Das erste Mal, dass ich ein Buch abgebrochen habe, weil es mir zu gruselig geworden ist. Bis Seite 184/284 habe ich gelesen, dann ging es einfach nicht mehr. Ich blätterte bis zum letzten Kapitel vor und las nur noch die letzten 20 Seiten.
In seinem zweiten Roman erzählt Simon Beckett die Geschichte des Einzelgängers und Sonderlings Nigel, der alleine in geschlossenen Londoner Pub wohnt und im Arbeitsamt Kopien anfertigt. Was keiner weiß, in seinem Keller, der aus Tunneln besteht, die es seit dem zweiten Weltkrieg gibt, hält Nigel Menschen in Zellen gefangen. Dort quält er sie, entzieht ihnen Licht, Wärme, Essen und spricht ihnen auch ihr Menschsein ab. Für ihn sind sie Tiere. Er spricht sie nicht mit Namen an oder benutzt andere Pronomen als „es“. Wenn sie aufbegehren und versuchen ihre Menschlichkeit zu bewahren, werden sie mit Wasser übergossen, geschlagen oder seinen anderen wahnsinnigen Neigungen ausgesetzt.
Was mich an diesem Buch so erschreckt und geängstigt hat, ist das Ergebnis von einer Summe verschiedener Aspekte.
1. Das Buch ist in der ersten Person geschrieben (Nigels Perspektive) und ist daher extrem dicht und nahe am Leser.
2. Nigel scheint, aufgrund einer schweren Kindheit und möglichem physischen Trauma oder einer nicht näher beschriebenen psychischen Erkrankung, auch als Erwachsener nur in einer Kindersprache sprechen/erzählen zu können. Er erzählt in einfachen Hauptsätzen, benutzt kindliche Begründungen und versteht viele soziale und gesellschaftliche Regeln/Lebensweisen nicht. Ebenso wie es ein unbedarftes Kind nicht verstehen würde. Besonders Körperkontakt, sexuelle Anspielungen, Doppeldeutigkeiten und komplexe Argumentationen sind für ihn unverständlich oder nur schwer einordbar.
3. Seine Taten sind aufs äußerste grausam und entmenschlichend. Die Motivation für ihn, Menschen zu fangen, sie einzusperren und dann zu foltern (teilweise bis in den Tod) wird dem Leser nur in Teilen angedeutet. Eine missgeleitete Sehnsucht nach Gesellschaft, der Drang Macht und Kontrolle auszuüben, gleichzeitig der Retter und Beschützer der Wesen in seiner „Obhut“ zu sein.
4. Die Situation, dass zwei junge unwissende Frauen ihn im Verlauf des Romans im Pub besuchen wollen. Der immer unstabiler werdende Nigel wird zur tickenden Zeitbombe und der Leser wird immer mehr auf die zu eskalierende Situation hingeleitet.
In Summe ergeben diese Aspekte für mich einen Text, den ich nicht mehr weiterlesen wollte. Ich habe gemerkt, wie sich bei der Lektüre immer mehr Unruhe in mir breit gemacht hat. Ich habe regelrecht Angst vor den nächsten Taten und Launen des Protagonisten bekommen und hatte mich emphatisch zu sehr an die „Wesen“ in seinem Keller gebunden, was zu einer übermäßig angstvollen Reaktion geführt hat, als beschrieben wurde, was er mit ihnen gemacht hat, als sie ihm das erste Mal widersprachen.
Das erste Mal, dass ich einen Roman aus einem anderen Grund abgebrochen habe als der, dass er langweilig oder schlecht wäre. „Tiere“ von Simon Beckett ist unglaublich gutgeschrieben. Mehrmals musste ich an Jame Gumb denken, den Killer aus „Das Schweigen der Lämmer“ und zog Vergleiche zwischen dessen Verhalten und Psychose zu Nigel. Wer diesen Roman liest sollte sich von Anfang an bewusst bei der Lektüre emotional distanzieren. Wer vielleicht sowieso bereits weiß, dass er oder sie von einem oder mehreren Aspekten, die ich genannt habe, getriggert werden kann, sollte die Lektüre vielleicht noch einmal überdenken.
Drei Sterne hoch verdient für dieses gruselige Werk, welches mich so erschreckt und verstört hat, dass ich es aus der Hand legen musste.