Eine Annäherung an die eigene Mutter und eine schmerzhafte 1916 wird Sylvie Schenks Mutter geboren, die Großmutter stirbt bei der Geburt. Angeblich war diese eine Seidenarbeiterin, wie schon die Urgroßmutter. Aber stimmt das? Und welche Geschichte wird den Nachkommenden mit auf den Weg gegeben? Als Kind leidet Sylvie Schenk unter dieser Unklarheit, als Schriftstellerin ist sie deshalb noch immer von großer Unruhe geprägt. Mit poetischer Präzision spürt sie den Fragen nach, die die eigene Familiengeschichte offenlässt. „Maman“ ist waghalsiges Unterfangen und explosive Literatur zugleich. Nach „Schnell, dein Leben“ hat die Autorin erneut einen Text voll Schönheit und Temperament geschrieben.
Now Shortlisted for the German Book Prize 2023 Since autofiction has become a trend, the market is swamped with confessional texts about intergenerational trauma, many of them midcult, hence: Relying on an "important" topic and pointing at personal experience without doing the aesthetic work necessary in order to produce quality literature. And frankly, I was reluctant to pick up Schenk, because I was expecting another highly accessible text that allows people to feel socially conscious just by repeating sentences like "she makes the voice of XXX heard", or "she speaks about trauma in her own life". etc. pp. you get the idea.
But no: Schenk has written a rather riveting account of her French mother's life, who was born the daughter of a destitute prostitute with an unknown father. We hardly learn about Schenk herself, no: She does not make this about herself, she makes it about systemic misogyny, her grandmother and mother being examples for the larger order of society. The story ponders how the worth of a woman was and is measured, how shame leads to emotional ailments and guilt, what belonging to a certain class means for a woman (which is very different than for a man).
The author, who is almost 80 years old, is angry, and she channels this anger in smart, controlled sentences, that precisely capture the brutality she dissects. These punchy, harsh on-liners are Virginie Despentes material, and I want to have a beer with Schenk and be a badass like her when I'm her age.
„Sie ist satt, gut gepflegt, von ihrer Adoptivmutter geliebt. Sie ist einsam, kann nicht klagen. Sie kann nur Dinge benennen, die sie sieht, für die Leere findet sie keinen Ausdruck." - Sylvie Schenk, "Maman"
Sylvie Schenks Mutter Renée wird 1916 in Frankreich geboren, um sie herum tobt der Erste Weltkrieg. Die Großmutter Cecile stirbt während der Geburt, das Kind überlebt gerade so. Sie kommt in eine Pflegefamilie, die Bauersleute haben es aber mehr auf das Pflegegeld, als auf das Kind abgesehen. Mit 5 Jahren wird Renée adoptiert und kommt zu Menschen, die sie lieben - ihre Distanziertheit, ihr Wiederwille gegen Berührungen kann sie aber nie wirklich ablegen, selbst dann nicht, als sie selbst zur Mutter wird.
Die französisch-deutsche Autorin Sylvie Schenk spürt in ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Maman" dem Leben ihrer Mutter nach. Anhand von Akten und Erinnerungen von ihr und ihren Geschwistern versucht sie, die Lebensjahre von Renée zu rekonstruieren, stößt dabei immer wieder auf Leerstellen, die sie poetisch zu füllen vermag. Den Bogen spannt sie weit, sie beginnt bei ihrer Großmutter, die angeblich eine Seidenarbeiterin war, die sich prostituiert hatte und endet bei ihren Geschwistern und sich selbst. Sylvie Schenk versucht, herauszufinden, warum ihre Mutter eine so unnahbare, oft lieblose Person war, die ihr und den anderen Kindern - bis auf die jüngste Tochter - kaum Zuwendung schenkte. Temperamentvoll, erschütternd, doch voller Humor und gesellschaftlicher Bissigkeit erzählt Sylvie Schenk autofiktional von einem Frauenleben und einer Versöhnung - ein Buch, das ich gerne gelesen habe!
Die Autorin Sylvie Schenk setzt sich in dem Buch mit ihrer Mutter auseinander. Dieser Text soll eine “letzte Umarmung“ sein. Sie erinnert sich manchmal allein, manchmal mit ihren Geschwistern. Sie stellt Vermutungen an und spekuliert. Sie versucht, ihrer Mutter und auch ihrer Urgroßmutter näher zu kommen, indem sie sich einfühlt in das Leben der Frauen, die sie durch ihre Lebensgeschichte geprägt haben.
Mir hat der Text sehr gut gefallen. Obwohl die Mutter der Erzählerin schweigt und für die eigenen Kinder oftmals unnahbar ist, empfindet man Verständnis und Liebe, die von den Kindern ausgeht. Verständnis für Traumata, die unweigerlich weitergegeben wurden, da die Zeit und die Gesellschaft eine Aufarbeitung bzw. Reflexionen über das eigene Leben, die eigene Geschichte gar nicht zuließen.
Für mich ein ruhiger, unaufgeregter und sehr emphatischer Text, der sich wahrhaftig wie eine letzte Umarmung der Autorin für ihre eigene Mutter anfühlte.
Zurecht schaffte es Sylvie Schenk damit auf die Short List❤️.
Ein sehr persönliches Buch und dabei auch sehr subjektiv. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Mutter, die Frage nach der eigenen Herkunft und die Erkenntnis, dass man nicht früh genug Fragen gestellt hat und nun auf die eigene Fanatisie angewiesen ist, man interpretieren muss, was man von anderer Seite hört. Der eigene Eindruck sich nicht unbedingt mit dem der Geschwister deckt. Ich war richtig froh, als die Schwester die Mutter anders erlebt hat.
„Sollte ich mir nicht eingestehen,dass ich sie als einen einfachen, leicht zurückgebliebenen Menschen ansah, den ich zwar sehr lieb hatte, der mir aber leidest, den ich beschützen und trösten wollte, der aber im Grunde mit mir wenig zu tun hatte und von dem ich mich vor allem abgrenzen wollte?“
Ich finde es traurig und doch in seiner Offenheit mutig. Das Buch zeigt aber auch den Irrtum dahinter auf. Eltern zeigen ihren Kindern nie alle Facetten, immer bleibt etwas verborgen, aus den unterschiedlichsten Gründen.
Das Buch hat eine Leichtigkeit in der Erzählung und trifft gleichzeitig sehr tiefe Themen des Lebens.
Autobiographischer Roman über die Lebensgeschichte und Lebenserfahrungen von Sylvie Schenks Mutter, die eine verstoßenene Tochter einer Prostituierten Anfang des vergangen Jahrtausends war. Sie wird zur Adoption freigegeben und kommt in eine besser gestellte Familie. Sie ist teilnahmslos und sehr einfach. Als sie an Krebs erkrankt, beginnt eine ihrer Töchter ihre Lebensgeschichte zu erforschen und sie aufzuschreiben. Viele sehr kurze Kapitel, es geht fast komplett chronologisch durch das Leben der Mutter und die Beziehungen zum Vater, den Schwiegereltern und den Kindern. Alles sehr kompliziert, aber auch sehr gut geschrieben. Für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die alle durch die Erfahrungen geprägt und leider sehr oft auch fehlgeprägt wurden. Auch wenn ich für das kurze Buch sehr lange gebraucht habe aufgrund von Urlaub, war ich sehr begeistert. Bisher mein Favorit von den Listen für den deutschen Buchpreis.
Trittbrettfahrerin Annie Ernaux‘ à la „Das Ereignis“? Möchtegern-Roman im autofiktionalen Stil wie Julia Schochs „Das Liebespaar des Jahrhunderts“? Familien-Muff wie in Birgit Birnbachers „Wovon wir leben“? Autobiographische Lamentiererei wie in Arno Geigers „Das glückliche Geheimnis“? Es wär ein Leichtes, Sylvie Schenks Roman „Maman“ ob seiner Wellenreiterei zu verreißen – wäre da nicht ihr lakonischer, leichter, sanfter Stil, der einfach den Text zuerst Text sein lässt, vor sich hin dümpelnd, interessant, beschwingt, durchsetzt von der Melancholie, die eigene Mutter bis zuletzt und über ihren Tod hinaus nicht kennengelernt zu haben. Schenk schreibt selbstbewusst. Es ist ihre Geschichte, und sie lässt keinen Zweifel daran zu:
„Cécile stirbt. Die Zeit ist für sie aufgehoben. Lyon, das Krankenhaus, die Rhône, die ganze Welt, alles versinkt in der Dunkelheit. In den letzten Lebenssekunden wird sie wieder zum Kind, rennt die Straße vom Croix-Rousse hinunter und hält an, um zwischen den Pflastersteinen der steilen Straße einen Löwenzahn zu pflücken. Pusteblume. Musik, Akkordeon, Jahrmarkt. Freudenschreie. Ein Karussell. Etwas lacht und weint in ihr. Es flackert das Wort Auge im Nebel der Worte auf: Pusteblume, Kind, Leben, Krieg, Soldat, sie spürt ihr Gesicht zwischen zwei Männerhänden.“
Die Ich-Erzählerin erzählt von ihrer Mutter, von deren Geburt, ihrem Status als Waisenkind, ihren Adoptiveltern, ihrer Heirat im Jahre 1936, vom Weltkrieg, den Schwierigkeiten, ja, möglicherweise den Verwicklungen in der Kollaboration oder im Widerstand, vom Verdacht einer Affäre und der Schwierigkeit, sich zu emanzipieren, wenn sich die ganze Welt gegen einen verschworen hat:
"Renée wird fünf, fünfeinhalb, sie spricht kaum und undeutlich, sieht ihre Umgebung immer weniger klar, nicht mal den Kirschbaum betrachtet sie noch, die Welt versinkt in graue Töne, überall, wohin sie schaut, öffnen und schließen sich schwere dunkle Türen, und jede aufgehende Tür macht das Zimmer noch dunkler, anstatt es zu erhellen, das Öffnen wird ein Zumachen, das sie nicht versprachlichen kann, die Suppe wird glasig und kalt, ihre Augen sind verklebt und tränen andauernd."
Schenks Roman besitzt eine Pointe, aber vor allem besitzt er einen geschlossenen Stil, einen fugenartigen Gesang, ein Wechsel zwischen personalen Erzählen, Ich-Perspektive und einem Chor-Wir, das sich in den dunklen, unbekannten Stellen der Geschichte von der Mutter der Ich-Erzählerin zu Wort meldet. Dort raunt das Geschichtsecho. Es bringt die Leerstellen zum Schwingen:
"Wir singen: »Können sie Kohlköpfe pflanzen? Wir, wir, wir können es.« Cécile hat dauernd Hunger. Sie betrachtet die anderen, fast alle Kinder haben ihren Proviant aufgegessen, nur der blasse, dickere Junge, der immer hustet, kaut noch an seinem Brot und beißt mit seinen schlechten Zähnen winzige Stücke davon ab. Wir nähern uns ihm, zeigen auf das Brot: »Gibst du mir was ab?« Der Junge schaut Cécile lange an, mit blassen Augen, er runzelt die Stirn und eine kleine weiße Narbe gerät in Bewegung, dickflüssiger Schleim fällt auf das Brot."
Anders als bei Annie Ernaux in „Das andere Mädchen“ oder „Das Ereignis“ schwingt bei Sylvie Schenk keine Sehnsucht mit, ihrem Elternhaus zu entkommen. Anders als in anderen autofiktionalen Texten hagelt es nicht Schuldzuweisungen und Urteile wie in Anne Rabes „Die Möglichkeit von Glück“. Und vor allem, verglichen mit vielen anderen Familiengeschichten wie Daniela Dröschers „Lügen über meine Mutter“ oder Alois Hotschnig „Der Silberfuchs meiner Mutter“ bleibt die Sprache nicht nur Vehikel, sondern erhält Stimmung, Atmosphäre, gewährt einen Einblick in die disparate, ins Leere laufende, orientierungslose Liebe zur Mutter, die sich nicht zeigen konnte, nicht gezeigt hat, fremd unter Fremden blieb:
„Meine Mutter entgleitet mir. Sie fließt mir davon, eine innere Blutung, ich muss versuchen, sie festzuhalten, sie wiederzufinden. Ja, sie war erdrückt und entrückt. Unsicher. Unwissend. Es gibt Leute mit einem festen Kern, um den herum sind ihnen Fleisch und Geist gewachsen. Und es gibt Leute wie Maman, die eine Art schwebendes, undefiniertes Wesen haben. Wir sind alle vergänglich, sie aber war vergänglicher, fluider, ungreifbar.“
Ein bescheidener, freundlicher, selbstkritischer, zurückhaltender Roman, der die Ambivalenz der Kluft zwischen den Generationen auslotet, ohne mit dem Dampfhammer überzeugen zu wollen. Still, verzweifelt, ein wenig gruselig, wie wenig von einem Menschen übrigbleibt, fortlebt, gegen den sich die Welt verschworen hat und vergleichbar mit Tatjana Gromačas Roman “Die göttlichen Kindchen”, das auch auf einer Longlist 2023 steht, dem Buch des Jahres aus unabhängigen Verlagen.
Über Sylvie Schenks 1916 geborene Mutter Renée hieß es, dass sie nur mit kleinen Kindern sprach und sonst sehr zurückhaltend war. Wer das von ihrer Tochter nachempfundene Schicksal bis zu ihrer Eheschließung mit 20 verfolgt, wundert sich darüber kaum. Renée wurde als uneheliche Tochter der Arbeiterin Cécile geboren, die die Geburt nicht überlebt und sich vermutlich (wie auch andere Arbeiterinnen) prostituierte, weil ihr Lohn nicht zum Leben reichte. Renées Tochter erzählt, wie die frühe Kindheit des aufs Land „weggegebenen“ Kindes verlaufen sein könnte und phantasiert sich selbst in die Geschichte, um ihren Figuren dort über die Schulter zu blicken. Dass Anfang des 20. Jahrhunderts das zarte Baby einer über 40-Jährigen Gebärenden überhaupt überlebte, muss allein ein Wunder gewesen sein. Ein weiteres Wunder geschah, als im zuständigen Amt jemand erkannte, dass Renée für die - staatlich finanzierte - Pflegestelle eine reine Einkommensquelle war, sie zurückholte und einem kinderlosen Paar als Adoptivkind vermittelte. In der wohlhabenden Apotheker-Familie hielt das kleine Mädchen zunächst den Kopf gehorsam gesenkt, sprach kaum, lernte langsam und zeigte keine besonderen Talente.
Bei der 1936 von den Eltern arrangierten Ehe mit einem ebenfalls sehr ruhigen Mann kommt es zum Skandal, als die Schwiegereltern erfahren, dass die Braut ein Adoptivkind ist, dessen Herkunft im Dunkeln bleibt. Ihre Ehe samt „ehelichen Pflichten“ und die älteren vier Kinder erträgt Renée stoisch. 1938 wird die erste Tochter geboren. Erst mit der jüngsten, 20 Jahre nach dem ersten Kind geborenen Tochter sieht man sie zum ersten Mal lachen, zu einer Zeit, als sie vermutlich nicht mehr schwanger werden konnte und damit ihre Pflichten erfüllt hatte. Das Bild von Renées Leben als Ehefrau und Mutter entsteht aus Erinnerungen und Erzählungen ihrer Kinder, im Kontrast zur frühen Kindheit, über die niemand erzählen konnte. Wenn ein Kind kein Selbstbild entwickeln kann, keine Anekdoten über sich erzählt bekommt, warum sollte es dann mit anderen sprechen, habe ich mich hier gefragt.
Im zweiten Teil ihrer Spurensuche folgt Sylvie Schenk ihren Eltern und den älteren Kindern in ihr „Chalet“ in den Südalpen, wo der Vater eine Zahnarztpraxis übernehmen konnte. Er schätzte den Ort angesichts der deutschen Besetzung als sicher ein; ob ihm die Bedeutung der Region für die französische Résistance bewusst war, gibt er zumindest seiner Familie nicht zu erkennen.
Sylvie Schenk, die schon als Jugendliche ihre Mutter über ihr Leben befragte, zeichnet ein psychologisch hochinteressantes Familienporträt, das auch in der folgenden Generation vom Vertuschen und Verleugnen ungeplanter Kinder geprägt ist. Für die 1916 geborene Tochter einer ledigen Arbeiterin empfinde ich Renées Schicksal nicht als ungewöhnlich, selten ist jedoch seine Vererbung so deutlich geworden wie hier. Wer sich für Frauenleben vor dem Zweiten Weltkrieg interessiert und für die Vererbung von Traumata, sollte hier zugreifen.
Ein netter Versuch, sich der Mutter und der Großmutter zu nähern, aber irgendwie ist mir nicht wirklich etwas von der Geschichte im Gedächtnis geblieben...
Mit diesem Buch wurde ich nicht so richtig warm. Es lässt sich relativ schnell weglesen, und gut geschrieben ist es auch - aber die Geschichte an sich lässt mich ein bisschen ratlos zurück. Es wird versucht, das Leben der Mutter, aber auch der Großmutter zu (er)fassen, aber es bleibt bei Andeutungen, bei Überlegungen, bei Gedanken. Das kann funktionieren, aber hier hätte ich mir ein bisschen mehr "Fleisch" gewünscht.
In Maman begibt sich Sylvie Schenk auf die Suche nach ihrer Mutter und Großmutter. Vor allem von letzterer weiß sie fast nichts. Sie war eine einfache Arbeiterin, die sich als Geldmangel prostituierte und eine uneheliche Tochter (Sylvies Mutter) zur Welt brachte, die Geburt jedoch nicht überlebte. Über ihre Mutter weiß Sylvie Schenk etwas mehr, aber auch hier bleibt einiges im Verborgenen. Daher versucht sie sich als stille, heimliche und fiktive Beobachterin der Vergangenheit und nähert sich auf diese Weise ihren Vorfahren an. Mir hat diese Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit, die so viele Ungerechtigkeiten Frauen gegenüber aufzeigt, sehr gut gefallen. Der Ton ist gleichzeitig emotional und selbstreflektiert-distanziert, eine außerordentlich gut gelungene Kombination. "Meine Mutter darf mir nicht ins Nichts oder ausschließlich in ihrem Frust und Hass abdriften, mein Text darf kein >>luftiger Sarg aus Worten<< werden, er ist meine erste und letzte Umarmung. Schreiben. Streicheln. Festhalten."
Sylvie Schenk, francuska pisarka tworząca po niemiecku, kreśli literacki portret swojej matki. Jest tu zapewne sporo autofikcji, ale autorka woli nazywać swoje dzieło powieścią, bo białe plamy w biografii matki wypełnia konfabulacją. I jak ona pisze!... Są tu zdania-perły, które chciałoby się schować do mahoniowych szkatułek, uchronić przed patyną niepamięci. Jak choćby to o "przewiewnej trumnie ze słów", którą buduje. I nie jest to bynajmniej pomnik ku pamięci, lecz gorzka, trzeźwa charakterystyka, bez upiększeń, bez laurek, uderzająca w feministyczne tony, wędrująca tymi samymi drogami, co Eribon i Ernaux. I jak to portret, jest on dość statyczny. Piękny, do powolnego kontemplowania, a nie do szybkiego pochłonięcia w rauszu adrenaliny.
Eine sehr bedrückende Spurensuche, die Sylvie Schenk hier autofiktional angeht, um die Herkunft ihrer Mutter zu ergründen - um dabei unter anderem auch auf Erklärungen für ihre lieblose Kindheit zu stoßen. Zwei Weltkriege, diverse deutsch-französische Beziehungen und Klassenunterschiede, die lebenslang halten, sind verarbeitete Themen. Autofiktionale Annäherungen an die Familie, v.a. die Mutter, habe ich schon sehr (zu?) oft gelesen, aber dieses hier hat sich dennoch richtig gelohnt und steht völlig zu Recht auf der Shortlist des Buchpreises 2023.
Mehr zum Buch in unseren ausführlichen Besprechungen @ Papierstau Podcast:
"Ich würde nie sorgsam mit Büchern umgehen, ich verschlang sie und vergaß sie im Garten, auf der Wiese, später verlieh ich sie weiter und bekam sie nicht immer zurück, es war nicht wichtig, ich war keinem Buch treu, sondern liebte jedes, und ersetzbar waren sie alle. Sie waren im Plural schön und ich wollte immer mehr."
Bereits vor Bekanntgabe der Longlist des deutschen Buchpreises stand dieses Buch, dank der Rezension von Coco, bei mir auf der Wunschliste. Im Juli war es dann über die Onleihe endlich verfügbar.
Diese wenigen Seiten sind so intensiv, so emotional und eingehend. Für mich ist diese Geschichte ein absolutes Highlight. Ich habe sie inhaliert, aufgesogen und geliebt. Die Geschichte handelt von Schenks Mutter. Sie ist persönlich, intim. Sylvie Schenk versucht als erwachsene Ich-Erzählerin zu ergründen, wie die ersten Jahre ohne richtige Familie für ihre Mutter gewesen sein mussten. Woher die fehlende Zärtlichkeit ihrer Mutter herrührte.
Ich habe das Buch beendet, mit einem weinenden Auge. Mit vielen Gefühlen, die ich leider nicht in eine Rezension packen kann, denn Worte reichen dafür nicht aus.
Ich kann nur eine Leseempfehlung aussprechen. Lest dieses Buch.
Die deutsch-französische Autorin scheint es schwer zu haben mit dem Andenken an ihre Mutter, eine Adoptivtochter mit schwerem Kindheitstrauma, die sich in der Welt der gehobenen Schichten (sie wird einen Arztsohn, der als Zahnarzt arbeitet, heiraten) schwer tut, die keine Halt gebende Mutter sein kann, zurückgezogen, einsam neben dem Mann, dem sie einige Kinder gebiert verlebend, mit einer kurzen romantischen Affäre, die auch zu einem kurzen Ausritt aus dem ehelichen Alltag führt. Vieles ist in der Zeit der Besetzung Frankreichs durch die deutschen Truppen im zweiten Weltkrieg angesiedelt. Schenk seziert ihre Muttergeschichten, beginnend mit der mütterlichen Großmutter, die bei der Geburt der Mutter verstirbt. Eine der in letzter Zeit häufigen Mutter-Tochter-Geschichten (da gibt es ja auch beim heurigen deutschen Buchpreis, für den auch dieser Roman nominiert ist, ja noch ein Beispiel) eindrucksvoll geschrieben. 19.9.23: Wurde auf die shortlist zum deutschen Buchpreis gesetzt
Wir folgen Sylvie Schenk beim Nachspüren ihrer eigenen Familiengeschichte. Wer war ihre Mutter wirklich? Wie wurde sie zu der distanzierten Person, die sie immer gekannt hat? Und wer war ihre Großmutter?
Fragen stellen konnte sie nicht mehr, und als sie sich traute, war es bereits zu spät. Es bleiben nur Spekulationen, Gerüchte und die eigenen Gedanken. Gerade das hat es für mich spannend gemacht und die Sprache tat ihr übriges für einen angenehmen Lesefluss.
Ein gut geschrieben kurzes Buch. Wie wichtig ist es über unsere Wurzeln zu wissen? Ist das genug, um zu verzeihen? Wann ist es zu spät? Das Buch ist ok, zeigt aber nicht genug Reflektioner.
Ich hatte gedacht, dass ich es etwas mehr mögen würde. Ich finde Mutter-Tochter-Bücher interessant und durch die kurzen Kapitel hat es sich flott gelesen, aber es kam mir sehr offen vor, der Endpunkt war mir etwas unklar gewählt, es wurde gleichzeitig viel und wenig über 'Maman' gesagt und ich bin insgesamt nicht warm geworden. Ich merke auch gerade, dass ich es nicht so korrekt in Worte fassen kann haha.
Hab für einen Podcast über den Deutschen Buchpreis ein Rezensionsexemplar bekommen, hehe, und ich bereue nichts. „Maman“ verpackt schwere Themen in kurze Kapitel und schöne, leichtfüßige, treffende Sätze. Ich hätte ihm den Buchpreis sehr gegönnt. Merci, Sylvie.
Viel weiß Sylvie Schenk nicht über die Vergangenheit ihrer teilnahmslosen Maman und deren Mutter. Viel zu groß ist das Schweigen über Unaussprechliches und Diffuses. Es soll vergessen werden, woher die Frauen ihrer Familie stammen.
Und so tastet Sie sich heran von allen Seiten, verarbeitet die wenigen Informationen, die sie hat, zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Mutter. Diese wurde 1916 als Kind einer Seidenarbeiterin geboren, oder war es doch eine Prostituierte? Oder vielleicht eine Seidenarbeiterin deren Lohn nicht zum Überleben reichtev? Kennengelernt hat sie ihre Großmutter nicht, denn sie starb kurz nach der Geburt. Renée, die Mutter der Autorin, kam erst in ein Heim, dann in eine Pflegefamilie, die auch von Sozialarbeitern als „Verdächtige Unterkunft“ tituliert wurde. Welche Erfahrungen das kleine Mädchen dort gemacht hat, kann man nur mutmaßen, sie hatten aber maßgebliche Auswirkungen auf ihre Persönlichkeit. Als sie dann mit sechs Jahren adoptiert wurde und in die Arme der liebevollen Marguerite landete, war es schon zu spät und das Misstrauen des Kindes zu groß. Still und eingeschüchtert geht Renée von da an durchs Leben. Als Erwachsene bekommt sie selber fünf Kinder, davon vier Töchter. Eine davon ist die Autorin, und sie versucht nun eine Annäherung, an die Mutter, die nicht wirklich lieben konnte.
Wir haben es hier nicht mit einem erzählerischen Text zu tun, der chronologisch vorgeht. Vielmehr pickt Schenk einzelne Szenen raus, die prägend für ihre Mutter waren. Dabei stellt sie sich oft unsichtbar hinter sie, schaut ihr über die Schulter, reicht der Großmutter Gegenstände, ist der unsichtbare Geist zwischen Realität und Fiktion. Die Pronomen wechseln, mal spricht ein Ich, mal ein Wir! Sie erteilt auch ihren Geschwistern oder ungeliebten Verwandten das Wort. Diese tragen maßgeblich dazu bei, dass sich Traumata auf die nächsten Generationen übertragen. Auch das Schreiben an sich wird zum Thema gemacht und die Kritik der Anderen an den Bildern, die sie mutmaßlich produziert. Dabei sind sie für jeden anders.
Sylvie Schenk schreibt mit leichtem Federhalter über Herkunft und Scham, über Kinder, die keine sein dürfen, oder Frauen die funktionieren müssen, obwohl man sie schon lange zerstört hat.
"Maman" ist harter Stoff. Autorin Sylvie Schenk zeichnet literarisch das Leben ihrer verstorbenen Mutter nach: 1916 in Lyon geboren, die (Groß-)Mutter stirbt nach der Geburt, der Vater ist unbekannt. Sie wird als Waisenkind früh traumatisiert, kommt erst nach einigen Jahren zu liebevollen Adoptiveltern. Doch ihr ganzes Leben bleibt sie kühl, emotionslos, ihren eigenen Kindern ist sie keine gute Mutter. Sie "sprach nur mit der Wäsche und mit Babys", sagt eine ihrer Töchter.
Schenk weiß wenig über ihre Mutter, Fragen über ihre Vergangenheit wich sie immer aus. Sie kreiert deshalb Szenen aus der Schulzeit ihrer Mutter, mit deren Adoptivmutter, aus ihrer unglücklichen Ehe und fügt sich in diese Szenen selbst als Beobachterin ein. Die Beschreibungen werden verwebt mit realen Beobachtungen der Autorin und ihrer Geschwister.
Das Buch liest sich wie ein Porträt der Weltkriegsgenerationen in Westeuropa und deren emotionale Kälte, über generationsübergreifende Traumata, die misogynen Umstände, unter denen Frauen zu dieser Zeit leben mussten. Und das Gefühl die eigene Mutter nie richtig kennengelernt zu haben.
Die Sprache ist klar, einfach und gleichzeitig eingängig und emotional. Ab der Hälfte konnte ich das Buch nicht mehr weglegen, davor musste ich ihn und wieder Pausen machen, weil ich es so bedrückend fand. Es hat sich ausgezahlt weiterzulesen.
Man sagt, dass Kinder ein Spiegelbild der Eltern sind. Was tut man allerdings, wenn man das eigene Spiegelbild nicht entziffern kann? Die Autorin begibt sich auf eine Reise ins Leben ihrer Mutter, die als Frau leise Töne gegeben hat und sonst kaum Spuren hinterlassen hat. Man erlebt dabei die geschichtlichen Hintergründe und damit auch die Versuche der Autorin die eigene Mutter zu erklären, ob für sich oder den Leser kann jeder selbst entscheiden. Die Geschichte wird neutral und selbstreflektiert erzählt, die Erzählerin hinterfragt sich selbst, indem sie auch andere Familienmitglieder zu Wort kommen lässt. Dieser Stil hat mir gefallen, dass sie sehr persönlich und detailliert auspackt, aber dabei trotzdem bemüht ist jede Situation richtig darzustellen. Ein gelungenes Porträt einer Mutter, erzählt von der Tochter, verbunden von Geburt bis nach dem Tod.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Dies ist meine erste Lektüre dieser Autorin, ein Buch, dass letztes Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Die Sprache ist grandios - einfühlsam, direkt und mutig.
Schenk beschäftigt sich hier mit den möglichen Hintergründen, die ihre Mutter zu einer emotional unerreichbaren Person gemacht haben könnten.
‘Maman hat uns in die Welt gesetzt und wild wachsen lassen wie Unkraut. Es hatte Vorteile. Dank ihres Systems bekamen wir frische Luft.‘
Das Wunderbare an diesem kleinen Band ist, dass hier viele verschiedene Themen aufs Allerwesentlichste konzentriert werden bis ein Bild zum Vorschein kommt von einer Frau, die geschichtlich und generationsübergreifend auch Tausende andere Frauen represäntieren könnte. Armut, uneheliche Kinder, Zwangsheirat, und gesellschaftliche Einschränkungen sind hierbei nur ein paar der Hauptfacetten, die die Autorin in die Geschichte einfädelt. Wunderbare Lektüre!
Ein Buch von der Shortliste zum Buchpreis. War für mich nicht der Favorit, aber ein lesenswertes Buch. Erinnert an Annie Ernaux mit dem Buch "Eine Frau". Hier wie immer eine sehr schöne Stelle aus dem Buch: "Ich bin da, bin dazwischen, als Künstlerin zwischen den Fronten, als Schreibende. Worte sind flüssiges Leben, sie sickern in die Spalten des Alltags." Man hört heraus, dass es ein autobiographisch Buch ist. Immer wieder fragt man sich, hätte man die Mutter (Vater) doch mehr gelöchert: wie war das genau damals? Aber dazu ist es nun zu spät!
Mutter -Töchterroman. 4 Töchter, 1 Sohn. Frankreich, die Mutter wuchs im WaIsenhaus und bei Bauern auf, wurde mit 7 Jahren von einem liebevollen Ehepaar adoptiert,heiratet mit 20 Jahren einen Zahnarzt,aber nicht aus Liebe. Ihren Kindern kann sie nur als Babys Liebe und Zuneigung zeigen. Eine Tochter versucht in diesem Roman das Leben der Mutter zu erforschen.