Kleists erzählende Prosa besteht aus ungeheuerlichen Texten, die von einem Autor kommen, der offensichtlich genau das sein wollte: ungeheuerlich, unerhört, nie dagewesen. Schon allein darum darf man sich keine leichte Lektüre erwarten. Dann kommen die sprachlich sehr edlen, höchst kunstvoll gebauten und einfach nie enden wollenden Sätze dazu. Daran kann man die Ehrfurcht vor gut geschriebenem Deutsch lernen. Es ist aber natürlich das Gegenteil von Kopfkino, Serienfernsehen und Feel-Good-Geschichten. Obwohl er inhaltlich von heutigen Kinoplots nicht weit weg ist. Kleist war sich darüber im Klaren, dass man Leser am besten anleint, wenn man ihnen Sex, Tod, Feuer, Krieg, Gewalt, Liebe und grausame Familien gibt.
Goethe mochte ihn nicht und ließ ihn in Weimar mit kalter Höflichkeit abfahren. Dennoch wird er der Klassik, nicht der zeitgleichen Romantik zugeordnet. (Das hat aber wohl eher mit seinen nach klassischen Vorbildern geschriebenen Theaterstücken zu tun, von denen das eine oder andere zu seinen kurzen Lebzeiten auch aufgeführt wurde, ohne nachhaltigen Erfolg.) Kleist hat sich am Berliner Wannsee erschossen, „weil mir auf Erden nicht zu helfen war“, mit einer älteren, krebskranken Frau zusammen. Denn eine wirklich dauerhafte Liebe zu einer Frau bekam er sein Leben lang nie zustande. Heute wird er von den Kennern als Schwuler ohne Coming-out gehandelt und die Unterhaltungen gehen darüber, ob er sich dessen selbst überhaupt bewusst gewesen ist – oder ob er lebenslang darunter litt, als Kadett, also für die Offizierslaufbahn bestimmter Zögling des preußischen Militärs, in der Kaserne vergewaltigt worden zu sein.
Vergewaltigt wird bekanntlich die Marquise von O., welche absolut nichts mit der bekannten französischen SM-Dame zu tun hat, jene kommt ohne den Punkt hinter dem Buchstaben aus, nämlich von einem Besatzersoldaten im Krieg, auf ihrem Landgut, während sie besinnungslos ist, es also nicht mitkriegt, aber hinterher die daraus entstehende Schwangerschaft natürlich. Da haben wir es übrigens mit einer der wenigen Geschichten dieses Bandes zu tun, die gut ausgehen und nicht rabenschwarz oder irgendwie zynisch. Und, was Germanisten zu betonen nicht müde werden, mit einem exemplarischen Beispiel von Kleists Lieblingsidee, der gegen sämtliche guten Ratschläge und Sachzwänge erbarmungslos bis ans Ende durchgesetzten Richtigkeit des innersten Gefühls. Wahlweise wird das späte Empfindsamkeit oder frühe Romantik genannt. Dass der seinen adligen Gegnern an Macht und gesellschaftlicher Anerkennung weit unterlegene Michael Kohlhaas auf ähnlich radikale Art die Gerechtigkeit gegenüber den Adligen durchsetzt, die seine Pferde zu Tode geschunden haben, dürfte ebenfalls halbwegs bekannt sein. Jedenfalls mehrfach und international verfilmt.
Im normalen Leben und zu seiner Zeit, die eine ganz blutige war, Napoleon demütigte Preußen und wollte Europa erobern, glückte dem jungen Herrn Kleist (Tod mit 34) leider fast gar nichts. In Frankfurt an der Oder wurde er in ein altes Adelsgeschlecht hinein geboren, das Prominente und militärische Helden hervorgebracht hatte. Von Kind auf zum Soldaten bestimmt, schmiss er irgendwann hin und studierte Nationalökonomie und Physik, brach aber nach drei Semestern schon ab und wollte vom Journalismus und von neuen Zeitungen und Zeitschriften leben, die er selbst gründete. Das ging auch nie lange gut, ist aber der Grund dafür, dass er solche „Räuberpistolen“ und witzige Anekdoten (die eher beklemmend als komisch sind) geschrieben hat.
Bekannt ist, dass er für einen medizinischen Eingriff eine mysteriöse Reise nach Würzburg unternommen hat, nach welcher er schrieb, jetzt wäre er für die Ehe parat. Man geht davon aus, dass es sich um eine Phimosenoperation, also eine wegen Vorhautverengung, gehandelt hat, weiß aber nichts genaues. Die Ehe kam nicht zustande. Zwischendurch wechselte er noch in die Schweiz, auf eine Insel bei Thun, um Bauer zu werden. Idyllisches, unschuldiges, ehrliches Landleben war im Schwange, für ihn aber wohl nicht das Richtige.
Jedenfalls war von Kleist ein Mensch, der an sich selbst die höchsten Erwartungen stellte und moralischten Idealen dienen wollte. Er stresste sich und wäre kaum besonders alt geworden, wenn er so ein Dasein ohne Pistole weitergeführt hätte. Und, wie gesagt, die brandschatzenden, mordenden, vergewaltigenden Heere zogen damals durch Europa, erst her und danach wieder hin. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das Erste Reich also, vielen wird das Dritte was sagen, ging gerade unter. Somit die letzte Verbindung zum Mittelalter, zum nicht gespaltenen Christentum, an das er unbedingt weiter glauben wollte. (Obwohl er faktisch Gott nicht mehr für voll nahm, seit er Kant gelesen hatte.) Mit dem Katholischen hat er geflirtet, besonders in der, ebenfalls brutalen Geschichte von der Heiligen Cäcilie, der (katholischen) Schutzheiligen der Musik, die in seiner Geschichte den Ungläubigen zeigt, was eine Harke ist.
Weiterhin gibt es etwas mit Zwillingen und einem Zweikampf und dann jene ziemlich groteske Sache mit dem Bürgerkrieg auf der Karibikinsel Haiti und einem auch noch Congo Hoango getauften „Neger“, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, eine politisch unkorrekte Sache. Also, lieblich geht anders, aber monumental ist es!