„Niemand Er ist gestorben. Sie Er ist weggegangen. Richtig wäre es zu Er ist nicht wiederaufgetaucht.“
Sommer sind für Schura eine Zeit der Leichtigkeit. Auf der Datscha ihrer Großeltern kann sie den strengen und emotional abwesenden Eltern entkommen, Erziehung und Vorbildfunktion übernehmen ihre vier älteren Brüder – Kostja, Mischa, Fedja und Grischa. Sie führen Schura ins Rauchen und Trinken ein, üben Vergeltung für den Übergriff des Nachbarjungen Iwan, sind ihre Verbündeten und Wegweiser. Bis einer von ihnen plötzlich verschwindet.
Der einschneidende Verlust entfremdet Schura von der Kernfamilie. Sie wächst zu einer wütenden, jungen Frau auf, die hinter ihrer Feindseligkeit große Unsicherheit verbirgt. Erst ein unerwartetes Wiedersehen konfrontiert sie aufs Neue mit ihrer unverarbeiteten Trauer und eröffnet eine Chance, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben ...
Jansen erzählt die Geschichte von Schura. Die Erziehung wurde weniger von den Eltern als von den vier älteren Brüdern übernommen. Die Sommer verbringt sie bei ihren Großeltern. Eines Sommers verschwindet plötzlich der älteste Bruder Kostja. Der Verlust trifft Schura hart, doch ein unerwartetes Wiedersehen gibt ihr und ihrem Leben die Chance, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.
Mich konnte der Schreibstil absolut mitnehmen, ich hatte keine Schwierigkeiten mich in die Geschichte einzufinden. Die Familie und Handlungen rund um Schura fand ich toll dargestellt, allerdings fehlte mir an der einen oder anderen Stelle die Tiefe. Den Plot, dass sie Kostja wiedersieht fand ich einerseits toll, andererseits fehlte mir während dieser Zeit etwas an der Geschichte. Schade fand ich zudem, dass russische Wörter/Sätze teilweise nicht übersetzt wurden und ich diese somit nicht verstanden habe & kein Glossar dazu verfügbar war. Nichtsdestotrotz habe ich die Welt von Schura gerne gelesen. Insbesondere ihre Großmutter ist mir sehr ansehen gewachsen.
Buchdetails: erschienen am 21. Februar 2023 im Ecco Verlag | gelesen als Hardcover | Seitenzahl: 351 | 22,00 €
Der Roman ist okay, wenn man sich auf den Twist einlässt. Der Beginn ist solide, aber ab Winter wird der Schreibstil eher anstrengend und pseudo-artsy und Schura zu einer klassischen zeitgenössischen Hauptfigur, deren innere Zerrissenheit eher unbeholfen als tatsächlich gewollt rüberkommt. Ich verstehe schon aus einem literarischen Standpunkt, wieso hier auf Anführungszeichen verzichtet wurde, aber es war trotzdem sehr nervig beim lesen. Schura ist mir außerdem zu inkonsistent in ihrem Inkonsistent-sein. Tatsächlich musste ich bei den angesprochenen Themen gar nicht cringen, obwohl die Art wie sie aufgegriffen worden sind, sehr schnell cringe werden können. Was ich dagegen sehr cringe fand, war, wie über Begehren und Sexualität (unabhängig ob queer order nicht) geschrieben wurde
Richtig richtig tolles Buch. Die Geschichte hat so viele Elemente, die ich liebe, zusammengebracht. Die Orte sind so greifbar. Ich war im Plattenbaugebiet im Winter, auf dem gefrorenen See, in der Kellerkneipe, auf der Unibib-Toilette. Schura ist so interessant als Figur. Tragische Märchenprinzessin. Zählt auf jeden Fall zu den Top 5 dieses Jahr.
Unverarbeitete Trauer und ein wenig märchenhafte Magie Das Cover verdeutlicht bildlich, wie die junge Hauptfigur Schura auseinander fällt und lautlos weint in ihrer traumatischen Trauer. In dieser russischen Familiengeschichte geht es um die junge Schura und ihrem besonders engen Verhältnis zu ihrem ältesten Bruder Kostja, der plötzlich verschwindet. Ihr Zusammenleben mit Großeltern, Eltern und ihren älteren Brüdern in einer russischen Stadt in Karelien und auf der Datscha ihrer Großeltern wird umfassend liebevoll, teils mit deftig herbem Wortschwall beschrieben. In ihrer trauernden Seelenwanderung besonders während ihres Medizinstudiums bei Anatomiestudien erfolgt nach jahrelanger Wut und Feindseligkeit gegenüber ihrer Umwelt ein unerwartetes Wiedersehen mit Kostja – nur für sie sichtbar, geschaffen aus Erinnerungen und Traurigkeit. Beim Sezieren zwischen Brust und Bauchhöhle empfindet sie das dazwischen liegende Zwerchfell als Sitz der Seele vergleichbar mit der Rolle von Kostja in ihrer Familie. Mit der Romanfigur der Babka Jasja kommt ein märchenhaftes Erzählelement mit heidnischer Magie des slawischen Kulturraums ins Spiel, der der schwermütigen russischen Seele Erleichterung verschafft bis zur Erlangung neuer Freiheiten. Russisch/kyrillisch durchzieht das Buch zusammen mit Beschreibungen zu typischem Brauchtum und Ritualen. Ein interessanter, feinfühliger, bildhafter Sprachstil mit kreativen Wortkombinationen.
Ein berührender Roman über das unsichtbare Band zwischen Geschwistern. Schura und ihre Brüder wachsen einem ans Herz und es hätte mir nichts ausgemacht, noch mehr Zeit mit diesen Charakteren zu verbringen. Vor allem der Schreibstil der Autorin hat Eindruck bei mir hinterlassen (besonders die letzten Kapitel geben einem das Gefühl, den russischen Winter mitzuerleben).
"Das Vergangene war zu weit weg, um es zu greifen, und das Zukünftige zu undeutlich, um es zu erkennen. Ich bewegte mich zwar, konnte aber das Gefühl nicht abschütteln, dass ich eigentlich stillstand. Ein Augenblick reihte sich an den nächsten, und trotzdem schien keine Zeit zu vergehen. In allen Augenblicken traten wir auf der Stelle. Ein unsichtbarer zeitloser Raum umgab uns."