"Von welchen Sternen sind wir uns hier einander zugefallen?" waren Friedrich Nietzsche's Worte, als er zum ersten Mal auf Lou Andreas-Salomé traf - eine der interessantesten und geistvollsten Frauen ihrer Zeit! Einer Frau, der größerer Aufmerksamkeit bedarf.
Das Buch mit dem Titel "Lou Andreas-Salomé - Der bittersüße Funke Ich" von Kerstin Decker war, zumindest für mich, an manchen Stellen nicht immer einfach zu lesen. Philosophie eben. Auch schweift die Autorin mitunter sehr weit ab, was etwas irritierte. Zugegeben, es ist keine leichte Lektüre. Wer sich aber für das Thema und das Leben der Lou Andreas-Salomé interessiert, für den ist dieses Buch absolut empfehlenswert!
Dieses Buch ist anstrengend. Kein Appetizer, sondern ein Hauptgericht. Und das liegt teilweise positiv-schwer im „intellektuellen Magen“. Mir war es nur möglich, es häppchenweise zu genießen. Philosophie-, Religions- bzw. Naturwissenschafts- und Geistesgeschichte allgemein des 19./Anfang des 20 Jh. ist noch immer meist die Geschichte männlicher Denker. Dieser Umstand ist ein Symptom für eine Krankheit, gegen die Deckers Protagonistin schon angekämpft hat und die bis heute nicht ganz überwunden ist. Frauen konnten sich damals in der Regel nur mit Hilfe von Männern Gehör verschaffen. Dazu bedurfte es einflussreicher Männer. Oder berühmter Männer. Oder beides zugleich. Frauen, die weder das eine noch das andere hatten, drohen im Dunkel der Geschichte zu versinken. Lou Andreas-Salomé hat sich dagegengestemmt. Aber sie hatte auch das Glück, bereits durch ihr Hineingeborenwerden in höhere Kreise privilegiert zu sein, schon im Jugendalter mit Menschen verkehren zu können, die geistes- und naturwissenschaftlichen Tätigkeiten nachgingen und sich in elitären Kreisen dem intensiven Gedankenaustausch widmeten und widmen konnten. Daran hat sie später angeknüpft und die Reihe der Männer, mit denen sie in Kontakt stand oder von denen sie geliebt wurde (die umgekehrte Richtung ist die Ausnahme), liest sich deshalb wie das „who is who?“ der Köpfe jener Zeit: Nietzsche, Rilke, Tolstoi, Freud…In diesen Kosmos fällt Lou irgendwo „von einem Stern“ (Nietzsche) hinein und kann sich aufgrund ihrer Geisteskraft mühelos einreihen. Ein nahezu unerhörter Vorgang, der nicht selten zur Verwunderung, besser in Bewunderung der sie umgebenden Männer umschlug. Oder in meist unerwiderte Liebe. Lou hat die Gedankenwelt Anderer und ihre eigene reflektiert, analysiert, in Beziehung gesetzt, seziert, ergänzt und verbessert bzw. gänzlich Neues geschaffen und damit vor allem die Entwicklung der Psychoanalyse entscheidend mitbestimmt. Ausgangspunkt ihrer Wissenschaft, aber auch ihrer Gefühlswelt, ist der Ich-Bezug. Auch dies unerhört, wo es doch für die Frau von damals als Endzweck allenfalls ein Familien-Wir geben sollte, hinter das die Frau als eigene Persönlichkeit zurück zu treten hatte. Insofern ist Andreas-Salomé egozentrisch. Aber Egoismus verliert bei ihr etwas von seiner negativen Konnotation. Sie macht wohl richtigerweise den ersten vor dem zweiten Schritt. Erst muss es ein (bitter-süßes) ICH geben, dass zum Wir gelangen kann. Erst vor diesem Hintergrund kann sie „Sammlerin seltener, kostbarer Ich’s“ (Decker) werden und sein. Sie ist vollkommen „General ihres Lebens“ (Decker). Gleichzeitig oder gerade deshalb zieht sich durch ihr Verständnis von Weiblichkeit, Liebe und Sexualität wie ein roter Faden, dass die liebende Verknüpfung zweier Menschen, in Form der Verbindung von körperlicher Hingezogenheit und Intellekt ein Wunschtraum ist. Mehr noch: geistige und körperliche Nähe sind ihr Antagonismen. Kein Wunder also, dass zahlreiche Männer abgewiesen wurden, die es wagen wollten, an ihrer - für sich hart erkämpften - Unabhängigkeit zu rütteln, indem sie sie heiraten wollten oder auch „nur“ mit romantischer Extase (Rilke) begehrten. „Werdet hart!“ ist daher ihre aufrufende Antwort. Auf Wissenschaftsebene konnte sie parallel „Geschwistergehirn“ (Nietzsche) und „Frauenzimmer von gefährlicher Intelligenz“ (Freud) sein. Viele dieser Eigenschaften machen sie zur Vorreiterin der Emanzipation, als deren Vertreterin sie sich selbst nie sah. Auch dies ist wiederum stringent, denn sie wollte sich generell nicht in eine Schablone pressen lassen.
Kerstin Decker hat hier ein sehr anregendes Werk geschaffen, bei dem einmaliges Lesen sicher nicht reicht. Es gelingt ihr aufgrund profunder Quellenkenntnis und ihrer eigenen Profession, Lou Andreas-Salomé in all ihren Facetten darzustellen. Aber nicht nur biographisch zu beleuchten, sondern förmlich in ihre Protagonistin „hinein zu kriechen“. Oft fällt es daher schwer (trotzdem Zitate durch Sperrschrift kenntlich gemacht sind), die Gedanken Lou’s und Deckers auseinander zu halten. Beides hat fließende Übergänge. Vermutlich vorhandene Quellenlücken werden nach meiner Einschätzung teilweise sogar durch eine Art Fiktion ersetzt, die manchmal überstrapaziert wirkt. Punktabzug gibt es auch für die mitunter zu langen Exkurse in die Philosophie- und Psychoanalysegeschichte, welche die Lektüre für Neulinge auf dem Gebiet sperrig macht. Insgesamt ist dies jedoch ein Buch, dass man Interessent*innen der Wissenschafts- und Emanzipationsgeschichte nur wärmstens ans Herz legen kann. Und wie nebenbei reist man auch durch die interessante Politik- und Gesellschaftsgeschichte an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert.
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Abbruch nach 100 Seiten. Vielleicht ist das zu vorschnell, aber über diese Seiten habe ich mich so geärgert, dass ich das Buch nicht mehr ohne Widerwillen in die Hand nehmen konnte. Lou Andreas-Salomé erschien mir immer als interessante, aber schwer greifbare Figur. An dieser Ungreifbarkeit hoffte ich, durch die Lektüre einer Biographie etwas zu ändern. Diese Hoffnung erfüllt Deckers Buch nicht; auch hier wird Salomé in erster Linie in Relation zu ihrem prominenten Verehrer Nietzsche beschrieben: Nietzsches Liebeswerben und Liebesfrust nimmt mehr Raum ein als ihre eigenen Vorstellungen, Absichten und Gedanken. Fast als Pflichtprogramm wird zwischendurch Herkunft, Kindheit und frühe Jugend abgehandelt, ihr komplexes Verhältnis zur Religion, ihr kompromissloser Drang nach Unabhängigkeit, um dann aber wieder zu ihrer platonischen Ménage à trois mit Nietzsche und Paul Rée zurückzukehren. Es ist absolut ärgerlich, wie man eine so unabhängige Frau doch so in Abhängigkeit zu Männern erzählen kann, als sei ihr einziges Verdienst gewesen, von Nietzsche angehimmelt worden zu sein und ihn abgewiesen zu haben. Dass Biographien gern mal Szenen erzählerisch imaginieren, als sei die Autorin dabei gewesen - geschenkt. Doch im Zentrum dieser Szenen stehen meist die Gedanken und Empfindungen der Männer (vielleicht weil diese quellenmäßig besser belegt sind). Dass sich das später, wenn Rilke und Freud ihre Wege kreuzen, ändern wird, ist nicht zu erwarten. Noch dazu ist das alles erzählt in einer unnachahmlich prätentiösen Sprache.