Zu den großen Editionsunternehmungen, die der Akademie Verlag bereits in den 1950er Jahren auf den Weg gebracht hat, gehört die Deutsche Aristoteles-Gesamtausgabe, bestehend aus Übersetzung und Erläuterungen mit ausführlichem, am neuesten Stand der Forschung orientierten Kommentaren, begründet von Ernst Grumach, damals Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die nach seinem Tode (1967) von Hellmut Flashar weitergeführte Ausgabe ist, nachdem die ersten Bände 1956-1958 erschienen waren, über alle z.T. widrigen Zeitumstände hinweg dank der Mitarbeit führender Aristotelesforscher stetig gewachsen und hat sich mit bisher 30 erschienenen Bänden eine hohe internationale Anerkennung erworben. Obwohl die Ausgabe noch nicht abgeschlossen ist, kann sie schon jetzt als Spiegelbild des Logik, Ethik, Metaphysik, Ästhetik und Biologie umfassenden, wahrhaft enzyklopädischen Werkes angesehen werden, mit dem Aristoteles wie kein anderer Philosoph nicht nur abendländisches Denken geprägt, sondern auch in der jüdischen, arabischen und islamischen Tradition starke Spuren hinterlassen hat. Kein Text aus der Antike hat in den letzten Jahrzehnten weltweit so viel Aufmerksamkeit erfahren wie die Nikomachische Ethik. Dieser Entwicklung sucht die neue Übersetzung durch Textnähe und Verständlichkeit Rechnung zu tragen, die dieses Werk nicht allein Fachleuten zugänglich macht.
Aristoteles (384–322 v. Chr.) untersucht in der Nikomachischen Ethik zentrale ethische Konzepte wie Tugend (arete), Glückseligkeit (eudaimonia), Gerechtigkeit (dikaiosynê) und Freundschaft (philia). Aristoteles erinnert uns in der Nikomachischen Ethik , dass wir Ethik nicht um ihrer selbst willen betreiben, noch um besonders ausgefeilte Theorien über das Gute und die Tugend zu entwerfen. Vielmehr liegt der eigentliche Zweck des ethischen Nachdenkens darin, uns selbst zu einem guten und gelungenen Leben zu führen. Ethik ist keine bloße intellektuelle Übung, sondern eine praktische Disziplin, die darauf abzielt, unser Handeln zu verbessern und unseren Charakter zu formen. Wir streben danach, gut zu sein, nicht nur zu wissen, was gut ist. Damit verknüpft Aristoteles die Reflexion über das sittlich Richtige untrennbar mit der persönlichen Lebensführung – denn das höchste Ziel der Ethik ist es, durch die Verwirklichung der Tugend Glückseligkeit (eudaimonia) zu erreichen. Aristoteles’ Methode beruht auf der kritischen Auseinandersetzung mit den „Endoxa“, den allgemein anerkannten Meinungen, die er systematisch prüft und verfeinert, um zu einer rational begründeten Ethik zu gelangen. Seine Lehre von der rechten Mitte betont, dass Tugend im Ausgleich zwischen Extremen liegt und durch Übung sowie Gewohnheit erlangt wird. Damit verbindet Aristoteles praktische Lebensnähe mit philosophischer Reflexion. Im Vergleich zu den klassischen Übersetzungen von Eugen Rolfes (1852-1931), Jules Tricot (1893-1963) sowie René Antoine Gauthier (1913-1999) und Jean-Yves Jolif (1923-1979), um nur diese zu nennen, bietet Dorothea Frede’s Übertragung der Nikomachischen Ethik einen geradezu fantastischen Lesegenuss. Wo andere Fassungen oft schwerfällig oder allzu akademisch wirken, überzeugt Fredes Arbeit durch stilistische Eleganz und sprachliche Frische, ohne dabei an Präzision und Tiefgang zu verlieren. Ihr modernes, lebendiges Deutsch bringt die Gedanken Aristoteles’ klar und zugänglich zur Geltung und bewahrt zugleich die philosophische Strenge des Originals. So wird das Lesen nicht nur zur intellektuellen Auseinandersetzung, sondern zu einem echten Vergnügen – ein seltener Spaßfaktor, der in Übersetzungen antiker Texte keineswegs selbstverständlich ist. Nun folgt eine prägnante Inhaltsangabe der zehn Bücher, die die zentralen Themen der Nikomachischen Ethik – Tugend, Freundschaft und Glückseligkeit – systematisch erschließt. Buch I: Glück als Ziel des Lebens Aristoteles bestimmt das höchste Gut des Menschen als Glückseligkeit (Eudaimonia), das um seiner selbst willen erstrebt wird. Glück entsteht durch die bestmögliche Vernunfttätigkeit des Menschen. Er kritisiert verbreitete Vorstellungen von Glück (Lust, Ehre oder Reichtum) und entwickelt Kriterien für das höchste Gut: Vollkommenheit und Autarkie. Weiterhin unterscheidet er zwischen dianoetischer (vernunftgeleiteter) und ethischer Tugend. Buch II: Die Entstehung der ethischen Tugend Ethische Tugend entsteht durch Gewöhnung und Übung und ist keine angeborene Eigenschaft. Tugendhafte Handlungen bewegen sich in der rechten Mitte (mesotes) zwischen einem Übermaß und einem Mangel. Die richtige Mitte wird durch Vernunft und das Verhalten des tugendhaften Menschen bestimmt. Buch III: Verantwortung für Tugenden und Laster Aristoteles behandelt die Freiwilligkeit von Handlungen und betont die Verantwortung für ethische Tugenden und Laster. Er erklärt, dass Tugenden durch bewusste Wahl entstehen. Weiterhin beschreibt er die Tugenden Tapferkeit und Mäßigung und betont, dass die Absicht entscheidend ist. Verantwortung setzt voraus, dass das Individuum frei handelt und sich seiner Handlung bewusst ist. Buch IV: Fortsetzung der Analyse der Charaktertugenden und Laster Dieses Buch vertieft die Analyse der Charaktertugenden wie Freigebigkeit, Großzügigkeit, Ehrenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit. Jede dieser Tugenden erfordert, das rechte Maß zu treffen. Auch Laster wie Prahlerei, Geiz oder Zügellosigkeit werden diskutiert. Aristoteles beschreibt soziale Tugenden wie Witz und Höflichkeit, die für ein harmonisches Miteinander wichtig sind. Buch V: Gerechtigkeit (Dikaiosynê) Gerechtigkeit ist die vollkommene Tugend, weil sie das Wohl anderer einschließt. Aristoteles unterscheidet zwischen austeilender Gerechtigkeit (Verteilung von Gütern nach Verdienst) und ausgleichender Gerechtigkeit (z.B. bei Verträgen oder Strafen). Gerechtigkeit ist für das gesellschaftliche Leben unverzichtbar und schafft Gleichgewicht. Buch VI: Die dianoetischen Tugenden Aristoteles erläutert die Tugenden des Verstandes. Dazu gehören Klugheit (phronesis), die das richtige Handeln im praktischen Leben ermöglicht, und Weisheit (sophia), die universelle Wahrheiten erkennt. Klugheit dient als Grundlage für ethisches Verhalten, da sie die Mitte bestimmt und zur rechten Handlung führt. Buch VII: Unbeherrschtheit und Lust als Vollendung der Tätigkeit Aristoteles untersucht Selbstbeherrschung (enkrateia) und Unbeherrschtheit (akrasia). Der Selbstbeherrschte widersteht seinen Begierden, während der Unbeherrschte wider besseres Wissen handelt. Zudem erklärt er, dass Lust die Vollendung (entelecheia) einer Tätigkeit ist, nicht aber deren Zweck. Lust begleitet tugendhaftes Handeln als natürlicher Zustand der Erfüllung. Buch VIII und IX: Freundschaft (Philia) Diese beiden Bücher widmen sich der Freundschaft, die Aristoteles als zentrales Element des guten Lebens betrachtet. Er unterscheidet drei Arten: Freundschaft, die auf Nutzen basiert, Freundschaft, die auf Lust beruht, Vollkommene Freundschaft, die auf Tugend und gegenseitiger Wertschätzung gründet. Freundschaft fördert das ethische Leben und stärkt die Gemeinschaft. Die Selbstliebe bildet dabei die Grundlage, da nur wer sich selbst liebt, wahrhaftig Freundschaft zu anderen entwickeln kann. Buch X: Glück, Theoria und Erziehung Das höchste Glück liegt in der kontemplativen Tätigkeit (theoria), die der reinste Ausdruck der Vernunft ist. Aristoteles erklärt, dass das philosophische Leben dem praktischen überlegen ist, da es autark und beständig ist. Zum Abschluss betont er die Bedeutung der Erziehung der Bürger, insbesondere der Gesetzgeber, um ethische Tugenden in der Gemeinschaft zu fördern. Damit bildet er den Übergang zu seiner Politik. Aristoteles' Ausführungen im X. Buch der Nikomachischen Ethik betonen das kontemplative Leben (bios theoretikos) als die höchste und vollkommenste Lebensform, da es der reinen Betrachtung des Ewigen und Unveränderlichen dient. Dieses kontemplative Leben stellt er dem praktischen Leben (bios praktikos), das auf Handeln und politische Aktivität ausgerichtet ist, gegenüber und bewertet es als überlegen. Hannah Arendt (1906-1975) kritisiert diese aristotelische Hierarchie in ihrem Hauptwerk Vita Activa oder Vom tätigen Leben, weil sie das Handeln, das für sie der Inbegriff menschlicher Freiheit und Pluralität ist, herabsetzt. Arendt zeigt auf, dass Aristoteles' Betonung des bios theoretikos eine Entwicklung einleitete, in der das aktive, politische Leben an Bedeutung verlor und das Modell des Herstellens (poiesis) zunehmend die Vorstellungen von politischer Ordnung prägte. Im Herstellen handelt es sich um einen zielgerichteten Prozess, bei dem der Handwerker ein bestimmtes Endprodukt hervorbringt. Arendt kritisiert, dass dieses Modell auf die Politik übertragen wurde und zur Einführung einer Trennung von Herrschern und Beherrschten führte: Die Herrschenden verfügen über das Wissen, während die Beherrschten Anweisungen ausführen, ohne das Ziel zu kennen. Diese Übertragung führte zu Missverständnissen, da das politische Handeln, das auf Freiheit und Pluralität beruht, fälschlicherweise nach dem Vorbild des Herstellens als zweckgebundene Tätigkeit verstanden wurde. Damit legt Arendt den Grundstein für ihre Kritik an der politischen Philosophie seit der Antike, die, aus ihrer Sicht, das Wesen des politischen Handelns verkannt und entwertet hat. Eine meiner Lieblingsstellen in der Nikomachischen Ethik findet sich in Aristoteles' Überlegungen zur Präzision in der Ethik, die besonders in Buch I (Kapitel 7, 1098a 20-1098b 5) deutlich werden. Aristoteles stellt klar, dass man in der Ethik nicht dieselbe mathematische Genauigkeit erwarten kann wie in der Mathematik oder den Naturwissenschaften. Die Natur des ethischen Gegenstands – menschliches Handeln und moralische Entscheidungen – ist zu variabel und komplex, um universelle, exakte Regeln zuzulassen. Er betont, dass ein gebildeter Mensch nur die Präzision fordert, die der jeweiligen Disziplin angemessen ist. Während ein Mathematiker präzise Beweise liefert, genügt es einem Redner, plausible Argumente zu präsentieren. Dieses Augenmaß ist für Aristoteles Ausdruck von Bildung und Urteilskraft. Ein besonders anschauliches Beispiel für diesen Gedanken findet sich in seinem Vergleich zwischen dem Schreiner und dem Geometer. Beide beschäftigen sich zwar mit dem rechten Winkel, doch auf unterschiedliche Weise: Der Geometer betrachtet ihn als abstraktes, universelles Objekt, um Wissen um des Wissens willen zu erlangen. Der Schreiner hingegen nutzt den rechten Winkel praktisch, um ein bestimmtes Werkstück zu erstellen. Für ihn zählt nicht die theoretische Vollkommenheit, sondern die Anwendung im konkreten Fall. Damit verdeutlicht Aristoteles, dass die ethische Praxis immer kontextabhängig ist. Tugendhaftes Handeln erfordert, wie seine Mittentheorie zeigt, die Fähigkeit, das "rechte Maß" zu finden – zur richtigen Zeit, in der richtigen Weise und gegenüber den richtigen Personen zu handeln. Diese Parameter des Sollens lassen sich nicht mathematisch bestimmen, sondern verlangen praktische Erfahrung und Urteilskraft. Diese Analyse beeindruckt mich besonders, weil Aristoteles die Grenzen menschlicher Gewissheit anerkennt und gleichzeitig zeigt, dass das Streben nach dem Richtigen nicht an dieser Unschärfe scheitern muss. Es ist gerade diese flexible, reflektierte Urteilskraft, die einen tugendhaften Menschen ausmacht und ethisches Handeln lebendig und relevant hält. Weitere prägnante Passagen, die mir sehr gefallen, finden sich in den Büchern VIII und IX der Nikomachischen Ethik. Hier widmet sich Aristoteles der Freundschaft (philia) als zentralem Bestandteil des guten Lebens (eudaimonia). Ohne Freundschaft, so verdeutlicht Aristoteles, würde dem Leben ein wesentlicher Teil seiner Freude, Beständigkeit und Tiefe fehlen. Diese Überlegungen sind ebenso klar wie zeitlos und unterstreichen die Bedeutung von Freundschaft als einem der schönsten und notwendigsten Elemente des menschlichen Daseins.