Die Ich-Erzählerin – erst ein Mädchen, später eine junge Frau – setzt ihren Kampf um ihr Recht auf Bildung und Wissen entgegen ihrer Herkunft aus armen Arbeiterkreisen unbeirrt fort – trotz verlorener Lieben und einem einschneidenden Erlebnis, dem sie zum Opfer fällt. Hart geht sie mit sich und den anderen ins Gericht, muss aber erkennen, dass die Steine, die ihr noch im ersten Teil „Aufbruch“ vonseiten ihrer Eltern und Mitmenschen in den Weg gelegt wurden, weniger werden und das Wohlwollen zunimmt. Steine sind auch in diesem zweiten Teil wieder von vielerlei Bedeutung. Auch Hillas Liebe zu den Wörtern und der Literatur, die ihr lange Trost und Wohlbefinden gaben, wird auf eine harte Probe gestellt, droht auf ihrem steinigen Weg durch Abitur und Studium fast gänzlich verloren zu gehen. Ihr Lesevergnügen härtet ab zu reiner Wissensanreicherung und distanziert sie von der Welt und sich selbst:
„Leben war Lesen in freiwillig geteilter Einsamkeit. […] Weiter weg konnte ich mich von der Wirklichkeit nicht entfernen.“ – „Weltabgewandtheit“ (S. 431)
Unsicherheit und das Gefühl, noch nicht richtig zu sein, prägen ihren Weg:
„Zu welcher Stimme gehörte ich?“ (S. 434)
„Immer versuchte ich zu sein, wie ich dachte, die anderen sähen mich.“ (S. 438)
„Immer stärker fühlte ich meine Einsamkeit, meine Fremdheit als körperliche Erschöpfung.“ (S. 439)
„[…] das Gefühl, richtig zu sein […] Überall da, wo ich dabei sein konnte, ohne dazugehören zu müssen, mich entscheiden oder beweisen zu müssen.“ (S. 573)
Hahns wunderbar lyrischer Umgang mit der Sprache, immer detailliert ohne dabei zu langweilen oder profan zu werden, hat mich auch in diesem Teil wieder immens begeistert. Jede Textstelle scheint gut durchdacht und auch bei 587 Seiten kein Wort zu viel. Am Ende steht ein versöhnlicher Rückblick und die von Zuversicht geprägte Aufforderung: „Lommer jonn!“