Ins Schut-Terrain!
Als ich vor kurzem nachmittags durch die Fußgängerzone einer sächsischen Kreisstadt flanierte, da sah ich vor einem Café niemand geringeren als Kara Ben Nemsi an einem der Tische sitzen, wie er seiner Tante Droll Photos zeigte und dabei wild gestikulierte. Als eingefleischter Fan seiner Reiseerzählungen mußte ich freilich wissen, was da vor sich gehe, doch wollte ich ihn nicht verschrecken, indem ich mich einfach an den Nachbartisch, der infolge seiner ausladenden Armbewegungen mehrfach freigeworden war, gesetzt hätte. Ich beschloß also, mich anzupirschen und die Lauscher aufzustellen, wobei ich mich der Methode bediente, die Old Shatterhand in Winnetou I eingehend beschrieben hat: Ich ließ mich auf alle Viere sinken, wobei ich mich nicht auf die Handballen stützte, sondern auf die Fingerkuppen, um zu vermeiden, daß ich unachtsamerweise einen Zweig – in diesem Fall eine der herumliegenden leeren Coffee-to-go-Becher – zum Knacken brachte, und kroch dann sehr langsam auf die zwei Männer zu. Hierzu war allerdings enorme Körperkraft vonnöten. Geräusche machte ich freilich keine, doch mein Vorgehen brachte mehrere Passanten dazu anzuhalten und mich ihrerseits zu beobachten. Dies mußte früher oder später meine Tarnung auffliegen lassen, so daß ich den neugierigen Gaffern durch ein gewispertes „Kontaktlinsen“ zu verstehen gab, daß mir eine Sehhilfe aus dem Auge gefallen sei, was einige der Hilfsbereitesten unter ihnen dazu brachte, gleichfalls auf die Knie zu gehen und den Boden abzusuchen, die meisten jedoch veranlaßte, ihrer Wege zu ziehen.
Kara Ben Nemsi indes war so sehr in seine Erzählung vertieft, daß er nichts von alledem gewahrte, und auch Tante Droll blieb, gänzlich in den Bann des begeisterten Erzählers geschlagen, arglos. So gelang es mir denn, lautlos unter dem Nachbartische Posto zu beziehen, und ich hörte, wie Kara Ben Nemsi, auf einige der vor ihm liegenden Photos deutend, sagte:
„Hier schleiche ich mich an unsere Gegner an, um sie zu belauschen. – Hier schleiche ich mich auch an unsere Gegner an, diesmal in Edirne, um sie zu belauschen.“
„Und da?“ fragte Tante Droll.
„Das ist neben dem Turm der alten Mutter. Da … hmm … da schleiche ich mich an unsere Gegner an, um sie zu belauschen.“
„Aha“, staunte Tante Droll. „Wie schafft Ihr es aber, daß Eure Gegner just in dem Moment ihre Pläne besprechen, in dem Ihr Euch angeschlichen habt?“
„Da ist nichts dabei“, lachte Kara Ben Nemsi weltmännisch. „Man muß nur den richtigen Augenblick abpassen.“
„Ei, natürlich“, pflichtete Tante Droll ihm bei.
„Hier, auf diesem Photo, seht Ihr, wie ich die Pläne unserer Gegner vereitele. Auf diesem nächsten Bild hier durchkreuze ich die Pläne unserer Gegner. Hier, auf dem dritten Bilde, mache ich ein heimtückisches Unterfangen unserer Gegner zunichte. Dort seht Ihr, wie ich die Pläne unserer Gegner konterkariere. Hier wiederum unterbinde ich das Vorhaben unserer Gegner, hier drehe ich ihnen eine Nase, dort schlage ich ihnen gekonnt ein Schnippchen, und hier …“
„… macht Ihr den Feinden einen Strich durch die Rechnung?“
„Aber einen gewaltigen! – Auf diesem Schnappschuß, wohl von Omar Ben Sadek aufgenommen, hintertreibe ich das perfide Unterfangen unserer Gegner.“
„Ist dieser Mann mit dem gelben Gesicht und dem scharzen Barte der Schut?“ fragte Tante Droll, auf einen anderen, weitaus niedrigeren Stapel Photos ausweichend.
„Ja, aber Ihr müßt den Anfangslaut wie das Jot im französischen Wort jour aussprechen.
„Und da, auf dem Bild, wo der Schut auf den Felsspalt zureitet, da schickt Ihr ihn ins Schut-Terrain?“
„Wollt Ihr mich foppen, Sir? Das mag ich nicht zugeben! Juckt es Euch, mit einem frängischen (auch hier ist das sch wie im französischen Wort jour auszusprechen) Effendi anzubinden, so müßt Ihr freilich früher aufstehen“, brauste Kara Ben Nemsi hier auf, doch Tante Droll beschwichtigte ihn:
„Nein, nein, das fällt mir nicht ein. Es ist nur, daß die französische Aussprache so vertrackt ist. Ihr habt ja keine Sprachprobleme, Sir, denn Euch sind viele Sprachen und Dialekte geläufig.“
„Da habt Ihr allerdings recht. Ich spreche und schreibe: Französisch, englisch, italienisch, spanisch, griechisch, lateinisch, hebräisch, rumänisch, arabisch 6 Dialekte, persisch, kurdisch 2 Dialekte, chinesisch 2 Dialekte, malayisch, Namaqua, einige Sunda-Idiome, Suaheli, Hindostanisch, türkisch und die Indianersprachen der Sioux, Apachen, Komantschen, Snakes, Uthas, Kiowas nebst dem Ketschumany 3 südamerikanische Dialekte. Lappländisch will ich nicht mitzählen. – Auf diesem Photo, wo ich gerade die Nase rümpfe, da habe ich nicht etwa einen müffelnden Käse vor mir, sondern ich spreche gerade Französisch mit dem Kaufmann Galingré, wobei ich die Nasale aus Höflichkeit meinem Gesprächspartner gegenüber besonders gut betonte, zumal er gleich wissen sollte, daß er es mit einem frängischen Effendi zu tun habe. – Hier wiederum seht Ihr, wie ich im vierten arabischen Dialekt von links …“
„Warum sprecht Ihr eigentlich kein Russisch, Sir?“
„Das tue ich bestimmt auch“, meinte Kara Ben Nemsi nach kurzem Sinnen. „Nur hat sich bislang nie die Gelegenheit dazu ergeben. – Hier seht Ihr übrigens ein Photo, wie der Schut uns entkam; auf diesem Photo entwischt uns die Rotte um den Mübarek, und hier wiederum ergreifen dieselben Schurken erfolgreich das Hasenpanier.“
„Hm, warum gelingt Euren Widersachern eigentlich so häufig die Flucht?“ fragte Tante Droll.
„Das hat viele Gründe“, erklärte Kara Ben Nemsi. „Zum einen bin ich darum bemüht, das Leben eines Gegners zu schonen in der Hoffnung, er werde in sich kehren und einen neuen Weg einschlagen. Im Falle des Miriditen ist es gelungen, aber sonst eigentlich kaum je, und am Ende – nach weiteren spannenden Verfolgungsjagden – ist es dann meist ein göttlicher Fingerzeig in Form einer Schlucht, eines Bären oder eines unverdaulichen Fischgerichts, durch den dem Schurken zur Befriedigung meiner Leser das Lebenslicht ausgepustet wird. Manchmal freilich unterläuft einem meiner Gefährten ein Fehler, durch den die Schurken entkommen können. Besonders mein kleiner Halef hat da manchen Bock geschossen, und außerdem … füllt Ihr mal pro Band über 500 Seiten!“
„Apropos Bock geschossen“, ließ Tante Droll vernehmen. „Mehr als einmal schießt Ihr auch einen Bären …“
„Wie auf diesem Photo. Hier ramme ich ihm gar mein gutes Bowie-Knife ins Herz, eine Kunst, auf die sich nur wenige verstehen. So eine Bärenjagd gehört in jedes meiner Abenteuer, so wie man kaum einen Trollope-Roman finden wird, in dem nicht an irgendeiner Stelle eine Fuchsjagd vorkommt. Bei der Bärenjagd vermag ein Mann seine Fähigkeiten in reinster Form zu zeigen, doch ist gerade kein Bär zur Hand, nehme ich auch mit einem Löwen oder Panther, notfalls auch mit einem Nilpferde Vorlieb. Seht, hier binde ich einen Bären auf …“
„Wem?“
„Auf das Packpferd. Halef wollte unbedingt ein Andenken mitnehmen für seine Hanneh, die Blume unter den Blumen, aber es bekam dem Pferde so schlecht, daß ich diese Episode nicht mit in das Buch aufnahm und statt dessen für den letzten Band noch einen Anhang schrieb. Aber ansonsten ist jedes einzelne Wort, das ich schreibe, wahr, des könnt Ihr gewiß sein. – Ach, übrigens, nach drei Kaffee muß ich nun doch einmal hineingehen zur Toilette. Wollt Ihr so gut sein, auf meine Waffen aufzupassen? Diese unverständigen Leute lassen mich doch tatsächlich nicht mit dem Bärentöter ins Café hinein, nur weil ich bei dem schlechten Licht dort drinnen einmal einen alten Sessel für einen kauernden Bären gehalten habe und … Ihr wißt schon, Reflexe …“
Mit diesen Worten erhob sich Kara Ben Nemsi würdevoll und schritt ins Innere des Cafés, und da mittlerweile so viele Passanten kontaktlinsensuchend auf dem Gehsteig herumkrabbelten, daß dies unweigerlich Tante Drolls Argwohn erregen mußte, hielt ich es für geraten, mich leise zurückzuziehen. Noch nie war ich meinem Helden so nahe gewesen.