Ich bin in Kamerun aufgewachsen, in einem Land, das mehr Entwicklungsprogramme als Jahreszeiten kennt. Entwicklung war kein Wort aus Lehrbüchern, sondern ein Geräusch, das aus Radios kam, eine Überschrift in Zeitungen, ein Versprechen in der Luft. Ich sah, wie neue Straßen geplant wurden, bevor alte überhaupt fertig waren, wie Berater kamen, um uns zu erklären, warum Armut effizienter verwaltet werden müsse. Die Weltbank sprach von Reformen, doch die Lehrer meiner Jugend bekamen monatelang kein Gehalt. Jahrzehnte später baut China Straßen, und die Menschen fahren darauf – aber niemand weiß, wohin.
Vielleicht habe ich deshalb Ha-Joon Chang sofort verstanden. Sein Blick auf die Geschichte der Nationen ist mir vertraut, weil er so nah an der Erfahrung vieler Länder meines Kontinents liegt: Entwicklung als ständige Verschiebung zwischen Hoffnung und Ernüchterung. In Kamerun habe ich gelernt, dass Fortschritt selten ein Triumph ist, sondern eine Form der Geduld, eine zähe Bewegung zwischen Mangel und Erwartung. Chang schreibt, als würde er diese Erfahrung in die Sprache der Ökonomie übersetzen – als wüsste er, dass jedes Dogma, das von außen kommt, sich früher oder später gegen die richtet, die es befolgen sollen.
Wenn ich heute über Entwicklung spreche, tue ich das nicht als Beobachter, sondern als jemand, der ihre Widersprüche gelebt hat: die langen Schatten des Kolonialismus, die stillen Enttäuschungen der Unabhängigkeit, die neue Versuchung des chinesischen Pragmatismus. Vielleicht sehe ich die Dinge deshalb weniger als Gegensatz, sondern als Wiederkehr – als zyklische Bewegung zwischen Belehrung und Erinnerung.
Ha-Joon „Changs Kicking Away the Ladder“ ist ein Buch, das den Mythos der ökonomischen Unschuld zerstört. Es erzählt die Geschichte des Westens, aber nicht die, die der Westen selbst erzählt. Chang erinnert daran, dass kein Land durch Freihandel reich geworden ist. Die großen Industrienationen, die heute die Dogmen des Marktes predigen, haben sich selbst unter den Schutz von Zöllen, Subventionen und gezielter Industriepolitik gestellt. Großbritannien, die Vereinigten Staaten, Deutschland, Japan – sie alle bauten ihre Wirtschaft hinter Mauern, nicht auf offenen Märkten. Erst nachdem sie ihre eigene Leiter erklommen hatten, verkündeten sie der Welt, dass Leitern gefährlich seien.
Das Vergessen dieser Geschichte ist kein Zufall, sondern politische Methode. Es erlaubt den Reichen, ihre eigene Vergangenheit in Moral zu verwandeln. Der Washington Consensus, jene kalte Blaupause neoliberaler Tugend, war in Wahrheit eine Ethik des Gedächtnisverlusts: Die Rezepte, die einst Wachstum ermöglichten, wurden zu Tabus erklärt. Entwicklungsländer sollten liberalisieren, bevor sie industrielle Grundlagen hatten, ihre Märkte öffnen, bevor sie Wettbewerb verkraften konnten, sparen, bevor sie Wohlstand kannten. Die Weltbank und der IWF verwandelten so ein ganzes Kontinent in ein Experiment geschichtsloser Vernunft. Afrika, das nach wirtschaftlicher Souveränität suchte, erhielt stattdessen Lektionen in Anpassung.
Dann trat China auf – ohne Dogma, ohne Moral, aber mit einer Erinnerung, die der Westen verloren hatte. Auch China hatte sich durch protektionistische Maßnahmen, staatliche Planung und industrielle Lenkung entwickelt. Es nahm ernst, was Chang theoretisch formulierte: dass Märkte Werkzeuge sind, keine Prinzipien, und dass wirtschaftlicher Fortschritt politische Steuerung braucht. In Afrika wurde China so zum unbeabsichtigten Erben der historischen Vernunft. Während die Weltbank Institutionen reformieren wollte, baute China Straßen, Kraftwerke, Häfen. Die eine Hand predigte, die andere handelte.
Doch auch hier lauert Ambivalenz. Chinas Pragmatismus ist nicht selbstlos, sein Engagement nicht ohne Eigennutz. Es bietet keine Befreiung, sondern eine neue Abhängigkeit – aber eine produktive, eine, die etwas entstehen lässt. Wo der Westen Disziplin forderte, erzeugt China Dynamik. Vielleicht ist das die bittere Ironie der Gegenwart: dass moralische Hybris lähmt, während strategischer Egoismus belebt.
Changs Buch ist in diesem Sinn weniger eine ökonomische Analyse als eine philosophische Erinnerung. Es fragt, ob Entwicklung überhaupt etwas ist, das man geben kann. Wer Entwicklung „hilft“, behauptet, sie zu besitzen – und wiederholt damit den kolonialen Reflex der Vormundschaft. Chang kehrt diese Logik um: Entwicklung ist Selbstermächtigung, nicht Belehrung. Sie beginnt nicht mit der Einführung westlicher Institutionen, sondern mit der Rückgewinnung historischer Erfahrung.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Provokation seines Denkens: dass die Ökonomie nicht von Theorien, sondern von Gedächtnis abhängt. Jede Nation, die sich entwickeln will, muss sich an ihre eigenen Widersprüche erinnern – an die Zeit, als Armut noch Antrieb war, nicht Schande.
Die Leiter, die Chang als Metapher wählt, ist mehr als ein ökonomisches Bild. Sie ist das Symbol einer Moderne, die an den Aufstieg glaubt, aber das Oben nicht mehr kennt. Der Westen hat sie als Instrument der Belehrung gebraucht, China benutzt sie als Werkzeug des Ehrgeizes. Beide blicken nach oben, beide vergessen, woher sie kamen.
In diesem Vergessen liegt der eigentliche Bruch der Gegenwart: Die Weltbank sieht in Geschichte ein Hindernis, China eine Gelegenheit. Chang aber erinnert daran, dass beides nur Haltungen desselben Irrtums sind. Entwicklung ist kein Exportprodukt, kein Geschäftsmodell, keine universelle Formel. Sie ist eine Form des Erinnerns – der Versuch, aus der eigenen Geschichte eine Zukunft zu bauen, statt aus fremder Zukunft eine Geschichte zu machen.
Am Ende bleibt seine Botschaft so schlicht wie unbequem:
Wer die Leiter anderer zerstört, verliert irgendwann auch den Boden unter den eigenen Füßen.