Eine Frau zwischen alten Rollenverhältnissen und neuen Rollenansprüchen
Eine Frau – Mutter, Partnerin, Versorgerin – fährt eines Morgens nicht zur Arbeit, sondern in die Psychiatrie. Am Abend hat sie sich mit ihrem Partner gestritten, vielleicht ist etwas zerbrochen, jetzt muss sie den Tag beginnen, sie muss die Tochter anziehen, an alles denken, in der Wohnung und ihrem Leben aufräumen. Doch sie hat Angst: das Geld, die Deadline, die Beziehung, nichts ist unter Kontrolle, und vor allem ist da die Angst um ihren Stiefvater, der früher die Welt für sie geordnet und ihr einen Platz darin zugewiesen hat. In der Psychiatrie, denkt sie, wird jemand sein, der ihr sagt, wie ihr Problem heißt. Dort darf sie sich ausruhen.
Eine Frau, erschöpft von der Arbeit der Emanzipation und der Liebe: Siegfried ist ein Roman über alte Ordnungen und neue Ansprüche, über Gewalt und das Schweigen darüber, über eine Generation, deren Eltern nach dem Krieg geboren wurden und deshalb glaubten, er sei vorbei.
Geboren 1984 in Borken, lebt in Berlin. Studium der Literaturwissenschaft und Geschichte. Veröffentlichung verschiedener Kurzgeschichten in der Wochenzeitung Der Freitag und bei Zeitonline.
Neun Lettern, die von Macht sprechen, von altem Geld, von Regeln. Davon, nach dem Besten zu streben, keine Kompromisse: Siegfried. Alle Wege führen zu ihm, denn er war immer da gewesen im Leben der Protagonistin aus Antonia Baums neuem Roman „Siegfried“, körperlich wie geistig, in ihren Gedanken, in ihren Handlungen – Siegfried. Das personifizierte Patriarchat, der Macher.
Sie ist fahrig und aufgewühlt, die namenlose Protagonistin, ihr Leben am Rand einer Klippe, im Fallen begriffen, doch sie kann sich nicht halten. Seit einem Jahr hat sie eine Schreibblockade, ihr Buchprojekt ein ruheloses Blinken des Cursors auf dem Display, und sie hat Angst: dass das Geld ausgeht, vor der Reaktion ihrer Verlegerin, vor Alex. Geld war schon immer ein Streitpunkt ihrer Beziehung. Denn Geld bedeutet für sie Sicherheit. Das war etwas, das er – anders als sie – von seinen Eltern nicht mitbekommen hatte. Sie wuchsen in der DDR auf, die Wende hatte etwas mit ihnen gemacht. Alex schämte sich für sie, die Platte, den Nippes, ihre Kleingeistigkeit; dafür, dass sie kein Geld und keine Ambitionen zu haben schienen: „Sie kämen ihm vor die Kinder, die sich erschreckt hätten, als die Mauer fiel, und sich von dem Schreck nicht mehr erholten. Es ging bei uns nur um Angst. Die haben alles aus Angst gemacht. Das Höchste, was man erreichen konnte, war Sicherheit. Es gab nichts, was ich nachmachen konnte. Oder wollte.“ (S. 125) . Angst, das war etwas, ihrer Familie auch nicht unbekannt war. Sie blickt zurück, in ihre Kindheit, die Wochen, die sie im Sommer bei Hilde, der Mutter ihres Stiefvaters Siegfried, verbrachte. Hilde ist eine Marke, anders kann man es nicht sagen. Sie vergöttert ihren Sohn, doch liebevoll ist sie nicht, in ihrem Haus wohnt Traurigkeit. Ein wenig kauzig, sonderbar, liebt raffinierte Dinge, eine Macht- und Respektsperson, die sich nach der Sicherheit und Stabilität der 80er Jahre sehnt, immer wieder ihre Erinnerungen an den Krieg nebenbei ins alltägliche Gespräch einfließen lässt. Das Mädchen bekommt jeden Tag die Enttäuschung darüber zu spüren, dass sie eben das ist: kein Junge. Sie wird gefordert, ihre Fortschritte gemessen, klein gehalten; der Blick in den Spiegel wird ihr verwehrt, der offenbaren würde, dass sie älter wird, als könne es den Lauf der Dinge aufhalten. . Angst auch in ihrem Elternhaus: häusliche Gewalt, Berechnung, patriarchale Macht. Und Angst, als sie – ihr Elternhaus hatte sie lange verlassen – Alex kennenlernt. Sie sehnte sich nach jemandem, der anders ist, anders, als sie es kennengelernt, von Hilde gelehrt bekommen hatte, und fand all das in Alex: Er schien sorglos, was das Leben angeht, seine Zukunft, wollte sich lösen von alten Mustern, seinem Zuhause, doch sie wurde immer wieder befallen von den Zügen, die sie ihr Leben lang vorgelebt bekam. Neurotische Ordnungssucht, genug Waschpulver, Brot. Geld. Das große Streitthema. Und immer wieder scheint Alex sich wie Siegfried zu sein, ihre Beziehung wie die ihrer Eltern: „Ich zitterte, er sah mich lächelnd an, und ich war voller Glück. Ich sah ihn an und dachte, dass er überhaupt keine Ahnung hatte und vor allem keine Angst. Nicht davor, bei mir zu sein, auch nicht davor, allein zu sein. Als ich Jahre später in der Psychiatrie saß, fragte ich mich, was aus Alex und mir geworden war, wie es sein konnte, dass es dem so ähnelte, was meine Eltern miteinander veranstaltet hatten, die Lügen, die Kälte, die Brutalität. Ich konnte es nicht sagen, aber ich hatte eine Ahnung." (S. 113) . Schicht um Schicht legt Baum mit einer gewissen Kühle, in Gedanken – Erkenntnissen – schwebend, Traumata frei, Motive, die sich transgenerational durch den Familienstammbaum ziehen, von Hilde über Siegfried hin zu der namenlosen Protagonistin. Eindrücklich zeigt sie die Beziehungen der einzelnen Protagonisten auf, ihre jeweiligen Charakterzüge. Anhand dessen beschreibt sie kraftvoll, wie Gewohnheiten, wie Gewalterfahrungen fortbestehen und in den Menschen weiterleben, weitergegeben werden, Machtstrukturen überdauern, alte Ideale bleiben – ebenso wie Ängste. Siegfried ist das Kondensat all dessen, die Machtfigur, doch die Zeit ist auch ihm nicht gnädig, ewig jung bleibt niemand. Der König wankt, krank und alternd, doch seine Präsenz schwindet nicht. . "Siegfried" ist so viel mehr als das, was ich erwartet hatte zu lesen, mehr und anders (!) als das, was der Klappentext suggerierte. Eine eindrückliche, lebendige Charakterdarstellung, eine innere Reise, eine Auf- und Verarbeitung - und ein richtig gutes Buch. Und: Props an Hilde!
ich gestehe es gleich: Siegfried ist ein Text, mit dem ich nicht so klar gekommen bin. Das Buch handelt von einer namenlosen Ich-Erzählerin, die Autorin ist und seit über einem Jahr einen neuen Roman schreiben muss, aber noch kein Wort zu Papier gebracht hat. Sie lebt mit ihrem Freund Alex, der auch der Vater ihrer Tochter Johnny ist, zusammen und obwohl sie ihn liebt, hat sie ihn mit ihrem Verleger Benjamin betrogen. Nachdem sie es Alex gebeichtet hat, gerät ihr Leben innerlich aus den Fugen und am nächsten Morgen beschließt sie, statt zu einem Termin in den Verlag, in die Psychiatrie zu fahren ...
Ich wundere mich, dass ich mit dem Text nicht zurechtkam, ist er doch von der Handlung her für mich durchaus interessant. Ein Frauenleben, zwischenmenschliche Beziehungen, auch zwischen den Generationen. Aber gleich am Anfang hat mich der 50 Seiten lange Rückblick gestört, der von ihrem Aufenthalt bei der Stiefoma Hilde handelt. Gerade hatte der Text an Fahrt aufgenommen, die Hauptfigur sitzt ohne Schuhe im Taxi auf dem Weg in die Psychiatrie und da habe ich es so empfunden, als würde diese lange Erinnerung die Handlung ausbremsen. Auch fand ich den Oma Hilde Rückblick zu sehr auserzählt, zu detailliert beschrieben und die seltsame Fixierung auf Spiegel und wachsende Brustwarzen habe ich auch nicht verstanden. Mir hat sich nicht so recht erschlossen, was das sollte. Vielleicht habe ich den Text einfach nicht verstanden🤷♀️. Vielleicht das falsche Buch zur falschen Zeit und ich lese es in einem Jahr mit ganz anderen Augen?
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Wer erwartet, dass dies ein Buch über den Aufenthalt in der Psychiatrie geht wird enttäuscht sein. Das ist der Aufhänger und der Schluss des Buches. Dazwischen wird von der Kindheit der Protagonisten erzählt. Siegfried ist nicht ihr leiblicher Vater, er spielt aber eine zentrale Rolle in den Gedanken der Kindheit. Siegfried ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, viel auf Reisen. Wenn er zu Hause ist oder auch nicht zu Hause ist bestimmt er die Handlungen der Mutter und der Tochter. Er mag es ordentlich, sauber… Das verzweifelte manische Putzen bringt der Mutter aber keine Anerkennung oder Zuwendung ein, sondern vermeidet Eskalation / häusliche Gewalt mit Siegfried. Aber auch nicht immer. So wird das Kind zur Beobachtung der Szenerie und versucht auszuloten, ob alles in Ordnung ist oder wieder eskaliert. Auch wächst die Tochter viel bei der Mutter von Siegfried auf. Sie vergöttert ihren Sohn und glorifiziert diesen, das beruht aber nicht auf Gegenseitigkeit. Die Oma ist so eine Kriegsgeneration mit bleibendem Dachschaden. Durch ihre burschikose Art konnte sie einer Vergewaltigung entgehen. Diese Körperbild soll auf die Enkelin übertragen werden. Anerkennung durch Leistung und angepasstes Verhalten. So eiert auch hier die Protagonistin umher auf der Suche nach Halt, Beständigkeit und Zuwendung. Die Oma ertränkt ihr Leben im Alkohol. Das Händchen halten beim Fernsehen gucken ist alles an körperlicher Zuwendung. Auch im Elternhaus herrscht diese Kälte vor. So eine Kindheit hat Auswirkungen. Die Beziehung zwischen der Protagonistin und Alex ist herunter gewirtschaftet aus Geldproblemen, mangelnder Kommunikation, leeren Versprechungen. Auch hier findet die Protagonistin keinen Halt. Ihr Fremdgehen tut das übrige dazu. Und so sucht sie Halt in der psychiatrischen Notaufnahme wo sie für ihr Gefühl Tage verbringt ohne dass sich jemand kümmert. Jetzt kann man sagen, die Erzählung springt, ist nicht stringent. Aber für meine Empfindung verdeutlicht der wirre Erzählstrang und das offene Ende das Verlorensein der Protagonistin. Mich hat das Buch umgehauen und ist für mich „die Leseüberraschung“. Keine fünf Sterne, weil es zwischendurch etwas langatmig war und an anderer Stelle zu knapp…
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Der Erzählerin wird einfach alles zu viel. Sie zieht die Reißleine und begibt sich in die Psychiatrie. Dort muss sie warten und so beginnen die Gedanken zu rotieren. Sie erinnert sich an ihre Kindheit mit Siegfried, dem Mann ihrer Mutter, und dessen strenge Mutter Hilde, bei der sie immer dann bleiben musste, wenn ihre Eltern auf Geschäftsreise waren. Und sie hält ihr jetziges Leben mit Alex und der gemeinsamen Tochter dagegen. Alex ist nicht wie Siegfried, er kann ihr auch nicht das Leben bieten, das Siegfried ihrer Mutter bot. Je länger der Tag und das Warten dauern, desto negativer wird ihr Bild von ihrem Leben und vor allem ihrem Partner.
Antonia Baums Roman „Siegfried“ spiegelt zwei Männer verschiedener Generationen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Es könnte egal sein, wenn nicht die Erzählerin den Vergleich anstellen würde und unausgesprochene Erwartungen ihr Leben ins Wanken bringen würden. Es ist eine Geschichte von Schieflagen, zwischen den Geschlechtern, den Generationen, auch zwischen Ost und West und je tiefer man eintaucht, desto dominanter wird die kindliche Prägung, die stärker ist, als den Figuren bewusst ist.
Der Titel des Buchs überrascht, ist Siegfried doch eigentlich nicht die zentrale Figur. Erst im Lauf der Handlung wird jedoch deutlich, wie bestimmend der Mann für die Ideale und Erwartungen der Erzählerin ist. Er hat ein Modell vorgelebt, nach dem sie sich mit zunehmendem Alter immer mehr sehnt. Die Strenge seiner Mutter hat ihn erfolgreich werden lassen, auch wenn dies ein unterkühltes Verhältnis zur Folge hatte. Jedoch ermöglicht sein Erfolg einen Lebensstandard, der vor allem mit Sicherheit verbunden ist.
Mit Alex genoss die Erzählerin zunächst die Sorglosigkeit und ein Leben nach eignen Maßstäben. Doch schleichend offenbart sich, dass er ein Kind seiner ostdeutschen Erziehung ist und sie in verschiedenen Welten leben. Unweigerlich treffen zwei sehr verschiedene Sichtweisen aufeinander, die nicht vereinbar sind. Je prekärer die finanzielle Lage des Paares, desto kritischer beäugt die Erzählerin die Leistung ihres Partners und vor allem sein Unvermögen, ihr das zu bieten, was Siegfried ihr bieten konnte.
Die Erzählerin ist eine erfolgreiche und intelligente Frau und dennoch scheitert sie am Alltag und daran, die richtigen Schlüsse aus dem zu ziehen, was sie beobachtet und weiß. Es fehlt ihr der richtige Weg zu kommunizieren, klar zu machen, was sie braucht, stattdessen läuft sie in Eskalation, deren erstes Opfer sie selbst ist.
Auch mich würde Alex wahnsinnig machen, doch er kann nicht aus seiner Haut und kann auch nicht verstehen, was er falsch macht. Die Erzählerin ist jedoch keineswegs in einem Leben mit ihm gefangen. Sie könnte ausbrechen, wie einst ihre Mutter, sie kennt allerdings auch den Preis.
Ein intensiver Roman, der ohne dies groß zu umschreiben eine genaue Analyse vieler westdeutschen Nachkriegsfamilien liefert und Lebensmodelle kontrastiert, die weiter nicht voneinander entfernt sein könnte. Im selben Land zur selben Zeit aufzuwachsen und zu leben, genügt nicht, um auch erfolgreich gemeinsam leben zu können.
Der Roman beginnt damit, dass die Protagonistin, völlig überfordert mit ihrer Beziehung, Care Arbeit, ihrer Lohnarbeit als Autorin und der allgemeinen Lebenssitustion morgens nach dem Aufstehen in die Psychiatrie fährt. Eigentlich will sie sich nur ein bisschen ausruhen, und im weiteren Verlauf erfahren wir als Lesende in unchronologischen Rückblenden, wie es zu der aktuellen Situation kommen konnte. Wie es zu ihrem Leben kommen konnte.
Vermutlich meinte Jay-Z das mit "I've got 99 problems", jedoch is a Bitch bei der Protagonistin doch eins davon, und diese Bitch nennt sich Patriarchat. Der Titelgebende Stiefvater Siegfried ist ein Leuchtturm und Wellenbrecher zugleich: nicht nur in ihrer Kindheit, auch darüber hinaus im Erwachsenenalter macht er sich die Welt, wie sie ihm gefällt, und zwingt die Frauen um ihn herum mehr oder weniger beiläufig in die für sie vorgesehenen Rollen. Wer oder was nicht reinpasst, ist für ihn schlicht unsichtbar. Dadurch gibt er Halt, übt jedoch auch eine große Gewalt aus.
Doch nicht nur Siegfried repräsentiert schiefe Machtverhältnisse, im Prinzip ist jede Beziehung der Protagonistin zu anderen durch ein Ringen um Macht geprägt. Zum Beispiel mit Siegfrieds Mutter Hilde, selbst stark abhängig von der Bestätigung durch "ranghohe" Männer, die ihren Kampf um Anerkennung und Demütigung an ihre Enkelin weitergibt. Auch bei der aktuellen Beziehung der Protagonistin zu dem Vater ihres Kindes handelt es sich um ein stetiges Ringen.
Obwohl der Roman keine stringente Handlung hat, hat er mich sehr in seinen Bann gezogen. Durch die Tiefe, mit der die einzelnen Beziehungen besprochen werden, fühlt es sich an, als würde man mehrere Geschichten lesen, die in der Protagonistin alle zusammenfließen. Die Charaktere und ihre Verhaltensweisen sind so fein beschrieben, dass sie sehr real wirken und es kaum glaubhaft erscheint, sie wären nur ein Produkt der Fantasie. Ich wünschte, ich könnte so schreiben wie Antonia Baum!
Im Wartezimmer der ambulanten Psychiatrie hat sie seit langem das erste Mal Zeit ihre Gedanken fließen zu lassen, zu sortieren, neu zusammenzusetzen. Und das tut die namenlose Ich-Erzählerin in Antonia Baums Roman "Siegfried". Einen ganzen Tag lang tut sie das und stellt dabei fest, dass ihr gerade aus der Kindheit wichtige Erinnerungsstücke fehlen. An ihre Stiefoma Hilde erinnert sie sich. An die Kämpfe, die sie beide geführt haben: Um das Sich-Im-Spiegel-betrachten, das Essen, um die richtige Kleidung, die richtige Haltung, die richtige Figur, das heimliche-Parfüm-benutzen. Die alte Frau drillt das Mädchen und ist dennoch die Konstante ihrer Kindheit. Denn ihr Stiefvater Siegfried, Hildes Sohn, ist oft auf Geschäftsreise. Die immer traurige - und von Hilde verachtete - Mutter begleitet ihn, um zu verhindern, dass er fremdgeht. Später wird Siegfried diese Konstante. Seiner Mutter wirft er die eigene, von Gewalt geprägte Kindheit vor, spricht kaum mit ihr und ist dabei wie sie: Dominant cholerisch, gewalttätig. Nachdem er seine Frau krankenhausreif geschlagen hat, verlässt sie die Familie, das Kind bleibt beim Stiefvater, den sie bis ins Erwachsenenalter vereehrt. Dabei übernimmt sie Verhaltensmuster ihrer Vorgängergenerationen - manche bewusst, andere unbewusst. Und sie sucht sich einen Partner, der Siegfried viel ähnlicher ist, als sie zugeben möchte. Sehr präzise zeigt Antonia Baum an ihrer Erzählfigur wie transgenerationales Trauma entsteht. Was psychische und physische Gewalt mit Menschen macht und wie angelernte Muster ganz selbstverständlich weitergegeben werden. Sie erzählt auch von einer verschwiegenen Nazi-Vergangengeit, von Ost und West, von kapitalistischem Leistungsdruck und künstlerischem Freiheitsdrang. In einer wunderbaren Sprache macht sie das, mit fein komponierten Sätzen, die lange nachhallen. "Siegfried" ist ein Roman, der mir tief unter die Haut gekrochen ist. Der mich traurig und wütend macht und in dem so viel Wahres steckt, dass mir ganz schwindelig wird. Ein großartiges Buch, (dessen Klappentext allerdings ziemlich irreführend ist.)
Siegfried von Antonia Baum. Ich habe selten einen Roman gelesen, bei dem die Inhaltsangabe des Verlags so weit von dem abgewichen wäre, was im Roman erzählt wird. Vielleicht, weil der Roman keine eindeutige Struktur aufweist und sich daher auch schlecht in einen griffigen Blurb verwandeln lässt. Und dies ist sicher Absicht, denn mit wohl geordneten Sätzen lässt sich Chaos nicht beschreiben.
"Eine Frau – Mutter, Partnerin, Versorgerin – fährt eines Morgens nicht zur Arbeit, sondern in die Psychiatrie. Am Abend hat sie sich mit ihrem Partner gestritten, vielleicht ist etwas zerbrochen, jetzt muss sie den Tag beginnen, sie muss die Tochter anziehen, an alles denken, in der Wohnung und ihrem Leben aufräumen. Doch sie hat Angst: das Geld, die Deadline, die Beziehung, nichts ist unter Kontrolle, und vor allem ist da die Angst um ihren Stiefvater, der früher die Welt für sie geordnet und ihr einen Platz darin zugewiesen hat. In der Psychiatrie, denkt sie, wird jemand sein, der ihr sagt, wie ihr Problem heißt. Dort darf sie sich ausruhen." (Ullstein Verlag)
Die Frau ist - keine Versorgerin. Gleich am Anfang wird erzählt, dass sie diesen Job nicht wirklich erfüllt und ihn sich zudem mit dem Partner teilt. Zur Arbeit fahren? Sie ist eine freie Schriftstellerin, die nirgendwo hinfahren muss - weil alles sich auch telefonisch erledigen ließe. Okay, für den Sex mit dem Lektor muss man schon vor Ort sein. Was die Situation eher noch verschärft. Der Streit ist nicht wirklich ein Streit, sondern die Eröffnung der Frau, dass sie fremdgegangen ist oder wertfreier gesagt: Sex mit dem Exfreund und derzeitigen Lektor hatte. Also ein Vertrauensbruch dem Partner gegenüber. Sie hat Angst? Nichts ist unter Kontrolle? Vielleicht könnte man auch sagen, sie ist auf einer Suizide-Mission. Beziehung zerstören, Arbeit nicht erledigen, Rechnungen nicht bezahlen., Kind vernachlässigen. Die Psychiatrie ein Versuch, etwas von aussen zu fixen, was von innen zerstört wurde. Das Selbstvertrauen. Die Liebe. Die Beziehung.
Den Männern gewidmet
Was macht man, wenn man schon nach den ersten Seiten weder Mitleid noch Verständnis für die Protagonistin hat? Man wartet, ob sich das noch ändert. Versucht, seine Einstellung zu verändern. Gleich vorweg - mir ist das nicht gelungen. Vielleicht bin ich zu progressiv erzogen, mit einer Mutter, die mir Emanzipation beigebracht hat. Für mich war es schwer erträglich, dass es in diesem Roman nur um Männer ging. Und wenn eine Frau eine größere Rolle spielt - die Mutter von Siegfried - dann ist sie auf einen Mann, ihren Sohn, fixiert. Siegfried ist der Retter in der finanziellen Situation, der Übervater und richtige Mann, während der Partner, Alex, zum Loser erklärt wird. Er wird betrogen, aber um Siegfried sorgt sie sich. Und um dem Lektor. Da er vielleicht auch etwas fixen kann, geht sie mit ihm ins Bett. So machen das Frauen - doch eigentlich nicht mehr?
Häufig fällt im Zusammenhang mit dem Roman ein Schlagwort: Mental Load. Ein sehr wichtiger Begriff im Zusammenhang mit häuslicher Arbeit. Weil es für "Hausfrauen/männer " keine Feierabend gibt und weder Bezahlung noch entsprechende Anerkennung. Dieses Thema ist wichtig und ich bin froh, dass es jetzt auch in der Literatur immer öfter angesprochen und bearbeitet wird. Logisch - meist von Frauen. Wobei es mit der wachsenden Zahl von Hausmännern eben nicht nur ein Frauenthema ist, sondern ein Grundsätzliches.
Mental Load (deutsch etwa psychische Belastung) bezeichnet im deutschen Sprachraum vorrangig die Belastung, die durch das Organisieren von Alltagsaufgaben entsteht, die gemeinhin als nicht der Rede wert erachtet werden und somit weitgehend unsichtbar sind. (Wiki)
Mental Load
Wie sieht dieser Mental Load in "Siegfried" aus?
In fünfundvierzig Minuten würde ich den Tisch decken, Frühstück machen, die Tasche packen, die Waschmaschine füllen. Meine Liste für den Tag schreiben und dann Johnny wecken, ihr beim Anziehen helfen, ihre Zöpfe flechten, später unbedingt Persil kaufen.
Das scheint eine banale Liste zu sein, zumal der Mann das Kind zur Schule bringt und die Liste eher unwichtig zu sein schient. Das Interessante ist, dass es egal ist, wie lang oder kurz die Liste ist, weil das Gefühl des Overloads subjektiv ist. Das ist wichtig und gut dargestellt. Ähnlich wie Depressive, die nicht in der Lage sind, sich aus dem Bett zu erheben, geht es nicht um die Art der Belastung, sondern darum, wie man sie empfindet. Selbst Kleinigkeiten werden unter Stress und großer psychischer Belastung zu viel. Das ist wichtig zu verstehen.
Daher hätte ich mir mehr Einsichten in die Psyche der Protagonistin gewünscht. Mehr Selbstreflexion. Auch - mehr Selbstkritik. Stattdessen geht es endlos um - andere. Die Eltern des Mannes, den Mann, den Stiefvater, die Mutter von Siegfried um Siegfried. Klar, die Eltern sind nicht perfekt und haben Kollateralschäden bei der Kindergeneration hinterlassen. Wie die meisten Eltern, weil die Gesellschaft mit erzieht, weil wir in keiner idealen Welt leben, weil wir mittlerweile wissen, das Schuld sogar auf den Genen sitzt.
Schuld zuzuweisen - ist vielleicht der erste Impuls, wenn man selbst nicht weiterkommt. Sich dem Leben zu entziehen - ein weiterer Weg: Oder eben eine Katastrophe heraufzubeschwören. So gesehen erzählt der Roman glaubhaft eine Notsituation. Wer sich hier wiedererkannt, für die ist der Roman ein Gewinn, bietet Identifikationsmöglichkeiten und Reflexionsraum.
Sprache und Stil
Antonia Baum hat einen versierten Schreibstil. Die Handlung wird in einem assoziativen Sog erzählt, findet für mich jedoch keinen einheitlichen Rhythmus. Mir waren die Einschübe, in denen sehr langatmig über andere erzählt wurde zu lang und haben den Fokus von der Situation der Protagonistin und der zu erzählenden Geschichte genommen. Aber … braucht ein Buch, das eine Auflösung und zunehmende Verwirrung der Hauptfigur schildern will nicht genau dieses Chaos der Gedanken und Assoziationen? Möglich. Schade, dass mich das Buch hier verloren hat.
Die Autorin
Antonia Baum, geboren 1984, ist Schriftstellerin und Autorin für DIE ZEIT. Ihre journalistischen Arbeiten beschäftigen sich vor allem mit Literatur, Feminismus, Rap und Gesellschaftspolitik.
Fazit
Ein für mich überrascht konservatives Buch mit einem wichtigen Thema, das ich gerne klarer und prägnanter erkannt hätte.
Zum Inhalt: Statt wie immer morgens zur Arbeit zu fahren, fährt eine Frau in die Psychiatrie. Am Vorabend hat sie sich mit ihrem Partner gestritten, aber führt das zu so einer Handlung? Eigentlich müsste sie sich um die Tochter kümmern, die Wohnung, alles - Doch plötzlich hat sie nur noch Angst und glaubt nichts mehr unter Kontrolle zu haben. Doch was ist eigentlich ihr Problem? Meine Meinung: Wer jemals mit einer Überforderung zu tun hatte, wird vermutlich an der ein oder anderen Stelle denke, das kenne ich auch. Wer das nicht kennt, wird dennoch verstehen, was da passiert. Die Autorin setzt gezielt den Finger in Wunden und kann dieses ausgesprochen deutlich beschreiben. Ein Portrait einer Frau, die durch die Vergangenheit, speziell ihrem Stiefvater geformt wurde und irgendwann mit dem alles unter den Teppich kehren nicht mehr klar kommt. Ein Buch, dass nachwirkt und mir gut gefallen hat. Fazit: Wirkt nach
Eine Frau fährt Morgens anstatt in die Arbeit in die Psychatrie. Soviel erfährt man bereits im Klappentext und mich hat es direkt neugierig gemacht und ich wollte erfahren was dieser Frau passiert ist und sie zu diesem Schritt bewegt hat.
Verheiratet und mit einem kleinen Kind versucht die mittlerweile erwachsene Frau geprägt durch eine zerrüttete Kindheit in der Realität zurecht zu kommen. Ich muss zugeben, dass ich beim Lesen des Buches oft sehr ratlos gewesen bin. Ich habe mich oft gefragt worum es eigentlich wirklich geht bzw. was es mit dem im Titel gebenden Stiefvater auf sich hat. Mir war lange nicht klar worauf die Autorin hinaus will.
Dies hat sich mit Beenden des Buches dann doch noch geändert. Die Autorin hat es finde ich sehr gut getroffen wie psychische Probleme sich äußern können indem es manchmal so ist, dass die Ursachen nur langsam und in Dosen zum Vorschein kommen - so auch in diesem Buch.
Die Ich-Erzählerin beschreibt zu Beginn des Buches „Siegfried“ von Antonia Baum ihren Weg in die Psychiatrie, die sie zur Einweisung nach einem Streit mit ihrem Partner aufsucht. Während ihres Aufenthaltes im Warteraum gibt sie den Leser*innen einen Einblick in ihre Kindheit und den Einfluss von unterschiedlichen Familienmitgliedern. Hierbei schildert sie auch die fehlende Bindung zur Mutter sowie ihre Beziehung zu ihrem Mann. Die Szenen wechseln zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Die Erlebnisse der Kindheit in prekären Verhältnissen zwischen Gewalt und Vernachlässigung sind nicht angenehm zu lesen und schonungslos dargestellt. Beim Lesen kommt eine beklemmende und bedrückende Stimmung auf, da sich das Bild einer unsicheren Person abbildet, die versucht ihren Weg zu gehen und sich immer wieder mit den Schatten der Vergangenheit auseinandersetzen muss.
Der Roman ist tiefgründig und berührend, da es das Leiden von Kindern in schwierigen Lebenssituationen sehr eindrücklich darstellt.
So geht’s nicht weiter, merkt die namenlose Protagonistin, und fährt in die Psychiatrie. Hatte ich hier erwartet, dass der nächste Teil der Geschichte vom Alltag und Heilungsprozess in der psychiatrischen Abteilung handelt, so hatte ich mich total getäuscht. Stattdessen lässt uns die Hauptfigur an ihrer Beziehung zur Großmutter in Kindheitstagen teilhaben, die äußerst skurril erscheint. Auch das damalige Zusammenleben der 9jährigen mit ihrer Mutter und dem immer arbeitenden Stiefvater Siegfried wird beleuchtet. Ihren jetzigen Alltag bestimmt von Geldnöten, Entfremdung vom Partner und zu viel Verantwortung lernen die Lesenden kennen. Auch dass ihr Denken sich immer wieder um Siegfried dreht, dass sie dieser Spirale nicht entkommen kann, wird deutlich. Die Erzählung entwickelte einen regelrechten Sog, man steckte selbst fest in diesen geschilderten Familienbanden und in einer gewissen Hoffnungslosigkeit. Trotz dieser tristen Atmosphäre und der Ohnmacht der verschiedenen Charaktere, ihrer Kommunikationslosigkeit, habe ich dieses Buch unglaublich gern gelesen. Antonia Baum ist es gelungen, den Mikrokosmos der Protagonistin glaubhaft darzustellen und die Schwächen der Charaktere ans Licht zu bringen.
"Wir waren in dieses Alter gekommen, in dem man, wenn es gut gelaufen war, durch solche Wohnungen ging und dabei solche Dinge über Musik oder Möbel oder Alkohol sagte, und dazu gehörte auch, dass man kapiert hatte, das man bei dem Versuch sich davon ironisch zu distanzieren, noch schlechter wegkam, als wenn man einfach dazu stand: Ja, genau das strebe ich an, mit allem, was dazugehört, der guten Ausbildung, dem vererbten Kapital, der monogamen Zweierbeziehung, gegebenenfalls der Reproduktion, dem Eigentum, der Putzfrau, der Langweile, dem Seitensprung, der Trennung, dem Streit, der Einigung, sie die Kinder, er das Geld." Seite 266
Die junge Ich-Erzählerin begibt sich nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Lebensgefährten in die Psychiatrie-Ambulanz. Sie hört überall Sirenen, ist mit ihrem Alltag, Kleinkind, Beruf, Beziehung, Haushalt überfordert und seelisch am Ende. Im Warteraum der Ambulanz reflektiert sie ihr Leben: Kindheit, Familie, Heranwachsen, beruflichen Werdegang, Beziehungen zu Männern.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht ihr Stiefvater Siegfried, ein Ästhet ohne Herzenswärme, reicher Geschäftsmann, jähzornig und ihrer Mutter gegenüber gewalttätig. Weitere Hauptprotagonistin ist Hilde, Siegfrieds Mutter und quasi ihre Oma, die sie mit Härte erzieht, während Siegfried und ihre Mutter auf Reisen sind. Erwachsen, lernt sie Alex kennen, der Gegenentwurf zu Siegfried und wird selbst Mutter einer kleinen Tochter.
Die Ich-Erzählerin hat ihre Vergangenheit bislang nicht wirklich verarbeitet und scheint diese nun durch die Reflektion ihrer Lebensgeschichte während sie in der Psychiatrie-Ambulanz auf Hilfe wartet, aufzuarbeiten. Also gewissermaßen eine Form der Selbsttherapie.
Die Autorin kann schreiben und die Überforderung, die durch das jahrelange Bestreben, gut genug zu sein und sich anzupassen, entstanden ist, wird sehr deutlich nachvollziehbar. Eine große Rolle spielt dabei ihr charismatischer Stiefvater, dem sie sehr zugeneigt ist, auch wenn sie schon als Kind ahnt, dass er die Mutter unterdrückt und schlägt. Nach der Scheidung der Mutter von Siegfried bleibt sie ihm mehr verbunden als ihrer Mutter, die sie dennoch sehr liebt. Diese Ambivalenz und Sprachlosigkeit zwischen Mutter und Tochter wird sehr gut herausgearbeitet. Ebenso wie die Tatsache, dass sie die skurrile Stiefoma trotz schrecklicher Erziehungsnethoden irgendwie zu mögen scheint.
Bis ins Erwachsenenalter bleibt sie Siegfried, der sie finanziell stets unterstützt hat, verbunden und vergleicht sogar Alex mit Siegfried, dem weltgewandten, erfolgreichen Geschäftsmann, während Alex als Barkeeper arbeitet und aus "einfachen" Verhältnissen stammt, ganz ander als der Akademiker Siegfried. Dass dieses Leben und vor allen Dingen diese permanent Gefühlslage anstrengend ist und zur völligen Überforderung führt, verwundert nicht. Der Schluss des Romans läßt dagegen auf eine Zukunft für die Ich-Erzählerin mit Alex und Tochter hoffen.
Der Roman zeigt eindringlich und eindrucksvoll, wie sich das Schweigen und Wegsehen von Eltern und Großeltern und überhaupt in Beziehungen auf die Psyche der Beteiligten auswirken kann. Dabei wirkt die Beschreibung der Charaktere, insbesondere Siegfrieds und Hildes, nicht anklagend oder verurteilend. Vielmehr scheinen sie ihrerseits Gefangene ihrer eigenen Herkunft und Geschichte zu sein. Ich vergebe 4 Sterne und eine Leseempfehlung.
„Wissen Sie, ich mag die Probleme meiner Protagonistin nicht. Zu viel Schmerz, zu schwach. Das ist das Problem.“
Schmerzen und Überlastung, die man nicht zulassen kann, nicht zulassen darf. Weil die Großeltern einem Härte beigebracht haben. Weil einer ja das Geld verdienen und den Laden zusammenhalten muss. Weil man als Mutter, als Ehefrau, als Versorgerin einfach weitermachen muss. Das sind die Probleme der Protagonistin dieses Buches. Ihre Gedanken aus dem oben stehenden Zitat sind Erklärungen für ihre Lektorin. Denn ihr neuer Roman ist wie so vieles noch nicht fertig geworden. Nicht man die geforderten 20 Seiten sind im Ansatz formuliert. Der namenlosen Frau wird alles zu viel. Als sie morgens den Ton von Sirenen in der Ferne nicht mehr los geht, beschließt sie, in die Psychiatrie zu gehen, sich selbst einzuweisen. Der Leser begleitet sie während der Zeit im Warteraum und folgt ihren Erinnerungen an die jüngere Vergangenheit und an die Kindheit.
Mit einer guten Portion Küchenpsychologie erkennt man schon bald Muster. Vielleicht leidet die Protagonistin an der Leihoma, die ihr Härte und Männlichkeit als obere Ziele gepredigt hat. Vielleicht ist es die eigene Schuld innerhalb der Familiengeschichte. Die Frage, warum man auf der falschen Seite stand. Vielleicht spiegeln sich in der Frau die desolaten Beziehungsmuster ihrer Eltern wieder. Man ist versucht, in die Rolle des Psychiaters zu schlüpfen, auf den die Frau wartet und die Erinnerungen wie ein Therapiegespräch zu deuten.
Man kann das tun - muss es aber nicht zwingend. Und das ist das große Manko: Wo die Autorin mit ihrem Roman hin möchte, wird nicht klar. „… denn mich beschäftigt seine Kritik an meiner Schwachstelle, das Plot-Problem. Die starke Erzählung, die fehlte, die im Nebel lag“, beschreibt die bücherschreibende Protagonistin an einer Stelle im Roman und liefert damit die Blaupause für den Roman. Die Themen sind wichtig und lassen sich aktuell in vielen Romanen finden: Häusliche Gewalt, kollektive Traumata, erschöpfte Frauen. Aber was nun genau die Handlung ist, wie die Stränge zusammenhängen - das erfährt der Leser nicht. So fühlt sich der Roman wie eine lange Kurzgeschichte an, an dessen Ende man mehr als ratlos zurückbleibt. Mir hat sich zumindest nicht erschlossen, was der Text sagen will.
„Zu Hause. Ich dachte immer, das sei nichts, es gäbe so etwas nicht in meinem Leben, es gab ja kaum Gerüche und Spuren in den Räumen, in denen Siegfried und meine Mutter sich bewegen, aber das stimmte nicht. Es gab dort Ordnung, Reihenfolge, glatte Flächen, nichts lag herum, und mit Jonnys Geburt fing es an, dass ich das auch wollte, mich danach sehnte, während die Angst immer stärker wurde, eine brutale Angst, Angst vor der miesen Sorte.“
Eines Morgens beschließt die namenlose Ich-Erzählerin in die Psychiatrie zu fahren, anstatt zu ihrem Termin in den Verlag. Sie hatte ein ganzes Jahr Zeit einen Roman zu schreiben, den sie bald abgeben muss, aber die Seiten blieben leer. Außerdem beichtet sie ihrem Freund Alex, mit dem sie eine gemeinsame Tochter namens Johnny hat und zusammenwohnt, ihn mit ihrem Verleger Benjamin betrogen zu haben. Ihr Leben scheint komplett aus dem Ruder zu laufen.
In ihrem neusten Roman „Siegfried“ erzählt Antonia Baum aus einer bitteren Zeit. Drei Frauenfiguren, ein Mann. Siegfried. Er ist der Stiefvater der Ich-Erzählerin, Hildes Sohn und Mann der anderen. Siegfried hat das Geld, die Macht, er ist alles. Die Mutter Hilde vergöttert und verehrt ihn. Fast wirkt es so, als wäre er der neue Alexander Der Große. Seine Frau hingegen hat einen anderen Blick auf ihn. Und die Ich-Erzählerin ist zwischen der eigenen Mutter und Stiefvater gefangen. Die Geschichte kommt mit wenigen Figuren klar und zeigt das spannende Verhältnis zwischen drei Generationen aus einer Zeit, in der nichts gut war. Außer grüner Persil-Pappkarton.
Erst nach 190 (!) Seiten fing das Buch mir zu gefallen. Zumindest so, dass ich es doch nicht abbrechen wollte. Ich weiß nicht, woran es lag, aber vielleicht waren die Erwartungen sehr hoch. Anfangs ging mir alles viel zu langsam und es schien mir zu viele Beschreibungen zu geben, dass ich immer abgeschweift bin. Ich wusste nicht, was das Buch werden soll. Was soll die Geschichte mir vermitteln? Am Ende dachte ich, dass der Anfang so langsam vorankommt, liegt schlicht daran, dass die Ich-Erzählerin in der Psychiatrie schläft und im Schlaf alles verarbeitet, was sie verdrängt hat. Plötzlich ergab alles Sinn. Für mich zumindest. Ich fand den Roman ganz okay. Mich hat das Buch jetzt nicht begeistert, vielleicht weil ich es nicht verstanden habe? Aber nett war es.
Von Anfang an merkt man direkt, unter welchem Druck die Erzählerin steht. Das Erzähltempo vermittelt mir durch die Seiten schon ein ziemlich hohes Stresslevel – ich bin am anderen Ende des Buches gleich mit aus der Puste und möchte eigentlich am liebsten schon nach den ersten Seiten laut „Pause!“ rufen. Im Verlauf der Geschichte geht es vermehrt um die Kindheit der Erzählerin. Sie schildert ihre Erinnerungen, Eindrücke und Gefühle. Es wird deutlich, wie sehr ihre Kindheit die Frau in der Gegenwart geprägt hat. Es ist eine tiefe innere Zerrissenheit spürbar, die sich auch in ihrer Beziehung zu ihrem Lebensgefährten widerspiegelt.
Die Beziehung zu ihrem Stiefvater wird nie so ganz wirklich beleuchtet. It's all about Siegfried – er ist eigentlich immer präsent. Er ist der Maßstab, an dem sich alle anderen Menschen zwangsweise messen lassen müssen. Die Grundidee gefällt gut und vom Klappentext her hatte ich gewisse Erwartungen an das Buch. Leider ist bei mir der Funke nicht übergesprungen. Mir persönlich liegt der Fokus zu sehr auf der Kindheit, mir fehlte oft die Anknüpfung an die Gegenwart. Die Beziehung zu anderen Menschen bleibt weit hinter der zu Siegfried zurück. Wobei es leider keine Aufklärung darüber gibt, warum dieser Mann der Erzählerin so nahesteht. Ich hätte mir gewünscht mehr aus dem Hier und Jetzt zu erfahren. Welches Fazit zieht die Erzählerin aus ihrer Einlieferung? Was passiert hinterher bzw. was erhofft sie sich hinterher?
Ich habe mich recht schwer getan damit und mir hat es nicht so gut gefallen.
Antonia Baum vermochte schon durch ihre Bücher Stillleben und Eminem zu beeindrucken, vor allen durch Präzession, Genauigkeit und der Fähigkeit Innenleben und Gemütszustände ihrer Protagonistinnen zu zeigen. Das alles trifft auch auf ihren Roman Siegfried zu, der auch eine Art Familienroman ist. Jedoch ist es eine problematische Familiensituation.
Die Erzählerin ist Schriftstellerin, junge Mutter und schon lange mit Alex zusammen. Jetzt haben sie aber eine Beziehungskrise. Siegfried war ihr Stiefvater, dem sie sich immer sehr nahe fühlte. Intensiv und ausführlich wird aber auch ihre schwierige Beziehung zu Hilde, Siegfried Mutter, gezeigt. Hilde war ziemlich exzentrisch.
Der Weg führte die Erzählerin in die Psychiatrie, denn sie fühlt sich überlastet, wobei auch das Vorgefallene in ihrer Kindheit eine große Rolle spielt. Der psychologische Unterbau der Handlung ist zwingend.
Antonia Baum hat ihren Roman geschickt gestaltet. Nicht alles ist auf den ersten Blick gleich verständlich, aber als Leser fühlt man mit. Durchaus eine große Qualität von Literatur!
Keine der Figuren hat mich wirklich berührt. Die Figur Siegfried steht sinnbildlich wohl für unsere immer noch stark patriarchal geprägte Gesellschaft. Um ihn kreisen drei Generationen von Frauen: seine Mutter Hilde, die ihn vergöttert, seine Ehefrau, die er betrügt und kleinmacht, und seine Tochter, die Erzählerin, deren Selbstbild er bis weit in ihr Erwachsenenalter prägt, obwohl er physisch kaum anwesend ist. Warum er jedoch eine solch große Bedeutung haben soll, bleibt trotz der vielen Rückblenden rätselhaft. Insgesamt zeichnet dieser Roman eine Frau im Chaos der täglichen, zu hohen Ansprüche, mit Emotionen und gedanklichen Verirrungen, mit starker Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, Entlastung, Orientierung. Ihr Lebenskonstrukt mit all dem Druck scheint einzustürzen. Der Erzählstil passt sehr gut zum Inneren der Protagonistin. Insgesamt passiert in dem Buch nicht viel, angeschnittene Themen werden nicht ausgearbeitet, sodass ich ratlos zurück bleibe trotz inhaltlich interessantem Plot um ein Frauenleben, mit zwischenmenschlichen Beziehungen, auch zwischen den Generationen.
nachdem mich das cover in seinen bann gezogen hatte musste ich einfach nach der beschreibung schauen und die thematik hat mich neugierig gemacht. der schreibstil ist wunderschön, poetisch und tiefgründig, liest sich wirklich super. die personen sind wunderbar beschrieben, mit all ihren gedanken und handlungen. vor allem natürlich die frau, aber auch was man über siegfried erfährt ist sehr interessant und hat die frau natürlich extrem geprägt. nun taucht ein ehestreit auf, der sie erstmal total aus der bahn wirft, so dass sie sich nicht mal um ihr kind kümmern kann, um wieder klar zu kommen fährt sie in die psychiatrie und erhofft sich hilfe, wobei sie dort erst mal nur nachdenkt, über ihre vergangenheit, über ihr leben, über siegfried, über einfach alles. total beeindruckend wie sie ihr leben sortiert um wieder klar zu sehen und weiter leben zu können, für sich und ihre familie. ein wirklich lesenswertes buch, ohne grosse handlung oder aktion, dafür mit tiefe und zum nachdenken anregend.
Leider enttäuscht hat mich die Geschichte "Siegfried" von Antonia Baum. Bisher war mir die Autorin unbekannt, weshalb mich ihr Schreibstil ein bisschen überrascht hat, aber insgesamt zu der (wirren) Geschichte passte. Erwartet hatte ich nach Klappentext und Leseprobe jedoch einen komplett anderen Roman. So richtig greifen kann ich die Geschichte auch nach Abschluss der Lektüre nicht. Sind doch viel zu viele Fragen offen, da die Story die gesamte Zeit über sehr oberflächlich bleibt und man auch die Figuren nicht versteht und so keine Identifikationsmöglichkeiten entstehen. Leider habe ich mich auch an einigen Stellen gelangweilt, z. B. bei seitenlangen Rückblicken, in denen die Protagonistin bei ihrer Stiefoma verweilte, welche ihr fragwürdige Vorschriften machte. Zudem wird mir nicht klar, weshalb der Roman nach dem Stiefvater benannt ist und nicht nach der Stiefoma, da wir im Laufe der Geschichte, mehr über die Beziehung zu ebendieser erfahren, als zum Namensgeber der Geschichte.
Diese Sprache ☺️ - ich liebe es wenn es Autoren gelingt, Gefühle und Gedanken so klar in Worte zu fassen wie es Antonia Baum gelingt. Die Einsamkeit der Protagonistin als Kind wie auch als Erwachsene wird so klar und präzise gezeichnet - Antonia Baum wird zu recht als eine der stärksten Stimmen der Gegenwartsliteratur bezeichnet. Die Überforderung der Ich Erzählerin als Tochter, als Mutter, das ständige funktionieren müssen/wollen, um zu gefallen oder Konflikte zu vermeiden. Am liebsten hätte ich ständig einzelne Sätze markiert weil sie so voller Wahrheit sind. Unbedingt lesenswert.
Ein Tag im Wartezimmer. Antonia Baum erzählt die Geschichte einer Frau, die eines morgens Sirenen hört. Schließlich macht sie sich auf in die Psychiatrie - und hat Zeit zum Nachdenken. In "Siegfried" spricht die Protagonistin von nie aufgearbeiteten Erlebnissen, von unausgesprochenen Sequenzen. Wir begleiten sie in ihre Vergangenheit, ihr Aufwachsen bei Siegfried, bei ihrer schönen, traurigen Mutter, bei Hilde, die ihr den Blick in den Spiegel und das Bikini-Oberteil verwehrt und die früher aussah wie ein Junge und stolz darauf war. Sie hinterfragt ihre Erinnerungen, ihre Taten und die Männerrolle in ihrem Kopf, durch Siegfried geprägt, durch ihren Mann Alex gebrochen, aber nicht verheilt. "Siegfried" hat mich trotz anfänglicher Schwierigkeiten durch das Gesamtbild überzeugt.
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