1970-er Jahre in einer Kleinstadt in Südbaden; Mordfall-Krimi, in dem das Kollegium eines Gymnasiums durcheinander gerät.
Klaus Daigl war Lehrer für Deutsch und Geschichte und selbst als Sohn eines Lehrers im (deutschen) Lörrach bei Basel aufgewachsen. Zu dem Zeitpunkt dieses, seines ersten Buchs, einem Mordfall-Krimi, der das Kollegium eines südbadischen Kleinstadt-Gymnasiums umtreibt, war er als Lehrer noch tätig, nämlich nicht weit weg von Lörrach, in Rheinfelden, wo dieser Kriminalfall, für Einheimische erkennbar, auch spielt. Daigl, ein schlanker Mann mit braunem Vollbart, Adlernase und auffallend stechendem Blick, scheint den normalen Lehreralltag allerdings nicht sonderlich geliebt zu haben, sodass er auch 1978 schon, da ging ich selbst noch als Schüler in diese Schule, ein sehr reduziertes Deputat hatte, kaum noch in der Schule zu sehen war, sondern als psychologischer Beratungslehrer für die ganze Region wirkte. Später einmal verlegte er sich ganz auf diese pädagogische Beratung, veröffentlichte auch Fachliteratur und - mit mehreren Jahren Abstand jeweils dazwischen - auch noch ein paar Belletristikbände, darunter einen weiteren Krimi aus Südbaden. Ihm wurde auch einmal der Aufenthalt in einem Basler Stipendiatenhaus zuerkannt. Klaus A. Daigl starb viel zu früh, 25 Jahre nach diesem Buch, am Krebs.
Wir mussten das Buch aus dem Lörracher Kleinverlag seinerzeit natürlich alle haben. Andernorts schlug es nie besondere Wellen. Ich habe es auch ziemlich schnell wieder vergessen und muss leider sagen, dass, als ich es nach fast 40 Jahren noch einmal kaufte und wiederlas, ich eher enttäuscht als beglückt war. Daigl war offensichtlich ein sehr bedächtiger und gründlicher Autor, der sich alles sehr genau überlegt hatte, aber irgendwie scheint er nie ganz begriffen zu haben, was Whodunit-Krimis eigentlich tun.
Es geht um die Leiche eines noch nicht identifizierten Mannes, die in einer Kiesgrube in unmittelbarer Nachbarschaft der Schule aufgefunden wurde. Ein offenbar penibler, aber nicht unbedingt mit Feingefühl vorgehender Kripomann und ein der Sensation nachjagender Reporter, ehemaliger Schüler dieses Gymnasiums, rücken einem im Lehrerzimmer vor allem dem Rauchen und Flirten obwaltenden Kollegium auf die Pelle. Seltsamerweise ist der allseits unbeliebte und teils wohl ziemlich brutale Direktor der Schule seit der am Vorabend mit einigem Alkohol und etlicher Streiterei abgelaufenen Nikolausfeier verschwunden bzw. nicht erreichbar. Könnte er vielleicht sogar der Mörder sein?
Allerlei Gerüchte gehen mit einem Mal um und es wird schmutzige Wäsche gewaschen. Als Schüler wollte man seinerzeit natürlich den Schlüsselroman übers Rheinfelder Gymnasium entdecken und die „wahre Identität“ einiger Figuren aufdecken. Genau das scheint Daigl vorausgeahnt und unbedingt zu vermeiden getrachtet haben. Ständig denkt er sich irgendwelche Äußerlichkeiten und Ticks aus, um aus den Lehrern möglichst gar keinen zu machen, den es an dieser Schule jemals gegeben hat. Einzig eine langhaarige blonde Kollegin schien mir einer gewissen Dame zu ähneln, die ich nicht sonderlich mochte, Daigl aber vielleicht schon. Auf jeden Fall ist der cholerische Direktor ganz gewiss nicht derjenige, den wir damals hatten. Kann aber sein, dass an einen gedacht wurde, der schon wieder weg war.
Tja, und dann gibt es noch so einen Achtundsechziger-Typ, der allgemein eher der Freund der Schüler und nicht der der Leute im Lehrerzimmer ist. Dieser leistungsgesellschaftskritische, den schönen Seiten des Lebens zugeneigte Intellektuelle, in dem ich ein sich selbst schmeichelndes Selbstporträts Daigls zu erkennen meinte.
Warum das Buch als Krimi leider nicht funktioniert, liegt daran, dass es eine Unmenge letztlich für den Fall belangloser Details verzeichnet, bei denen man auch schon meistens ahnt, dass sie mit der Lösung nichts zu tun haben werden. Andererseits von Kapitel zu Kapitel leider auch so gut wie nichts von Substanz herauskommt und die Möglichkeit immer bestehen bleibt, dass der Mörder ein gänzlich Fremder, längst ganz sonst wohin Entschwundener sein könnte. Also, was müssen wir denn dann noch all diese Lehrer kennen lernen, von denen wir es sowieso keinem zutrauen?
Daigl scheint nicht klar zu sein, dass ein Leser der klassischen Schule des Kriminalromans von Kapitel zu Kapitel jeweils ein bisschen mehr an weiterführenden Informationen bekommen möchte. Dass er sich Fingerzeige in Richtung auf Verdächtige erhofft, die es schließlich alle nicht waren, aber auch gut getarnte Hinweise, die dem Ermittler am Ende gestatten, einen Täter aus dem Hut zu zaubern. Was Daigl stattdessen tut, ist Hinhalten und in viel Nebel sehen Lassen. Selbstverständlich wäre ein stichhaltiges Mordmotiv (bei irgendwem) auch noch hübsch gewesen!