Vom Weg aus der Kälte in die Wärme Mascha und ihre Tochter Tinka leben allein. Am Monatsende können sie nicht mehr heizen. Um die Nacht zu überstehen, bauen sie sich eine Höhle aus Decken. Sie fühlen sich gefangen. Doch sie haben einander. Und die kühne Idee für einen Ausweg. Ein Leben in Armut erfordert Mut, also ist Mascha furchtlos. Sie zieht mit ihrer Tochter in ein Altersheim, um zu überwintern und sich das Amt vom Hals zu halten. Der Tröster kommt, wenn sie ihn braucht, und bleibt, als er nicht mehr im Hinterzimmer einer Kneipe wohnen kann. Übergangslösungen, weiß Mascha. Als Tomsonov, einer der Heimbewohner, unter dem Sandsteinfundament im Keller Geräusche hört, beginnt Mascha zu graben. Nach Loyalität und Geborgenheit, nach zweiten Chancen und nach Abenteuer. Einen Tunnel hinaus.
Eine Art Eurotrash des Prekariats. Die Taxifahrt findet wegen mangelnder Knete nur nicht statt, deshalb tummelt sich alles zu heroischen Taten der Buddelei im Altersheim. Die Allegorie des Tunnels verkommt zur leeren Geste. Alles bleibt wie es ist. Tätigkeiten statt Taten. Der Systemfehler, im literarischen Realismus der Erschöpfung und Desillusionierung, in emotionsarmer, hilfloser, technischer, humorloser Sprache bearbeitet, die die verhärteten Schichten aufzeigt, jedoch selbst Teil davon bleibt. Da helfen auch die paar poetischen Einlagen nicht. Die erste Hälfte ist sprachlich äußerst problematisch. Viele schiefe Bilder und Vergleiche die knarzen. Der Text entgleitet der Autorin zusehends. Die Sprache verselbstständigt sich. Weshalb der Tunnel zum Ende hin eine absurde Deutung bekommt, die wahrscheinlich so nicht intendiert war. Der groteske Humor an diesen Stellen wirkt ungewollt. Ärgerlich ist, dass die Autorin in Szenen, die an einem interessanten Punkt ankommen, einfach ausblendet. Sie macht es sich sehr leicht mit der zersplitterten Anlage des Textes, ihr Können erst gar nicht unter Beweis stellen zu müssen. An sich aber passend. Wir betrachten eine Gesellschaft in der man nichts mehr wollen kann und darf. Zu erschöpft um aufzubegehren. Zu erschöpft um literarisch in die Tiefen der Macht der Sprache einzudringen, die Erschütterungen auslösen. Aufzeigen muss reichen. Dass die Heimleitung und auch andere Menschen im Fehler des Systems, stereotyp gezeichnet sind, erleichtert es der Autorin nochmals den sozialen Determinismus und die klare Frontstellung zu platzieren und ihre gefallenen"Helden" herauszustellen. Moralisiert wird aber überhaupt nicht. Das bitte nicht missverstehen.
Trotz dieser Kritik habe ich das Buch gern gelesen. Ich sehe, dass sie stilistisch und sprachlich etwas versucht. Die Charaktere bekommen trotz der wenigen Informationen und der Wortkargheit eine umfassende Lebensgeschichte. Sie muss überhaupt nichts erklären. Sie legt es so an, dass sich ein ganzes Panorama zum Background der Personen entfaltet. Die paar Fetzen reichen. Das ist ihr wirklich gut gelungen. In dieser Trostlosigkeit blitzen schöne, gelungene zwischenmenschliche Szenen der Nähe auf. Aber ist das schon alles, das wir noch wollen und erwarten können?
UPDATE 2024-12 Das Buch bleibt in guter Erinnerung, hallt nach. Die Figuren haben sich festgesetzt. Daher von 2 auf 3 Sterne nach Jahresresümee hochgestuft.
Episodenhaft geschrieben, jedoch mit klarer Einheit in Raum und Zeit mit dramatischer Zuspitzung und in sich rundender Allegorie. Sprache, die bröckelt, aber der Wille zum Symbolischen zeigt sich tiefgründig.
Der Debütroman „Tunnel“ von Grit Krüger lese ich im Rahmen des Bloggerpreises „Das Debüt“. Die Shortlist beginnt für mich direkt mit einem außergewöhnlichen Roman, der mit dem Willen zur Allegorese dem Alltag auf den Pelz rückt. Die Protagonisten heißen Mascha, Enders, Tomsonov und Tinka. Sie sind arm, leben prekär, stehen irgendwie windschief zur Gesellschaft:
Der Wagen fährt an ihr vorbei, verschwindet hinter dem Hügel. Mascha sieht ihm noch nach, hält sich davon ab, stehen zu bleiben. Abdrehen möchte sie, quer über die Felder davonpreschen – aber reißt sich zusammen, geht weiter. Was soll so ein Ort auch weiter mit ihr zu tun haben? Nicht stehen bleiben. Ein Termin nur, nicht zögern.
Mascha will ihrem Alltag entfliehen. Bis auf ihre sieben Jahre alte Tochter Tinka zeigt sich dieser nur von der grauen und erbarmungslosen Seite, denn ihre Liebesbeziehung, Enders, treiben ebenfalls nur, eigenbrötlerisch trübe Gedanken um:
»Ist gut.« »Ist es nicht. Es ist beschissen.« »Enders, ist gut.« »Eine beschissene Scheiße ist es.« »Enders.« »Ein Drecksleben und eine Scheiße.« »Ja und? Dann wühl dich raus.«
Hier geht die Metapher auf und Form schlägt in Inhalt um. Mascha wühlt sich nämlich tatsächlich heraus. Mit Tomsonov, einem Ex-Musiker aus dem Ostblock, beginnt sie einen Fluchtplan aus dem Altersheim auszuhecken, in welchem sie (noch) alle einquartiert sind. Tomsonov völlig unfreiwillig, denn er möchte lieber in die Freiheit, auch wenn ihm gesundheitliche und geistige Kapazitäten dazu abhandengekommen zu sein scheinen.
Noch einmal, er muss zurück, er muss seine Tochter noch einmal hinbringen, um ihr zu erzählen, das man nicht zu still sein durfte in den Blocks. Nein, bei Stille haben sie noch genauer hingehört – was man sagt, laut genug, muss man unter Kontrolle behalten. Es bleibt, etwas im Polster zu verstecken, in einer Geste, in Flötenarrangements. Aber wie kann man das jemandem verständlich machen, am Telefon, ohne zu fahren, ohne noch einmal dort zu sein?
Grit Krüger gelingt eine eigenartige Melange. Ihr Schreiben besitzt keine Konsistenz. Die Wörter werden hingeworfen wie Brocken. Oft werden die Sätze vor Hektik und Desinteresse nicht ausformuliert. Es bleibt bei Stichworten. Diaphan, fast kaum vorhanden, flirrt das Textgewebe fort und umhüllt ein seltsames Etwas an Allegorie, nämlich die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Das ganz Andere, in das führt der Tunnel, in die Freiheit, die gelungene Flucht, der Ausweg, auch wenn das bedeutet, geliebte Menschen, obgleich vielleicht nur vorerst, zurückgelassen werden müssen.
Das Anstaltsleben erinnert an Rainald Goetz‘ „Irre“, auch durch seine Sprach-Fahrlässigkeit. Es erinnert auch etwas an Clemens Setz‘ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ ob der Psychopathologien der einzelnen Bewohnern und Figuren. Vor allem aber wird der Text, je länger er anhält, eine Art Kafka, zerbrochen, verwüstet, ein Suchen nach Sinn, ein Zerborsten des Bedeutungsraumes, eine untergründiges Wühlen durch die Kulturtradition nach Halt, „Das Schloß“ nur als Untergrund. Wäre es musikalischer, hätte es träumerisch wie Katerina Poladjans „Zukunftsmusik“ werden können. So hadert es weiter mit sich und der Welt wie Slata Roschals „153 Formen des Nichtseins“ und macht wie dieses neugierig auf das nächste Werk, zumal bei diesem die letzte, sich öffnende Wendung der Allegorie fehlt. Inhalt und Form gehen hier einfach zu weit auseinander.
In "Tunnel" tauchen wir in das Leben von Mascha und ihrer Tochter Tinka ein, die in äußerst schwierigen finanziellen Verhältnissen leben. Die Autorin zeichnet ein schonungsloses Bild von Armut und zeigt auf, wie Menschen am Rand der Gesellschaft ums Überleben kämpfen. Mascha, eine alleinerziehende Mutter, ergreift die Chance, eine Stelle als Pflegekraft in einem Heim für Senior*innen anzunehmen. Die Unterkunft im Heim bietet ihnen eine warme Bleibe über den Winter und garantierte Mahlzeiten. Mit ihrem Freund Enders, der seine eigene düstere Vergangenheit hat, finden sie einen geheimen Zufluchtsort in einem leerstehenden Zimmer. Mascha ist jedoch entschlossen, nicht länger als nötig im Heim zu bleiben.
Die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt: Die Geschichte folgt den Perspektiven von Mascha, ihrer Tochter Tinka und ihrem Freund Enders sowie Tomsonov, ein älterer Herr und Bewohner des Heims. Diese Vielfalt der Erzählperspektiven ermöglicht es uns, tief in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonist*innen einzutauchen. Obwohl sie auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind, eint sie alle ihr gemeinsamer Kampf gegen die Ausweglosigkeit ihrer Situation.
Grit Krüger vermittelt mit großer Sensibilität und Realitätsnähe, wie es ist, in Armut zu leben. Die Autorin drängt jedoch nicht auf Mitleid, sondern erzeugt vielmehr ein starkes Mitgefühl für die Charaktere. Besonders beeindruckend ist die Darstellung der Vorurteile, denen Mascha ausgesetzt ist, sowie die Ausnutzung ihrer prekären Lage durch andere. Ebenso werden Enders Verlorenheit und die Gefühle der Vernachlässigung bei den älteren Bewohner*innen des Heims eindringlich dargestellt. Die Art und Weise, wie Tinka ihre Situation erkennt und sich immer wieder geschickt anpasst, berührt mich als Leserin tief und lässt auch Raum für gelegentliches Schmunzeln. "Tunnel" ist ein herausragendes Buch, das aktuelle gesellschaftliche Themen in den Fokus rückt und die Stimmen der Betroffenen hervorhebt. Die Autorin schafft es eine eindringliche Atmosphäre zu erzeugen und Leser*innen in die Sorgen und Ängste der Charaktere einzubeziehen. Der Roman ist ein Aufschrei gegen das System und ruft zur Aufmerksamkeit für die prekäre Situation von Menschen in schwierigen finanziellen Verhältnissen auf. Durch Maschas Arbeit im Altenheim wird zudem die Einsamkeit und Vernachlässigung älterer Menschen in unserer Gesellschaft thematisiert. Die Sehnsucht nach Nähe und Zuneigung wird schmerzhaft deutlich.
"Tunnel" ist ein Buch, das gerade in Zeiten der Diskussion diverser, sozialer Themen zum Nachdenken anregt. Ein absolutes Muss für alle, die sich mit sozialen Ungerechtigkeiten auseinandersetzen und eine inspirierende Geschichte über den Überlebenswillen der Menschen lesen möchten.
Wie ist es, am Rande der Gesellschaft zu stehen? Jede kleinste Ausgabe mehrmals durchrechnen zu müssen? Um dann festzustellen, dass das Geld doch nie bis zum Monatsende reicht.
Wie unsere Gesellschaft mit Menschen umgeht, die den Halt verloren haben und nicht so recht ins System passen, führt uns Grit Krüger in ihrem Debütroman "Tunnel" auf eindrucksvolle Weise vor. Wir lernen die alleinerziehende Mutter Mascha kennen, die vom Arbeitsamt anstatt der gewünschten Fortbildung einen zehrenden Aushilfsjob annehmen muss, damit die Leistungen nicht gekürzt werden. Und dafür muss man dann noch dankbar sein. Ihre kleine Tochter Tinka kennt kein anderes Leben, weiß wie man sich so durchschlägt, den ein oder anderen Euro oder eine kostenlose Busfahrt ergaunert. Und dann ist da noch ihr Freund Enders, der, vom Leben gezeichnet, nach seinem Gefängnisaufenthalt keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt. Die Kapitel, abwechselnd aus Sicht der drei geschrieben, gewähren uns einen kleinen Einblick in ihr Leben, ihre Gedanken, vor allem aber in ihre Sorgen und Ängste, von denen sie so beherrscht werden. Die Autorin erschafft mit ihrer intensiven Sprache eine eindringliche Atmosphäre, einen Sog, dem ich mich schnell nicht mehr entziehen konnte und der mich in kürzester Zeit, selbst wie in einem Tunnel gefangen, durch die Handlung führte. Der Roman ist wie ein verzweifelter Aufschrei gegen das System, der gerade jetzt, da wieder einmal über die Grundsicherung für Kinder debattiert wird und für die wieder einmal nicht genug Geld da zu sein scheint, wichtiger ist denn je.
Durch die Arbeit Maschas im Altenheim lernen wir zudem eine weitere Schattenseite unserer Gesellschaft kennen: Die Einsamkeit der alten und von ihren Familien vernachlässigten Menschen, die mit dem alten Tomsonov, aus dessen Sicht ebenfalls ein paar Kapitel geschildert werden, ein Gesicht bekommen. Ihre Sehnsucht nach Nähe und Wärme, nach Zuneigung, die ihnen die überarbeiteten und durch eine Vielzahl an Überstunden ausgelaugte PflegerInnen auch nicht geben können, wird schmerzhaft deutlich.
Ganz schön schwere Themen also, denen sich Grit Krüger hier widmet. Aber trotz all der Schwermut, die sich während des Lesens auf das Herz legt, all die Wut, die immer größer wird, gibt es auch hoffnungsvolle Momente. Kleine Gesten von Güte und Hilfsbereitschaft, die so wichtig sind in dieser Welt.
Fazit: "Tunnel" ist ein eindringlicher Roman voller Kraft und Sprachgewalt, der wichtige gesellschaftliche Themen behandelt und so auf eindrückliche Weise zum Nachdenken anregt. (4,5/5)
Mascha ist alleinerziehend und für sich und ihre Tochter Tinka auf Geld vom Amt angewiesen. Statt richtiger Unterstützung und eine Fortbildung, die Mascha machen kann wird ihr ein Job in einem Altenheim nachgelegt. Ansonsten soll ihr wegen fehlender Mitarbeit das Geld, welches jetzt schon teilweise nur für Marmeladentoast und Nudeln reicht, gekürzt werden. Doch der Job, für den Mascha durch die halbe Stadt fahren muss, erweist sich als Glückfall als im Winter die Heizung ausfällt. Mascha zieht mit Tinka kurzer Hand in eine leere Wohnung im Altenheim. Etwas später zieht auch Maschas Freund Enders, der bisher in einem Raum hinter einer Kneipe gewohnt hat, dort ein. Dann ist da noch Herr Tomsonov ein Bewohner des Heims, der anfängt im Keller einen Tunnel zu graben. Masche beschließt ihm zu helfen.
Das Buch hat mich schon auf den ersten Seiten umgehauen. Diese Szenen im Job Center: die Sachbearbeiterin, die einem nicht die Fortbildung ermöglicht, sondern ein lieber sofort in einem schlechtbezahlten Hilfsjob vermittelt, ohne dabei Kinderbetreuung oder Fahrtzeit zu beachten und dafür lieber mit gekürzten Bezügen droht. Jeder Mensch der schon mal auf Hart IV angewiesen war oder jemanden kennt bei dem dies der Fall war, wird diese Szenen schmerzlich wiedererkennen. Das Buch beschäftigt sich damit wie eine Gesellschaft mit Menschen umgeht, die nicht (mehr) funktionieren und produktiv sind, indem sie die in Armut lebenden Mascha/Enders den Altenheim-Bewohner*innen gegenüberstellt und dabei die Frage aufwirft, wie weit das Ausbrechen in dem System in dem wir alle leben noch möglich ist. Dabei gibt es immer wieder kleine Momente des herzlichen Miteinander zwischen den Heimbewohner*innen sowie Mascha/Enders/Tinka. Das offene Ende, das eine Entwicklung zum schlechteren andeutet, hat mich traurig gemacht passt aber sehr zur Geschichte. Ich möchte für diesen vielschichtigen und sehr menschlichen Roman eine klare Empfehlung geben.
TUNNEL Grit Krüger Sie haben nichts zu essen, und die Heizung ist defekt. Eine Reparatur kann Mascha sich schon lange nicht leisten. Also bauen sie sich in der Wohnung eine Höhle aus Decken und Kissen – dort ist es wenigstens warm.
Was Mascha wirklich bräuchte, ist Arbeit. Oder besser gesagt: 3000 Euro. Dann könnte sie die Heizung reparieren lassen und das Ferienlager für ihre Tochter Tinka bezahlen. Doch das Amt blockiert. „Sie müssen sich bewerben“, sagt die unfreundliche Frau mit monotoner Stimme.
Auch die 7-jährige Tinka hat ihre Sorgen: Sie hat Angst vor dem „Tröster“, der immer Mutter in ihrem „Schlafwohnzimmer“ besucht. Wenn er da ist, pinkelt sie lieber in ihren Legoeimer anstatt auf die Toilette zu gehen.. Außerdem braucht sie dringend neue Turnschuhe. Die alten drücken, doch sie traut sich nicht, ihrer Mama davon zu erzählen. Genauso wenig, wie sie noch immer das Geld für den Klassenausflug benötigt. Die Blicke der anderen Kinder treffen sie jedes Mal, wenn die Lehrerin vor allen wieder erwähnt, dass ihre Zahlung noch aussteht.
Alles könnte sich ändern, als Mascha ein Jobangebot als ungelernte Pflegekraft in einem Seniorenheim erhält. Ob das die Wende bringt, müsst ihr selbst herausfinden.
Ein ergreifendes Buch. Der ungewöhnliche, fast poetische Schreibstil bringt die prekäre Lage der kleinen Familie eindringlich zur Geltung. Die Geschichte wird aus den Perspektiven unterschiedlicher Personen erzählt – Menschen am Rande der Gesellschaft, mit ihren ganz eigenen Sorgen und Nöten.
Was mir weniger zusagte, war die Geschichte des Tunnels. Ich konnte diesen lediglich als Metapher deuten – ein Symbol dafür, dass Mascha und Tomsonov ihrem jetzigen Leben entfliehen wollen.
Fazit: Ein gelungenes Debüt, das ich mit Interesse gelesen habe. 4/ 5
Tunnel zeichnet in seiner Erzählung die Portraits von vier interessanten Charakteren, in denen sich verschiedene soziale Probleme unserer Zeit widerspiegeln. Die Geschichte ist liebevoll und kurzweilig erzählt. Ich fand es sehr interessant, mich in die Lage der Protagonistin zu versetzen und zu versuchen nachzuvollziehen, wie deren schwierige Lebenssituation sie in ihr zunächst scheinbar irrational erscheinendes Schicksal treibt. Hatte viel Spaß beim Lesen und kann das Buch sehr empfehlen.
Wenn man ein Buch innerhalb von zwei Tagen durchliest, spricht das schon für sich, selbst wenn es wie in diesem Fall mit 214 Seiten recht schmal ist.
Auf wenigen Seiten geht es um viele wichtige wie schwierige Themen: um Armut, (Un-)Menschlichkeit, Kontrolle/Macht vs. Freiheit/Freiraum, Zuhause, Privatsphäre, die aus verschiedensten Gründen und in unterschiedlichem Ausmaß nicht respektiert wird (auch wenn es zum vermeintlichen Besten ist) und Ausbeutung.
So begleiten wir hier Mascha und ihre Tochter Tinka, die auf die Hilfe vom Amt angewiesen sind, weil Mascha keine Betreuung für ihre Tochter bekommt und dadurch auch keinen Job findet. Das Amt bewertet ihre Situation anders und kürzt ihr die Mittel, sodass die beiden schließlich kurz vor Weihnachten nicht mal mehr heizen können. Aus der Not heraus ziehen sie zum Überwintern in ein Seniorenheim, wo Mascha jede Schicht übernimmt, die ihr angeboten wird. „Der Tröster“, Enders, mehr oder weniger Maschas Lebensgefährte, bezieht, als er obdachlos wird, heimlich ebenfalls ein Zimmer – alles nur vorübergehend, wie sie wissen und sich zugleich hoffnungsvoll einreden. Als Herr Tomsonov, ein Bewohner des Seniorenheims, von unten Geräusche hört, beginnt er heimlich im Keller zu graben und Mascha hilft ihm zwischen ihren Schichten mit ihren letzten Kraftreserven – denn das ist es, was ihr zugleich innere Stärke wiedergibt.
Je länger ich die Geschichte sacken lasse und versuche, diese Rezension zu schreiben, desto mehr Details und Interpretationsmöglichkeiten fallen mir auf und ich bemerke, wie stimmig alles zusammenpasst.
Als erstes fällt bereits die tolle Cover-Gestaltung auf: eine Frau, die in Richtung Meer läuft, ein kreisrunder Ausschnitt im Schutzumschlag, hinter dem der schwarze Buchdeckel mit dem weißen Titel „Tunnel“ zum Vorschein kommt. Im Text gibt es immer wieder Assoziationen zum Meer als hoffnungsgebendes Element und der Tunnel spielt natürlich ohnehin eine wichtige Rolle – im tatsächlichen wie metaphorischen Sinn. Man denke an Begriffe wie Tunnelblick, Licht am Ende des Tunnels … das Wort symbolisiert, dass es nur in eine Richtung geht, man weiter vorwärts gehen muss, in der Hoffnung auf Freiheit, einen Ausweg aus dem Gefängnis zu finden, sich durchzuschlagen, ohne sämtliche Hoffnungen zu begraben.
Die Geschichte beginnt sehr poetisch geschrieben und auch zwischendurch sind Passagen wie kleine Gedichte eingestreut – eines ganz am Ende tituliert mit „Chor“, was mich an den Griechischen Theaterchor denken lässt, welcher im Drama als Handlungsbegleiter mitwirkt und vorwiegend die Meinung der breiten Masse darstellt sowie „durch seine Äußerungen die allgemeinen moralischen Vorstellungen untermauert“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Chor_(T...) – also eine überaus passende Assoziation. Das relativ offene Ende, das mich zunächst mit einigen Fragezeichen zurückließ und eine eher schlechte Wendung suggeriert, passt ebenfalls dazu.
Alle in dieser Geschichte sind auf irgendeine Weise realitätsfern: die den Ämtern wie auch dem Seniorenheim zugrunde liegenden Systeme, (die Mascha hier wortwörtlich untergräbt und) die nur in der Theorie funktionieren, aber sobald jemand vom Schema F abweicht, nicht mehr, und auch die Protagonist*innen – sei es durch Demenz, Kindheit(serinnerungen) oder das Schönreden von Fakten, um zu überleben.
Insgesamt also ein sehr vielschichtiger und gelungener Roman, den ich hiermit gern weiterempfehle!
Herzlichen Dank an den Kanon Verlag für dieses Rezensionsexemplar!
Dieses Buch war ein Zufallsfund in der städtischen Bibliothek. Mitgenommen habe ich es, weil es mich stilistisch interessiert hat. Diese extrem reduzierte Sprache, die passagenweise ohne Verben auskommt, ohne Nebensätze sowieso, und es trotzdem schafft, Szenen plastisch darzustellen und Menschen, deren Leben aus Eindrücken und Erinnerungsfetzen zu bestehen scheint. Dazu der Morsecode unter den Teilüberschriften, die russischen Namen - alles sehr geheimnisvoll und vielversprechend. Hat es seine Versprechen gehalten? Teilweise. Der Roman ist fein komponiert und hat strukturell Einiges zu bieten. Schön, um nur ein Beispiel zu nennen, ist das Bad im milchigen Badewannenwasser, das sein kontrastierendes Pendant am Ende des Buches findet. Auch bin ich immer noch fasziniert vom Stil, der sich nicht nur aus einer Sprache nährt, deren Einfachheit durch feine und präzise Beobachtung ergänzt wird. Und doch war ich froh, das Buch endlich beendet zu haben, denn eines bietet die Geschichte sicher nicht: Genuss. Und das liegt nicht an den ärmlichen Verhältnissen der Protagonisten, die nicht daran zu scheitern scheinen, dass ihnen keine Zukunft geboten wird, sondern daran, dass sie sich selbst keine Zukunft vorstellen können. Sie vegetieren vor sich hin, wochenlang in einem Zimmer, z.T., weil ihnen wenig andere Wahl bleibt, aber offenbar auch, weil ihnen die Phantasie zu fehlen scheint. Wenn gedacht wird, kreisen die Gedanken reflektionslos um alte, z.T. sehr alte, und immer schmerzhafte Erinnerungen. Die Geschichte von Maschas Mutter bildet offenbar die psychologische Grundlage für Maschas eigenes Impulsverhalten, das sich nicht darum schert, was es für sie oder ihre Tochter bedeutet. Sie kann arbeiten, kann auch ihre Tochter zu Schule schicken, aber sie tut es nicht oder zumindest nicht konsequent. Jede ihrer Handlungen stellt sich als Verzweiflungstat dar. Aber warum? Diese Frage wird m.E. nie richtig beantwortet, genauso wenig, wie der Morsecode oder die russische Komponente je richtig aufgelöst wird.