Ijoma Mangold (“Das deutsche Krokodil”) ist vielen bekannt als Literatur-Kritiker der ZEIT. Wie Neo aus der Matrix-Trilogie führt auch er jedoch ein Doppelleben, wie er in seinem neuen Buch bekennt. Durch eine Mischung aus Langeweile und, sagen wir, ‘Konträr-Faszination’, rutschte er während des Covid-Lockdowns in den Kaninchenbau der Bitcoin-Welt hinein. Aus dem vermeintlich kurzen intellektuellen Abenteuer ist eine Art religiöser Erweckung geworden, an der uns Mangold nun teilhaben lassen möchte.
Dass Bitcoin für ihn nicht nur ein leicht verschrobenes Hobby, deutet Mangold bereits im Untertitel an: “Warum Bitcoin weit mehr als nur ein neues Geld ist”. In der Tat ist für ihn (wie für die meisten glühenden Bitcoin-Anhänger) die Krypto-Währung eine revolutionäre Idee, die mit einem Schlag die grundlegenden Probleme des krisengeschüttelten Finanzsystems beheben könnte.
Diese Erkenntnis kommt dem Einwerfen der titelgebenden orangen Pille gleich. Ähnlich wie Neo, der sich im Film für die vielzitierte rote Pille entscheidet und fortan erkennt, dass er bisher in einer Scheinwelt gelebt hat, öffnet die Bitcoin-Pille die Augen für die Scheinwelt unseres Geldsystems. Jene Welt der sogenannten Fiat-Währungen, die ohne jeglichen intrinsischen Wert sind und von Zentralbanken gleichsam aus der Luft geschaffen werden – und deren Manipulierbarkeit der Spekulation und Finanzkrisen Tür und Tor öffnet.
Bitcoin, so beschreibt es Mangold, beschreitet dagegen einen völlig neuen Weg. Basierend auf der Blockchain, einer Art öffentlichem Kassenbuch, ist er radikal dezentral und pseudonym (keineswegs anonym). Dies macht die Banken als Mittelsmänner im Finanzsystem überflüssig. Anders als viele seiner Nachfolge-Kryptowährungen sei Bitcoin jedoch tatsächlich frei von Einflussnahme, da sich sein sagen-umwobener Schöpfer Satoshi Nakamoto seit ihrer Gründung vollkommen zurückgezogen und keinerlei Einflussnahme (lies: Selbst-Bereicherung) unternommen habe. Mangold nennt dies augenzwinkernd die “unbefleckte Empfängnis”.
In seinen fünf Teilen geht der Autor ausführlich auf das technologische Design der Blockchain, das Verhältnis zu konventionellen Währungen ebenso wie auf politisch-gesellschaftliche Aspekte ein. Bei alledem gibt Mangold nicht vor, im Besitz einer endgültigen Einsicht in die Zusammenhänge des Bitcoin zu sein. Vielmehr reflektiert er heiter seinen Pfad der Erkenntnis und gibt freimütig zu, wie sehr ihn seine eigene Begeisterung für den Bitcoin selbst verwirre. Da mag es nicht überraschen, wenn der erste Teil des Buches die nicht ganz uneitle Überschrift “Bitcoin und ich” trägt.
All dies ist in einem verspielten, fast schon übersprudelnden Ton geschrieben, voller Gedankenstriche, Klammer-Bemerkungen und irgendwie liebenswerten Manierismen. Dabei wird nicht gegeizt mit bildungs-bürgerlichen Referenzen, von der Bibel bis zur griechischen Mythologie, von Lewis Carroll über Hegel bis zu Wittgenstein. Wer Ijoma Mangold einmal live erlebt hat, etwa in seinen Podcasts, wird seinen charakteristisch lebhaften Tonfall auch im Buch im Ohr haben.
Das Buch ist unterhaltsam und angenehm zu lesen – und trotz der Vielzahl der angerissenen Themen leicht zugänglich. Wer allerdings eine logisch stringente und klar strukturierte Einführung in die Blockchain-Thematik sucht, dem sei dieses Werk nicht ans Herz gelegt. Es gleicht eher einem intellektuellen Selbsterfahrungs-Trip des Autors. Dass es diesem flammenden Plädoyer für den Bitcoin etwas an nüchterner Distanz fehlt, mag man dem Buch nicht verübeln.