Lee Uhwan befindet sich in einem Boot zusammen mit zwölf anderen Personen. Alle möchten wieder in ihr Ausgangsjahr 2064 zurückkehren, doch kurz bevor das Gefährt in das „Blue Hole“ abtaucht, das sie zurückbringt, entschließt sich Lee Uhwan, im Jahr 2024 zu bleiben. Er öffnet die Luke, steigt aus und verursacht dadurch, ohne dass es ihm bewusst wird, den Tod seiner Mitreisenden. Obwohl er seinen Auftrag erfüllt und das Rezept für die berühmte Knochensuppe gefunden hat, lässt es ihm keine Ruhe, dass er immer noch nicht genau weiß, wer seine Eltern sind. Während er wieder im Restaurant Busan Knochensuppe aushilft und bedient, begegnet er weiteren Zeitreisenden aus der Zukunft, darunter Park Jongdae, der im Hier und Jetzt eine neue Welt nach seinen Vorstellungen gestalten möchte und dafür buchstäblich über Leichen geht, und Kim Hwayeong, einem »Treiber«, der den Auftrag hat, ihn zu töten. Im letzten Moment erhält Lee Uhwan unerwartete Hilfe … von seinem Vater und von seiner Mutter. Doch wird es ihm gelingen, dem Killer auf Dauer zu entkommen? Kim Young-tak gelingt es, verschiedene Genres wie Science-Fiction, Krimi und Thriller zu einer spannenden Zeitreisegeschichte und einem gelungenen Pageturner zu vermischen.
Der Süd-Koreaner Lee Uhwan war durch ein Loch im Meeresboden 40 Jahre in die Vergangenheit gereist, um das Rezept für die echte Rinderknochenbrühe zu beschaffen und in seine Gegenwart zurückzubringen. Außerhalb der fast familiären Beziehung Uhwans zu seinem Chef und dessen jugendlichem Sohn Sunhee brauen sich im Busan der Vergangenheit jedoch politische Verwicklungen und mafiöse Strukturen zusammen. Bereits im ersten Band der Duologie konnte ich mich gehörig gruseln beim Gedanken an verschwundene Menschen und an riesige eiserne Suppentöpfen, in denen geduldig gerührt wird.
Seit Lee Uhwan auf der Rückreise den Tod seiner Mitpassagiere verursacht hat, sitzt ihm ein Killer aus der Zukunft im Nacken. Inzwischen ist der pflichtbewusste Ermittler Changgeun dubiosen Vorgängen um falsche Identitäten und Vergabe von Wohnungen im Umfeld des Immobilien-Hais Park Jongdae auf der Spur. Ein Altfall einer Schießerei an einer Schule (aus dem ersten Band) scheint noch immer nicht aufgeklärt zu sein. Das in Süd-Korea angesagte Thema Schönheitsoperationen wird von Youngtak Kim auf die Spitze getrieben mit einer Gesellschaft, in der man sich durch ein völlig neues Gesicht und Entfernen der Fingerabdrücke eine neue Identität schaffen kann. Durch das Verfahren sind unterschiedliche Modelle einer Figur denkbar, die einander gegenübertreten könnten, aber auch Menschen, die ihre Identität einbüßen, ohne eine neue zu erhalten. Man stelle sich Ermittler Changgeun vor, dem ein Verdächtiger ganz ohne Fingerabdrücke gegenübersteht!
Mit dem Wissen, dass das Geschehen von heute beeinflusst, wer in einigen Jahren reich und mächtig sein wird, wirken die Ereignisse um Lee Uhwan, Park Jongdae und Changgeun etwas weniger grotesk. Am Schnittpunkt von Zeitreise-Technologie, Politik, Immobilienspekulation und Lee Uhwans privater Suche nach Zugehörigkeit wird deutlich, dass letztlich nicht technische Möglichkeiten die Zukunft von Kims Figuren bestimmen, sondern deren persönliche Stärken und Schwächen. Die höchst suspekte Immobilienspekulation lässt sich als Sozialkritik lesen an einem System, in dem jeder morgen selbst einem knallharten Verdrängungsprozess ausgesetzt sein könnte. Alt verliert gegen Jung, Einwohner gegen Zuwanderer, Einzelner gegen Interessengruppe.
Die Fortsetzung der Knochensuppen-Geschichte wirkt durch den Einsatz grotesker Technologien weit düsterer als der erste Teil. Insgesamt erlebte ich die männerlastige Welt außerhalb der familiären Einheit Lee Uhwan/Lee Sunghe/Lee Jongin/Kanghee als unnahbar. Die Zeitreisetechnik als Gewerbezweig konnte mich amüsieren, die zeitliche Einordnung des Geschehens fiel mir nicht immer leicht. Insgesamt setzt der Autor mit schnellen Schnitten eher filmische Mittel ein, so dass die Figuren des zweiten Bandes für mich wenig Konturen zeigten. Ein Personenverzeichnis wäre auch in diesem Band hilfreich.