Norddeutschland und Berlin, erstes Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Genre: Neun Geschichten von schwulen Paaren über dreißig.
Es ist schon schade, dass der 1964 im Wendland geborene und seit langem in Berlin beheimatete Uwe Jahn zur mittlerweile doch recht beachtlichen Gruppe von Autoren zählt, die im Hamburger Männerschwarm Verlag mal der Ehre teilhaftig wurden, ein einziges erzählerisches Werk verlegt zu erhalten, auf das nie wieder ein Zweites folgte, nirgendwo. Bei Uwe Jahn (der darin dem Radiomann Peter Hofmann ähnelt, dort war es allerdings der Quer Verlag und waren es einige Bücher mehr) hat bestimmt eine Rolle gespielt, dass er die ganze Zeit über viel als Journalist für Radio und Fernsehen (RBB und Deutschlandfunk, mittlerweile Hauptstadtstudio der ARD) gearbeitet hat, und, neben Stress und Zeitbelastung, auch erfahren hat, dass das Mediengeschäft seine Meister besser und längerfristiger ernährt als der Versuch, in diesem Land als Autor schwuler Belletristik sein schmales Leben zu bestreiten.
Uwe Jahn hat es mit diesem Bändchen klar auf ein intellektuelles Leserpublikum angelegt, das Buchempfehlungen aus Leitmedien wie Die Zeit, Der Spiegel, FAZ oder den Kulturmagazinen der ARD-Radios bezieht. Typisch für den schwulen Vertrieb im Jahr 2008 war allerdings, dass der Verlag ihm im Klappentext die Qualitäten eines „Sex and the City, aber mal ohne Frauen“ attestierte. Abgesehen davon, dass Sex so ziemlich das Letzte ist, über das Jahn sich äußern würde, werden mit so einer Werbung viel zu heitere, leichtsinnige, lebenslustige Erwartungen geweckt. Uwe Jahn ist dann doch eher ein reservierter Norddeutscher, man darf auch sagen: ein deutscher Niveau-Heiner und Bedenkenträger, als dass er was über Tunten im Überschwang oder Herzen am Anschlag schreiben würde. Was man selbst genau sieht, für den Vertrieb vorsichtshalber weg zu leugnen, halte ich nicht für nachhaltige Verkaufsstrategie.
Flapsig und konträr zum Hamburger Verleger behaupte ich, am besten eignet sich dieser Erzählband für Männer, die auf jeden Fall über dreißig, besser noch über vierzig sind und in ihrer Vergangenheit schon mal wenigstens fünf Jahre mit einem Mann fest zusammen waren, von dem sie sich dann wieder getrennt haben (oder er sich von ihnen). Auch wäre nicht schlecht, wenn sie in einer Großstadt leben, einer Arbeit nachgehen, für die man studiert haben muss und den täglichen Weg zu dieser Arbeit bei gutem Wetter mit dem Fahrrad bewältigen. Man sieht, die Fans der „Stadtgeschichten“ sind ebenso die Falschen wie Wähler, die bei AfD ihr Kreuzchen machen.
Wobei man sich auch mal wird fragen müssen, ob selbst für so ein schwules Biotop wie Berlin es nicht etwas viele Typen sind, die sich zufällig und ungeplant „über den Weg rennen“, weil sie schnell was auf dem Rad erreichen müssen. Außerdem gibt es noch zwei auffallend lange Geschichten um Paare in der Krise, die an sozusagen Geheimtipp-Urlaubsorten spielen, nämlich in Norwegen im Schnee und in Ligurien abseits der pittoresken Küstenorte. Und dafür lässt Jahn sich jeweils von seiner Urlaubsbegeisterung hinweg tragen und liefert so überaus viel Atmosphäre, als müsste er ein Feuilleton für die FAZ-Touristikmessen-Beilage abliefern.
Wie ich es nach wie vor schade finde, dass in deutschsprachigen Ländern solche Versuche einer sowohl unmissverständlich schwulen wie ganz erwachsenen Literatur nach wenigen Versuchen im Nirgendwo versanden, verkneife ich mir nicht die Frage, ob dieser Uwe Jahn überhaupt ein „literarischer Erzähler“ jemals wirklich war. Von der Art dessen, was er hier unternimmt, musste ich an Raymond Carver, Ingo Schulze, Margriet de Moor denken. Aber bei solchen Gedanken wird einem klar, dass man ihn dann doch eher als Journalisten, der eine gewisse „Manier des Literarischen“ nachahmt, empfindet.
Nun ist natürlich unsere deutsche Literatur (das ist quasi immer schon so und global ziemlich einzigartig): klassizistisch, gegenwartsabgewandt, verquält, bildungshuberisch, unsinnlich, pathetisch, verklemmt, philosophisch. Ohne von den jetzt gleich Genannten je was gelesen zu haben, denke ich, dass Lutz Seiler, Lukas Bärfuss und Anke Rávic Strubel daran immer noch nicht viel geändert haben. Das ist nicht vorstellbar in einer Gesellschaft, in der die Mehrheit der Menschen nach wie vor glaubt, das Leben in einem Kohl-Jahr wie 1983 wäre schöner für uns als das, was wir jetzt wirklich haben.
In mehreren Geschichten riskiert es Jahn, seinen Leser längere Zeit in eine bestimmte Richtung denken zu lassen. Man entwickelt seine Idee, wie das ausgehen könnte. Dann bricht Jahn die Geschichte einfach ab oder lässt sie in der Luft hängen. Um damit durchzukommen, müsste man der wirkliche Raymond Carver sein. (Von dem man inzwischen aber weiß, dass er eigentlich viel mehr hat verraten wollen, ihm ein Lektor große Textteile dann jedoch ausgeredet hat.)
Es gibt ein paar Texte mit mehr Action und Sex. Fast wie Fremdkörper wirken sie im Buch, dessen Stimmung einem bedeckten Himmel an der See gleicht: viel Weiß, viel Grau, viel Weite, nur selten Klarheit. In so einer Story purzelt der geile Bursche einfach vom Berliner Dach und geht entzwei. Oder wir lernen einen glücklich Vergebenen kennen, dem seine Beziehung zu langweilig geworden ist, also lässt er sich auf ganz harten SM-Sex ein und kommt deswegen zu Tode. Das ist aber nicht der echte Uwe Jahn. Er hat es lieber, wenn die beiden, die eine Geschichte lang über den Zerfall ihrer Beziehung nachgedacht haben, am Ende doch noch mal die Hände ausstrecken und sich aus der Fallgrube ziehen.