Ehe ich mit dieser Rezension starten konnte, vergingen ein paar Tage. Ich wollte meine Gefühle sortieren und mir sicher sein, eine so objektive Rezension wie möglich und subjektive wie nötig schreiben zu können. Nachdem mir Gabriella Santos de Lima immer wieder in meine TikTok Timeline gespült wurde, wurde ich neugierig. Ich fand es zwar etwas befremdlich, dass fast jedes ihrer Videos damit begann, dass sie erwähnen musste, schon mit 26 Jahren Bestsellerautorin gewesen zu sein, aber mich interessierte der Plot von „Jetzt sind wir echt“. Eine New Adult Geschichte mit einem Schreiberling mit Ausnahmetalent und dem Second-Chance-Trope lag genau in meinem Kaufimpulsspektrum…
Cover und Klappentext versprachen mir so viel. Ich hatte eine Idee vom Inhalt des Buches und habe mich darauf gefreut. Auf tiefe Emotionen, eine herzzerreißende und ein wenig dramatische Geschichte und gefühlvollen, vielleicht auch dreckigen spice. All das habe ich bekommen, aber irgendwie nicht so, wie gewünscht. Ich bin schwer in die Handlung reingekommen; fühlte mich von Beginn an irgendwie be- und erdrückt. Da waren so viele Emotionen, so viel Pathos, so viel unbedingter Wille, etwas Tiefgründiges und Wichtiges zu schreiben. Aber was ist mit der Geschichte? Was ist mit den wichtigen Themen, die behandelt werden, um aufzurütteln und zum Nachdenken anzuregen? All das gibt es, aber nur als Nebengeräusche. Viele Szenen wirken konstruiert; wollen so unbedingt realistisch sein, schießen aber am Ziel vorbei. Alles ist getränkt von der Gefühlsdusseligkeit der Protagonisten. Den schweren, deprimierenden Gedanken, die immer wie eine schwarze Wolke über allem schweben, so dass Humor und Anflüge von Leichtigkeit falsch und unecht wirken.
Lucy und Gregor sind Paradebeispiele für die „Gen Z“. Sie sind desillusioniert und suchen zugleich nach Erfüllung. Gesundheit, Freiheit und Individualität stehen im Zentrum ihres Wesens, was vor allem Lucy immer wieder als first world problems entlarvt, die nicht weiter schlimm, aber trotzdem kaum zu ertragen sind. Ich gehöre der Generation Y an und bin dementsprechend anders gestrickt. Hier liegt die Ursache, warum ich nicht so recht mitfühlen konnte. Ich konnte mit so vielen Aussagen und Handlungen von Gregor und Lucy einfach nichts anfangen; war genervt oder auch verärgert. (Gott, ich fühle mich gerade wie meine Boomer- Mutter :D). Aber auch die Konstruktion der Figuren war schwierig. Ich konnte nicht so recht begreifen, warum Gregor so ein toller Autor ist. Es steht die Behauptung im Raum, ohne dass mir ein richtiges Beispiel aufgezeigt wird – mal abgesehen von „Kalt, was?“. Genauso bei Emma, die als Fotografin auch ein „Ausnahmetalent“ ist. Einzig bei Lucy, die sich selbst leider viel zu schlecht macht (was wiederrum sehr gut von der Autorin eingefangen wurde), zeigt wahres Talent mit ihren „Liebe Lucy“ Beiträgen. Für mich könnte sie etwas weniger konform und etwas mehr auf Krawall gebürstet sein, trotzdem schätze ich sehr, was sie für ihre Leser:innen tut. Außerdem finde ich sehr gut, wie in den unterschiedlichen Perspektiven die Eigen- und Fremdwahrnehmung der Protagonisten aufgezeigt wird. Auch wenn es für mich als Leserin teilweise sehr frustrierend ist, bleibt die Autorin standhaft und lässt nicht zu, dass die Figuren sich blind verstehen, obwohl sie einander kaum kennen. Etwas bedenklich finde ich die Annahme, wie sehr sich Lucy und Gregor in den zwei Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben, verändert haben sollen. Mir ist bewusst, dass sich vor allem in den Zwanzigern viel und rasant ändern kann, aber das konnte ich trotzdem hier nicht nachvollziehen. Zumindest nicht in der Intensität, in der hier darauf herumgekaut wird. Den Twist rundum Gregor finde ich sehr gut und ich habe ihn auch nicht kommen sehen. Leider war Lucys Reaktion sehr überzogen, doch es passte zu den EMOTIONEN, die in und zwischen den Zeilen des Buches jeden in Großbuchstaben anschreien.
Der Eindruck vom verkopften Plot macht auch vor den sexy Szenen nicht Halt. Auf TikTok hat die Autorin ihr neuestes Werk als jenes beschrieben mit den spicyesten Szenen. Ich habe es nicht so empfunden, da mir ein wenig zu sehr auf den Konsens zwischen den beiden Parteien behaart wurde. Darf ich dich küssen, darf ich dich anfassen, darf ich dies, darf ich jenes… Ab einem bestimmten Punkt sollte klar sein, was gemacht werden darf, um die Stimmung nicht vollends mit den unsicherheitsgetränkten Fragen zunichtezumachen. In diesem Komplex passierte eindeutig zu viel, wenn es jedoch um die Entlarvung der hinterhältigen und toxischen Verkaufspraktiken von Frauenzeitschriften ging, passierte viel zu wenig. Ich liebe Lucys Engagement und bewundere, mit welcher Konsequenz sie diesen Schmierblättern an den Kragen geht. Außerdem ist der Zusammenhang mit Lucys Mutter, ihrem Diätenwahn und dem Einfluss, den sie damit auf ihre Tochter hatte, phänomenal gut, weil so gut beobachtet und toll beschrieben. Aber es war nicht genug. Die Konzentration lag zu sehr auf dem Gefühlskarussell, nicht bei den spannenden Nebenschauplätzen, die eine Geschichte erst richtig gut machen. Sowohl Lucys family issues als auch Gregors sind mir viel zu kurz gekommen, obwohl sie so großen Einfluss auf die Protagonisten haben.
Es war nicht meine Absicht hier einen absoluten Verriss zu schreiben. Gabriella Santos de Lima hat Talent und einen ganz eigenen und besonderen Schreibstil. Der Erfolg spricht für sie und das ist auch gut so. Ich habe jedoch versucht, darzustellen, warum ich dieses Buch mit dem Prädikat „nicht so meins“ versehen habe. Aber auch wenn Gregor und Lucy für mich too much waren, bin ich neugierig auf die früheren Werke der Autorin. Viele andere Rezensionen, die ich angelesen habe, behaupteten, dass die älteren Bücher „anders“ und „besser“ seien. Dem würde ich sehr gerne nachgehen. Ob ich diese Reihe noch weiter verfolge, weiß ich jedoch noch nicht.