Männer, die vor dem Bauch ihrer schwangeren Frau knien und mit sonorer Stimme zum Kind sprechen, sind lächerlich -- zumindest für Professor Alfred Tomatis. Denn Ungeborene nehmen nur hohe Töne wahr, und das vor allem über das Gehör der Mutter oder über ihren Kehlkopf, wenn sie selbst zum Baby spricht. Einen Großteil seines Forscherlebens hat der 1920 in Frankreich geborene Wissenschaftler der Untermauerung dieser These gewidmet, mit der er sich bereits in den 50ern von der Schulmeinung absetzte. Auf unterhaltsame Weise beschreibt er den Weg seiner Wissens-Generierung, wobei er auf Ansätze zur Theorie des Hörens eingeht und die Entwicklung der Informationsverarbeitung stammesgeschichtlich bis zur Qualle zurückverfolgt. Die praktische Anwendung seiner Erkenntnisse gipfelt im "elektronischen Ohr": Tomatis filtert über aufwendige Methoden Sprache oder auch Musik und erzeugt somit Klangbilder, wie sie (vermutlich) im Uterus wahrgenommen werden. Forschungen belegen, dass sich Schwangere, die Mozart in dieser Urtonfassung während der Geburt hören, entspannen und komplikationslosere und kürzere Entbindungen erleben. Erfolge hat Tomatis auch in der Behandlung schizophrener und autistischer Kinder erzielt, die ihm zufolge vor oder während der Geburt traumatisiert Mit der Ur-Mutterstimme werden sie mental ins fetale Stadium zurückversetzt und gewissermaßen ein zweites Mal zur Welt gebracht. Immer wieder betont der Wegbereiter der Musik- und Klangtherapie sowie der pränatalen Psychologie, wie wichtig die liebevolle Kommunikation zwischen Mutter und Ungeborenem für die spätere Entwicklung des Kindes ist. Die Aufgabe des Vaters, dessen Stimme ebenso wenig wahrgenommen wird wie das Gluckern der mütterlichen Eingeweide, besteht darin, zum Wohlbefinden der Mutter beizutragen. Das mit zahlreichen Annekdoten aus der scientific community gespickte Buch ist alles andere als ein trockener Forschungsbericht. Vielmehr gelingt es Tomatis, seine wissenschaftliche Arbeit verständlich und interessant darzustellen. --Judith Kunz