Der gescheiterte Versuch, Inhaltsästhetik zu betreiben – viel Schaum über einer leeren Wanne.
Ecos 1978 erschienenes Aufsatzbuch Apokalyptiker und Integrierte oder - Zur kritischen Kritik der Massenkultur - nimmt offensichtlichen Bezug zu Karl Marx und Friedrich Engels Buch Die heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik. In diesem Buch prangert Marx das kritische Gehabe von Bruno Bauer und Konsorten an, die sich in der opportunistischen, allumseitigen Kritik gefallen, es aber an Erkenntnisinteresse und substantiellen Details missen lassen, weshalb sie allenfalls zu oberflächlichen Verwerfungen und Beobachtungen kommen. Eco sieht ein ähnliches Gehabe in den Apokalyptikern wie Theodor W. Adorno und Dwight Macdonald, die an der Massenkultur nichts Interessantes oder künstlerisch Wertvolles sehen können. Diesbezüglich stammt von Adorno der Begriff „Kulturindustrie“ von MacDonald der des „Midcults“. Eco meint, dass diese Wertungen auf ein historisch-anthropologisches Missverständnis zurückzuführen sind:
Meist werden die Massenmedien, ihre Mechanismen und ihre Wirkungen, an einem kulturellen Verständigungsmuster gemessen, das für den »Renaissance-Menschen« verbindlich war (den es offenkundig nicht mehr gibt; zum Verschwinden gebracht haben ihn allerdings nicht vor allem die Massenmedien, sondern Zivilisa-tionsprozesse, von denen die Massenmedien ein Ausdruck sind).
Was sich Eco daraufhin vornimmt, ist es, statt einer Generalabkehr das Wort zu reden, sich auf die Massenkultur einzulassen. Als attestierter Sympathisant mit der höheren Kultur beginnt er seinen Ausflug mit
Lektüre von »Steve Canyon«, in der im Grunde genommen nur eine Comic-Seite in Worte fasst und den Comic auf offensichtliche Parallelen zum Kinofilm untersucht, aber eher als durch faktische Diskontinuität hergestellte ideelle Kontinuität begreift – ergebnislos im Klischee.
Dann versucht sich Eco an literarische Gedächtniseffekte, indem er das Typische vom Exemplarischen in Die praktische Anwendung der literarischen Person zu scheiden versucht, was auf eine Kritik an Georg Lukács hinausläuft, der die intellektuelle Physiognomie nur fürs Heroische anwendet, wohingegen Eco auch das Negative für Mitteilenswert erachtet – wieder jedoch fehlt es an Abgrenzung zwischen Schema, Typ, Topos und Disponibilität.
In Der Mythos von Superman beschäftigt sich Eco mit der Statik von Statussymbolen und dem Wandel ins Offen-Repetitive des Superhelden, der eher zeitlos, auf der Stelle tretend dem Charakter keine Entfaltungsmöglichkeiten gibt, was einen vom Außen gesteuerten Charakter als Vorbild nahelegt – leider völlig an den Haaren herbeigezogene Beispiele aus der Physik und der Philosophie, die eher als „name dropping“ fungieren, persiflieren Ecos eigenes Argument, indem sie Autoritätshörigkeit einüben (oder Montage betreiben), statt argumentatives Beschreiben erlauben.
Die Welt von Charlie Brown mag er aber, insbesondere die leise Poetik des Leidens in der Freiheit der Fabulation, betreibt hier aber keine Analyse. Die Peanuts werden schlicht als tröstlich gefeiert.
Eugène Sue: Sozialismus als Trost hingegen gilt als Paradebeispiel für Möchtegern-Kritik. Eco sieht in Sue einen Dandy, der vom hohen Ross die Arbeiter mit Träumen abspeist, die darauf hoffen sollen, dass ein adliger Herr sich irgendwann um sie kümmert. Hier läuft Trost auf Opium fürs Volk hinaus, und noch schlimmer bei Die erzählerischen Strukturen im Werk Ian Fleming, wo Eco Tirade um Tirade gegen Flemings Rassismus, Kolonialismus, Sexismus und Faschismus anstößt:
Wenn Fleming »Faschist« ist, dann deshalb, weil typisch für den Faschismus seine Unfähigkeit ist, von der Mythologie zur Vernunft fortzuschreiten, seine Tendenz, mit Hilfe von Mythen und Fetischen zu herrschen und zu beherrschen.
Nun, was ist also mit der kritischen Kritik passiert? Sie wurde im Laufe des Buches zunehmend zu einer sich selbst verballhornenden Polemik gegen Massenkulturprodukte, die Eco nicht schmecken. Kursorisch, ohne ins Detail zu gehen, stets mit Hinblick auf den Autor und seinen Intentionen argumentierend, stets als Heuristik eine Verdachtshermeneutik betreibend, lässt sich über die besprochenen Werke im Grunde nichts erfahren. Eco betreibt eher Schaumschlägerei mit dem Happy End, dass am Ende die Apokalyptiker ja recht hatten, indem sie alles in der Massenkultur nur auf den Diskurs reduzierten, nur eben den Kontakt mit dem Material scheuten, den Eco nun fröhlich einging, obzwar mit selben Resultat.
Dass Eco dennoch an hoher Kultur und niederer Kultur festhält, dass er das Schema stehen lässt, gut wie schlecht unreflektiert anwendet, zeigt, wie sehr er Opfer dessen geworden ist, was er anprangert. Der Abgrund, in den er hineinsah, war bereits in ihm selbst. Er hat also in sich statt nach außen geschaut. Einen produktiven Umgang mit Massenkulturprodukten übt Eco jedenfalls nicht ein. Ganz im Gegenteil. Begriffe bleiben unreflektiert, kontextlos und werden entsubstantiiert. Am Ende wirkt die Kritik wie ein flottes Konfetti nach dem Motto: Alles ist bunt, manches ist bunter. Mein letztes theoretisches Buch von Eco.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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- Mit der Erfindung der Buchpresse beginnt eine andere Kultur, die Gutenberggalaxis, McLuhan, die biblia pauperum.
- Massenkulturkritik geraten schnell ins antidemokratische Fahrwasser; es fehlt oft an inhaltlicher Auseinandersetzung, das will nun Eco durchführen.
- Vorwegnahme der Kulturdiskussion im 12. Jhdt. zwischen Clairvaux und Suger von St. Denis, der in der Kathedrale ein Bilderbuch der Massen sehen wollte.
- Dwight MacDonald beschreibt eine Angst, dass die Kulturprodukte die Menschen lenken, Autorität, wie Hemingway und Thornton Wilder, Begriff des Midcults, eine Sphäre zwischen Hochkultur und Volkskultur.
- Eco versucht zwischen zwei Polen zu vermitteln: die Integrierten sagen, der Markt regelt alles und spiegelt die Realität und die Bedürfnisse adäquat wider; die Apokalyptiker sagen, dass die sozioökonomischen Verhältnisse zu verdummenden Kulturprodukten führen müssen, also die Tatsache, dass es einen Markt gibt, ausreicht, dass die Kulturprodukte manipulativ, autoritär und ideologisch sind. Eco meint, es lässt sich im Markt für bessere Kulturerzeugnisse eine Lanze brechen. Weder sollte man dem Markt gehorchen, noch sich ihm kampflos geschlagen geben.
- Unreflektierte Voraussetzung: der politische Einfluss der Kunst. Bspw. Verdummung durch James Bond, die mglw. ja bezweifelt werden könnte.
- Eco meint, dass hohe und mittlere und niedere Kultur sich ergänzen; wiederum Voraussetzung: Komplementarität, die bezweifelt werden kann; wieso sollte nicht alle Kunstformen dasselbe Spielfeld besitzen. Eco sagt nicht, was für ihn höhere Kunst ist – er behauptet einfach, es gäbe sie. Elitäres Selbstverständnis.
- Wieso benötigt man, nach Eco, mehr Bildung und Zeit, um Bach genießen zu können; hier spricht doch wohl jemand, der Bach eigentlich nicht mag.
- Kitsch verstärkt den Gefühlreiz (also rein subjektive Kategorie?)
- Eco reduziert Kunst auf intendierte Botschaften.
- Kunstwerke erleiden Abnutzungserscheinungen durch Überkonsumierung.
- Kitsch als pathetische Zusammenhangslosigkeit (verwendbare Beobachung)
- Comics erweisen sich erstaunlich gut, den Eingriff des Autoren zu illustrieren (Zwiesprache zwischen Zeichnenden und der Figur).
- D’Artagnan nur Vehikel der Handlung, disponibel als Figur. Alexandrinisch, d.h. Erfahrung aus zweiter Hand
- Midcult=Verweis auf Proust, statt Proust ähnliche Sequenzen selbst zu gestalten (er liebt wie Swann … )
- Wandel der künstlerischen Kommunikation: nach vorne, statt wie früher nach rückwärts (mythologisch).
- Erzählweise von Superman a-chronisch; Eco verfehlt aber hier das ahistorische Element Supermans wie das der antiken Götter, die serielle Zeitenthobenheit.
- Eco kennt die wahren Beweggründe des Kunstproduzenten.
- Eco kennt keinen fiktionalisierten Rahmen, denkt, dass Superman bei realen sozialen Problemen helfen sollte, wie die Chinesen von Mao zu befreien. Kein Worldbuilding-Verstehen, keine Rahmung, keine Diskursenthobenheit