Magdeburg, 2000-er Jahre; Genre: Ein schwuler Skinhead in der Bredouille zwischen Gruppenzwang und Menschenliebe.
Gegenüber seinem Romanerstling „Baby Bottom“ (2003), der im Jahr 2007 auch noch mal veröffentlicht wurde, dieses Mal unter dem Titel „Keine Helden“, ist dieses 130-Seiten-Büchlein, das man eher Novelle als Roman nennen sollte, gewiss das schwächere Buch. Dennoch bleibt es dabei, dass der Sachse Uwe Szymborski ein unterhaltsamer Schreiber ist, der diszipliniert und stringent zu arbeiten versteht. In einer besseren Welt wäre es nicht bei den zwei „Männerschwarm“-Büchern geblieben, sondern weitere unterhaltsame Bücher aus dem wirklichen Leben deutscher Gegenwarts-Schwuler wären gefolgt und hätten dem längst in den Westen gewechselten Autor ermöglicht, seinen Steuerberater-Beruf an den Nagel zu hängen.
Es ist allerdings nicht, was ich mir beim Kauf des Buchs versprochen hatte, die Geschichte einer größeren Gruppe schwuler Nazis im deutschen Osten. Diese Aufgabe hätte den Autor wohl überfordert: den Leser in Rechtsradikale hinein zu versetzen, ihrer menschenfeindlichen Ideologie aber keine weitere Faszination zu verleihen. In „Radikal“ haben wir es mit einem Einzigen zu tun, einem Einzelkind mit problematischem Elternhaus, mit dem arbeitslosen Florian, 20 Jahre alt, der seine unklaren Bedürfnisse nach mann-männlichem Eros und Anlehnung an einen Stärkeren auf den Anführer eines nur vier Leute zählenden Magdeburger Skinhead-Grüppchens richtet.
Noch eiliger und funktionaler als bei „Keine Helden“ lässt Szymborski eine Abfolge plakativer Szenen abrollen. Das geht etwas maschinell, klack, klack, klack – und durchaus nicht klischeefrei. Florian, dessen Haustier typischerweise ein Hamster ist, hat den Nager Rommel genannt und er hat, im Gegensatz zu seinen Kumpels, in den einsamen Jahren vorher genug gelesen, sodass er weiß, wie viel die Palästinenser sich von Feldmarschall Erwin Rommel versprochen hatten. Die Clique mischt seit längerem Punks auf, die „Zecken“, und hat kürzlich einen jüdischen Friedhof geschändet. Als Nächstes soll eine Asylantenunterkunft brennen. Aber Florian ist besoffen und hat den Treff verpennt. Als er dazukommt, brennt das Haus lichterloh, die Kameraden sind weg, ein kleines Kind läuft ihm in die Arme, dann bricht ein Teil des Treppenhauses zusammen.
Florian wacht in der Klinik auf und wird von der Kripo und sensationsgierigen Boulevardzeitungsschreibern in die Zange genommen. Während ihm der Reporter, ganz in der Tradition des gewissenlosen Bild-Journalisten aus Bölls „Katharina Blum“, eine mehrteilige Helden-Serie anbietet, in der Florian für das Leben eines von Nazis gehetzten Achtjährigen kämpft, sind sich die Polizisten ziemlich sicher, dass er beim Vandalismus auf dem Friedhof dabei war und sie also auch zu einem der Jugendführer der Neuen Rechten führen kann. Was er halb besinnungslos gemacht hat, den kleinen Muslim retten, eignet Florian sich als willentliche Entscheidung fürs Gute an, was schließlich seine Kumpels auf den Plan ruft, die ihm nicht mehr trauen können.
Zugleich, Szymborski ist ein Kolportageautor, aber er macht das gut, spannend und unterhaltsam, macht der ans Krankenbett gefesselte Jüngling gerade jetzt sein schwules Coming-out durch. Er hat sich in einen Hilfspfleger, einen Zivi, verliebt. Danny, der eigentlich viel zu links für ihn ist. Gewiss, dieser Plot ist nicht unbedingt der kreativste, sondern gleicht so manchem, was man in den neunziger und 2000-er Jahren in Fernseh-Tatorts zu sehen bekam. Immerhin spielt der Autor clever mit Florians unterschiedlichen Bedrängnissen und hält bis zuletzt alles offen. Vor allem die Frage, ob Florian liebenswert ist oder nicht.
Ich deute hier noch an, dass man nicht alles im Buch auf die Goldwaage der Wahrscheinlichkeit legen darf. Um endlich ungestört an Danny ranzukommen, regt Florian einen Spaziergang rund ums Klinikgelände an. Obwohl wir gelesen haben, dass er im Gips liegt, macht es wenig Mühe, diesen Gips durchs Bein einer Jeans zu schieben. Oder, bevor es dramatisch wird, sollen wir Florians Frust nachfühlen. Er hat sich regelmäßig im Magdeburger Arbeitsamt zu melden. Dafür steht er erst einmal ewig lange an. Ich war schon öfters arbeitslos und wurde, wie Florian, von einem größeren Arbeitsamt betreut. Da ging man nie einfach so hin, sondern bekam seine Termine vorher schriftlich zugeschickt. Folglich stand man in keiner Schlange, sondern saß nur fünf oder zehn Minuten vor dem Büro des Vermittlers, bis der seine Notizen über das vorige Gespräch in den PC getippt hatte und einen herein bat. Florians Vermittler hat fünf Minuten (meine Termine hatten stets ein Zeitfenster von einer halben Stunde), in denen er planlos in der Stellenbörse herumklickt, nur um zu sagen: „Tut mir leid, aber Sie wissen ja, wir haben nichts.“ Nun ist Florian ein junger, kräftiger und völlig gesunder Mann, er hat nur keinen Abschluss. Die Vermittler, die ich hatte, hätten so einen nicht laufen lassen, ohne ihm ein paar „Vermittlungsvorschläge“ für Küchenhelfer, Lagerhelfer, Produktionshelfer in die Hand zu drücken. Das hätte nicht so gut ins Bild gepasst, dass es wirtschaftlich im Osten der frühen Merkel-Jahre sehr, sehr düster aussah und „man“ schlicht gar nichts mehr bekam. Also nur herumhing und „natürlich“ die falschen Freunde kennen lernte. Wie das Leben so spielt.