What do you think?
Rate this book


318 pages, Mass Market Paperback
First published January 1, 1748
"Ich weiss in der That eine ziemliche Anzahl Dinge, aber es gibt fast Niemand, der seine Sache nicht besser wüsste als ich. Diese Mittelmäßigkeit auf allen Gebieten ist die Folge einer zügellosen Wissbegier und eines so bescheidenen Vermögens, dass es mir nie erlaubt war mich ganz einem einzelnen Zweige des menschlichen Wissens hinzugeben."Eine Selbstbeschreibung, nachzulesen in einem Portrait von Charles-Augustin Saint-Beuve (Menschen des XVIII. Jahrhunderts). Demgemäß ist es nicht all zu verwunderlich, dass auch ein erotischer Roman im Œuvre dieses Freigeistes zu finden ist. "Les Bijoux indescrets" erschien zunächst anonym im Jahr 1748. Die Überlieferung besagt, dass der Roman innerhalb von zwei Wochen anläßlich einer Wette geschrieben wurde. Diderot behauptete, dass die erotischen Romane seiner Zeit Dutzendware seien, die er auch fabrizieren könne (s. Wikipedia). Die Handlung dreht sich um den Sultan Mangogul, Herrscher im fiktiven Königreich Congo, und seine Favorite Mirzoza. Um seine Langeweile zu vertreiben, lässt er sich von einem "Zauberer" (bzw. Geist) einen magischen Ring geben. Dieser befähigt seinen Träger auf Wunsch unsichtbar zu werden und noch wichtiger, er bringt die "Kleinode" (Bijoux) der Frauen zum Sprechen. Das sprechende Geschlechtsteile ein eigenes literarisches Genre darstellen, das bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, hat mich einigermaßen überrascht. Man spricht in Fachkreisen von der "Vagina loquens" (Merken!: Damit kann man bestimmt beim nächsten Party-Small-Talk Eindruck schinden.) Eine moderne Bearbeitung des Themas sind die "Die Vagina-Monologe" von Eve Ensler (zugegeben, davon hatte ich schon mal was gehört.) Jedenfalls forscht Sultan Mangogul auf diese Weise seine weiblichen Untertanen gründlich aus. Ans Tageslicht kommen alle möglichen Geheimnisse, die ihre Trägerinnen lieber im Verborgenen gehalten hätten. Ein Abgrund aus Heuchelei, Ausschweifung und Verlogenheit des ganzen Hofstaates offenbart sich. Unschwer für den Leser zu erkennen, die orientalisch angehauchte Geschichte zeichnet ein verklausuliertes Bild der damaligen französischen Gesellschaft. Vorbild für Mangogul und Mirzoza waren der französische König Louis XV. und seine Mätresse Madame Pompadour. Diderot hält mit diesem Werk seinen Zeitgenossen einen frivol-amüsanten Spiegel vor. Ganz beiläufig vermag er es noch einige philosophische Betrachtungen einzuflechten. Seine späteren Romane "Jaques le fataliste" oder "Le Neveu de Rameau" mögen vermutlich bessere Ausweise seiner schriftstellerischen Qualität sein, aber mit "Les Bijoux indescrets" beweist er zweifellos sein humoristisches Talent.