„Schöne Ferien“ begann direkt im Geschehen mit der Abholung von Lenas Tochter Sarah, die zwei Wochen ihrer Ferien in Camp Rondo verbringen sollte. Nur wenige Seiten später stellte sich jedoch der Schock ein: Erneut klingelten Mitarbeiter des Sommercamps an der Tür, womit sich J.D., der erste Mann, als Hochstapler herausstellte. Ich mochte den Einstieg sehr gern, leider konnte die vorgelegte Spannung allerdings nicht aufrechterhalten werden.
Der auf dem Cover abgebildete typisch amerikanische Schulbus kam in der Geschichte überhaupt nicht vor, da Camp Rondo die Kinder mit einem normalen Kleinbus abzuholen pflegte, und die Sommercamp-Lüge wurde nach den ersten hundert Seiten kaum noch thematisiert, stattdessen folgte die Handlung dem Plot einer klassischen Entführungs-Story mit abgelegener Waldhütte als Versteck sowie trauernden Eltern zu Hause. Mich enttäuschte das ein wenig, ich hatte mir den Roman nämlich ein wenig anders – mehr mit Fokus auf die ursprüngliche Idee – vorgestellt.
Der Satz des Klappentexts, in dem erwähnt wird, dass eine Suchmannschaft die erste Leiche findet, weckt zudem völlig falsche Erwartungen, denn jenes passiert erst fünfzig Seiten vor Schluss und ist (SPOILER) keines der Kinder, sondern bloß ihr unter abstrusen Umständen – dazu gleich mehr – umgekommener Entführer Mr. Everett, dessen Ableben der Polizei bereits vorher bekannt gewesen war. (SPOILER ENDE)
Im Mittelteil erlangte die Polizei kaum neue Erkenntnisse; die meiste Zeit las man irgendwelche Konferenzen der vier betroffenen Elternpaare oder Sarahs betrübte Gedanken. Langweilig war das nicht – tatsächlich kam ich schnell und ohne Längen durch das Buch –, doch genauso wenig besonders spannend. Es gab eine Perspektive der entführten Kinder sowie des einen Kidnappers Chase, der den Camp-Abholer gemimt hatte, die nach einigen aufregenden Kapiteln ebenso bald abflachten. Ich glaube, stets zu wissen, was die beiden Parteien taten, raubte ein wenig Nervenkitzel, immerhin hatte man als Leser so einen enormen Informationsvorteil gegenüber Lena und den Ermittlern.
Darüber hinaus gab es einige extrem unrealistisch, nahezu absurd anmutende Textstellen, auf die ich im Folgenden näher eingehen werde: (SPOILER) Nach 140 Seiten tauchte plötzlich eine Spaziergängerin vor der Hütte auf, in der Mr. Everett die Kinder versteckte, woraufhin er ihr unauffällig in den Wald folgte und sie tötete. Außer vielleicht ein wenig Spannung zu erzeugen, hatte das für den Plot rein gar keinen Sinn. Viel bizarrer wurde es gleichwohl, als Mr. Everett nicht einmal eine Seite später selbst verunfallte, indem er während eines erhitzten Telefonats auf einem Steg am See stürzte. Die Szene kam mir vollkommen hanebüchen vor, weil nicht einmal eine Begründung für seinen Fall angegeben wurde, abgesehen davon, dass er sich schnell umdrehte und auf einmal taumelte.
Kurz darauf stießen die Ermittler des FBIs durch einen Fehler in der Verschlüsselung einer verschickten Droh-Mail der Kidnapper auf Everetts Sohn Chase (alias J.D.), den sie berechtigterweise verdächtigten, die Kinder mit dem Kleinbus abgeholt zu haben. Sie hatten sogar die von ihm dabei getragene Lockenperücke in einer Mülltonne gefunden, wenngleich sie ihn nicht zwingen konnten, sie aufzusetzen, weshalb sie ihnen den Eltern (von denen alle außer Lena ohnehin aus Ablenkung von der „Beschäftigung mit ihren Kindern“ während des Abschieds angegeben hatten, J.D. nicht identifizieren zu können) nicht vorführten. Ich fragte mich an der Stelle nur: What in the Hannah Montana is going on? Als ob man ihn nicht mehr erkennen würde, nur weil er keine Perücke trägt??
Von den neunjährigen (!) entführten Kindern, die nach Mr. Everetts Ableben Zugang zu seinem – natürlich fast keinen Akku mehr aufweisenden – Laptop hatten, wusste aus irgendeinem Grund niemand, wie man einen Computer richtig bedient, was ich in Zeiten, in denen man bereits zur Einschulung das erste Handy bekommt, etwas unrealistisch fand, vielleicht muss man dem Buch hier aber auch die fünfzehn Jahre zugutekommen lassen, die seit seiner Veröffentlichung vergangen sind. (SPOILER ENDE)
Was mir ebenfalls auffiel, war, dass oft Sarah etwas dachte oder tat und ihre Mutter dann just in dem Moment auf die gleiche Idee kam, damit der Plot vorangetrieben wurde. (SPOILER) Das sah man etwa, als Sarah ihr mit dem Laptop des Kidnappers eine Nachricht über FaceBook geschickt hatte und Lena urplötzlich an ihren entsprechenden Account dachte. (SPOILER ENDE)
Das Ende war ein bisschen klischeehaft – (SPOILER) verzweifelter Vater rennt nach stundenlanger erfolgloser Suche allein in den Wald, schreit nach seiner Tochter und dann ertönt schlagartig ihre Stimme in der Ferne (SPOILER ENDE) –, aber in Ordnung und sogar ein bisschen rührend.
Fazit: Ich gebe „Schöne Ferien“ drei Sterne, die jedoch ziemlich nah an der Grenze zu vier Sternen angesiedelt sind. Das Buch ließ sich gut lesen, war aber weder eine Spannungsexplosion noch die realistischste Geschichte, die mir je untergekommen ist.
Noch eine kleine Anmerkung: Auf Seite 96 fehlt ein Komma vor „wenn“, auf Seite 99 steht eins mitten im Satz bei „Während des Theologiestudiums hatte sie eine Predigt, gehalten, von der sie sich vorher nur Stichworte notiert hatte“, auf Seite 121 steht „nicht … noch“ statt „weder … noch“, auf Seite 219 fehlt ein Wort bei „Wir möchten, dass Sie es sich allein [ansehen]“ und auf Seite 355 ist „hatte“ doppelt.