Ich frage mich wie viele Leute das hier nachempfinden können, so wie ich. Ich denke das ist eines dieser Bücher, in dem ich mich selbst erkenne. Oder zumindest einen großen Teil von mir.
Ich muss ein bisschen ausholen. Schonmal im voraus: Tut mir leid fürs Traumadumping. Das wird jetzt ein ziemlicher Downer.
Ich bin genau so aufgewachsen. Mein Vater ist so ein tyrannisches Monstrum. Ein Psychopath. Ich erinnere mich, wie er mich an meinen Haaren durch den Flur gezogen hat. Wie meine Mutter Sonntags vor der Kirche unsere Blauen Flecken überschminkt hat. Wie ich geweint habe als ich ihn meine Mutter würgen gehört habe. Wie ich das erste mal aus Panik ohnmächtig geworden bin. Ich hab gnädigerweise vieles vergessen. Und am Ende haben wir komplett den Kontakt abgebrochen. Wir waren zu der Zeit nicht arm, sondern erst danach. Und auch danach war alles ein Kampf, weil wir alle gebrochen waren. Ist es immernoch.
In diesem Roman ist es dasselbe: Es reicht eine Person. Ein wütender Mann, der meint, seine Kinder zu verprügeln würde ihm Genugtuung verschaffen. Ein unzufriedenes, machthungriges, manipulatives Arschloch ohne einen Funken Geduld oder Güte. Meine Mutter meinte eben auch, sie hätte es nicht kommen sehen. Klar, ja. Ein Narzisstischer, gewalttätiger Psychopath hat sich durch nichts zu erkennen gegeben, bis es zu spät war. Die Leute aus der Kirche sagten meiner Mutter, sie sollte sich nicht von ihm trennen. Gott hasst nämlich Scheidungskinder. Was für ein beschissener Witz.
Seltsamerweise steht der Vater in diesem Buch nicht wirklich im Vordergrund. Vielmehr die Wunden, die er verursacht hat. Der Selbsthass.
Und ich dachte mir auch: Ich bin trotzdem seine Tochter, ich habe seine Wut geerbt. Mein Bruder leider auch. Er ist genauso furchteinflößend, hat die selbe Art seinen Kiefer vorzuschieben, wenn er einem etwas antun will. Und wenn ich meinen Vater heute mit diesem Ausdruck sehen würde, würde ich ihm mit voller Inbrunst die Kniescheiben zertrümmern. Aber eigentlich will ich nicht so sein. Vielleicht wäre ich aber auch immernoch vor Angst wie gelähmt? Aber er ist nicht mehr mein Problem, er hat ja eine neue Familie. Sogar noch einen Sohn. Ist das nicht wundervoll? Ich dachte: noch mehr hirngefickte Kinder. Und dann: Aber er wollte doch uns auch nicht? Vermutlich hat er vergeben und vergessen, dass ich seine Missgeburt von einer Tochter war. Dass ich zu unfähig war. Zu hässlich und zu fett. Dass wir ihn beraubt haben.
Ja, warum sollte man ein Kind NUR schlagen? Warum nicht gleich ganz vernichten?
Aber jetzt hat er ja einen neuen Punchingbag. Vielleicht schlägt dieser ja zurück. Wäre witzig, ihn mal zu treffen, denke ich. Oder vielleicht ist ER mittlerweile 'altersmilde', wie Julis Vater gegen Ende? Vielleicht hat er ja gelernt? War in Therapie? Ich kann seit dem Lesen nicht aufhören, darüber nachzudenken. Aber es ist nicht mehr mein Problem. Ich erinnere mich an noch etwas: an eine Entschuldigung die keine war. Er hat bösartig und spöttisch gelacht, während er sich entschuldigt hat, weil meine Mutter in Tränen darum gebeten hat. Es war keine echte Entschuldigung, und er hat mich in seine mächtigen Arme genommen. Und das war damals das schönste Gefühl der Welt. Eine einzige Umarmung, das ist alles, was ich habe.
Das war alles die reinste Konfrontationstherapie.
Aber ich bin ja auch entkommen, wie sie. Habe danach meinen Selbsthass ausgelebt und die dümmsten Leute an mich rangelassen. So wie sie. Irgendwie ist einem alles recht, wenn man so geschädigt ist. So schwach und seltsam. Das konnte ich nachfühlen. Als Erwachsener bin ich so frei, wie ich nur sein kann. Weswegen ich trotzdem manchmal vor Neid sterben will. Ich weiß, es hätte schlimmer sein können. Ich bin längst nicht mehr seine Tochter. Ich bin glücklich wie nie und so langsam eine vollständige, normal funktionierende Person. Ich liebe mein Leben, wirklich. Ich bin kein Opfer irgendwelcher abgefuckten Denkmuster, die aus Kindheitstraumata entwachsen sind. Ich bin mittlerweile ein absoluter Meister der Selbstreflektion. Und das hab ich allein mir selbst zu verdanken und eben nicht all dem, was ich erleben musste. Aber ich glaube daran, dass liebevolle Familien auch liebevolle Menschen hervorbringen. Niemand wird stärker durch Gewalt und Hass. Das ist so ziemlich die Moral der Geschichte. Und wenn euch das jetzt zu viel war, zu viel des Guten, fickt euch ins Knie. Sowas passiert, immer, irgendwem, überall.
Leute sollten darüber reden dürfen, ohne dass man sie dafür verurteilt. Aber ich schäme mich, noch während ich das hier schreibe. Ich seh mich selbst nicht als Opfer. So wie sie. Und auch darum ist dieser Roman für mich so erschütternd gewesen. Es war eine Geschichte, die mir naheging wie nichts sonst und gleichzeitig habe ich jeden Moment gehasst.