert mit Beispielen aus ihrer eigenen Biografie vom migrantischen Arbeiter:innenkind zur erfolgreichen Akademikerin sowie weiterer Lebensgeschichten anderer Migrant*innen.
Sie fordert in ihrem erzählendem Sachbuch u.a. ein »größeres Wir« (S.20f), Solidarität, und die Vision einer anderen, pluralen Gesellschaft, um Mensch und Natur wieder in Einklang zu bringen und Ausbeutung sowie Unterdrückung nachhaltig zu beenden (vgl. 187f).
»Um die nötigen gesellschaftlichen Prozesse anzustoßen, müssen wir Räume schaffen, in denen nicht nur radikal neu gedacht wird, sondern auch radikal neu zugehört wird. Wir müssen uns in all unserer Unterschiedlichkeiten begegnen, schätzen und zuhören lernen.« (S.185)
Betiel Berhe ist Ökonomin, Aktivistin, Mitbegründerinnen Social Justice Institut (München), Anti-Rassismus- und -Klassismus-Trainerin und Autorin.
Ein sehr wichtiges Buch, bei dem ich viele neue Aspekte zum Klassensystem in Deutschland gelernt habe und zeigt, dass wir auf diese strukturellen Probleme sehr dringend strukturell als Gesellschaft und Nation reagieren müssen.
Die neue migrantische Mittelschicht - zu dieser zählt auch Berhe, Ökonomin und Anti-Rassimus- und -Klassismus-Trainerin. Sozialer Aufstieg ist schwer hierzulande, kostet Kraft und einige Unterschiede verschwinden nie. Berhe öffnet den Blick für Solidaritäten, schreibt persönlich und eindringlich. „Ein Buch, das in vielen Sprachen spricht und in dem sich Empathie und Wut die Hand reichen. Ein Generationenessay, das Wissen in immer wieder oberflächlich geführte Einwanderungsdebatten schafft (Hadija Haruna-Oelker).“
Sehr zugänglich und gut zu lesen, insbesondere mit Bezug auf aktuelle Bewegungen und Diskurse. Vielleicht eher nicht für Menschen, die sich schon tiefergehend mit den Themen Rassismus und Klassismus beschäftigt haben. Für mich war vieles eine Wiederholung, dennoch kann ich ein paar Ideen für mich mitnehmen.
Vorallem in Zeiten wie diesen, Zeiten des Zweifelns über Gesellschaft, (Identitäts-)politik, Generationen und den Zusammenhalt, ist dieses Buch sehr empfehlenswert zu lesen.