»Scheiblettenkind«, »Schmuddelkuh«, »Assitussi« – das sind nur einige der Schimpfwörter, die sich Eva Müllers Protagonistin immer wieder in ihrer Jugend von Gleichaltrigen anhören musste. Schimpfwörter, mit denen sie, die nicht aus privilegierten Verhältnissen stammt, ausgegrenzt wurde und die sie auf ihren Platz verweisen sollten.
In dieser autofiktionalen Graphic Novel erzählt sie ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Familie. Sie erzählt in klaren, kraftvollen, eindrücklichen Bildern von erstaunlich ästhetischer Vielfalt über die bäuerliche Herkunft der Großeltern, vom westlichen Arbeitermilieu der Eltern, über das Aufwachsen in Unbildung und Armut, über soziale Scham, den Gestank von Frittierfett, über ihre Billigklamotten mit albernen Aufnähern, ihre Entfremdung von ihren Ursprüngen und schließlich ihre Emanzipation als Künstlerin ‒ und mit dabei ist immer die Schlange Selbstzweifel, die unabhängig von ihrem Erfolg bis heute nicht von ihrer Seite weichen will.
In dem autofiktionalen Graphic Novel erzählt Müller ausdrucksstark vom Aufwachsen in und Ausbrechen aus der Arbeiter*innenklasse im ländlichen (West-)Deutschland der 80er-Jahre, von Armut, Bildungsferne, Scheißjobs in Gastro und Fabrik, von nagender Unzugehörigkeit, Diskriminierung und einer tiefen, lange nicht fassbarer Sehnsucht nach mehr, die schließlich zur Kunst führt. Die großartigen analogen Bleistiftzeichnungen haben eine sehr starke Bildsprache und vermitteln eindrücklich das Leben der Protagonistin und ihrer Familie und weisen dabei weit über die persönliche Geschichte hinaus. Symbolisch für lähmende Scham und internalisierten Klassismus steht eine Schlange, die der Protagonistin überallhin folgt und sie terrorisiert, ihr zuzischt, dass sie nicht gut genug ist. Auch die Ausschlüsse und die Privilegienblindheit in der scheinbar inklusiven, reflektierten Punk- und Kunstszene werden pointiert zum Thema gemacht. An jedem Kapitelende liefert außerdem ein ironisch entworfener Hipster-Marx ein passendes Zitat, das die vorangegangene Handlung in einen gesellschaftspolitischen Kontext stellt.
Inhaltlich wie gestalterisch extrem beeindruckend, stark, nuanciert, heftig und auch humorvoll!
Lange schlich ich um diese Graphic Novel herum. Dass ich sie nicht sofort mitnahm lag, daran, dass die Zeichnungen schwarz-weiß sind und auf den ersten Blick recht kindlich wirkten. Bei meinem letzten Besuch in der Buchhandlung meiner Wahl hab ich ein bisschen rein lesen kann und war sofort gefangen.
Eva Müller hat ein autofiktionales Werk geschaffen, dass sich mit ihrer Klasse und den Selbstzweifeln (in Form einer Schlange) auseinandersetzt. Die erste Graphic Novel über Klassismus, die mir bekannt ist.
Eva wächst als Kind einer Arbeiterfamilie, auf, die ihr Leben damit verbringt, Geld zusammen zu sparen, um ein Häuschen zu bauen. Niemand aus ihrer Familie war je auf dem Gymnasium oder hat in irgendeiner Form seine Träume verwirklicht. Es ging immer nur ums arbeiten. Urlaube waren nicht möglich, als Kind musste sie sich früher ihr Taschengeld selbst verdienen. Sie suchte immer wieder Parallelwelten auf, um ihrer Realität zu entfliehen. Aber egal, in welcher Umgebung sie sich befindet. Die Selbstzweifel züngeln und zischen immer wieder um ihren Körper und drohen sie manchmal zu erdrücken. Das bleibt ihr wahrscheinlich ein Leben lang.
Die Zeichnungen sind so eindrücklich und kreativ und zogen mich in ihren Bann. Irgendwann habe ich vergessen, dass ich mich in einer gezeichneten Geschichte befinde. Es liest sich wie ein Roman. Ab und an taucht Karl Marx mit Zitaten auf. Sehr kreativ. Eingeflochten sind auch immer wieder Rückblicke in die Vergangenheit ihrer Vorfahren, den Großeltern und den Eltern. Die Chancen, die sie hatten und nicht genutzt haben, aus Angst oder Selbstzweifeln.
Ich kann das was Eva Müller geschrieben hat sehr gut nachempfinden, ist der Lebensweg meiner Familie doch ähnlich. Wir teilen Erfahrungen und Gefühle . Das hat es für mich so besonders gemacht. Eine klare Leseempfehlung für alle, die ihre eigene Herkunft reflektieren möchten und das stilistisch auf außergewöhnliche Art und Weise
A brave, sensitive but Sharply written Deep Dive Into the struggle with class And classism of the Art world And a stunning piece of imaginative lucidity. A Must read!