Wer etwa in meinem Alter ist, hat sie als Kind garantiert gesehen: Die US-Fernsehserie „Unsere kleine Farm“, die auf den autobiografischen Büchern von Laura Ingalls Wilder beruht. Wie ihr vielleicht wisst, habe ich die Bücher alle mehrfach gelesen und halte nicht allzu viel von der Serie, da sie, vor allem in späteren Folgen, die Geschichte unerkennbar verändert und auch die Charaktere gänzlich anders als in der Realität gezeichnet hat. Dennoch habe ich die Serie gern gesehen und schaue mir auch heute, wenn ich den Fernseher nebenher laufen habe und zufällig darauf stoße, gerne die ein oder andere Folge wieder an. Das liegt vor allem an einer Person: Nellie Oleson. Es war einfach ein Vergnügen, das verzogene Biest zu hassen! Als ich erfahren habe, dass die Darstellerin Alison Arngrim ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben hat, wusste ich: Das muss ich lesen.
Wie sehr Nellie Oleson die Gemüter bewegt hat, zeigt folgende Episode, die Arngrim zu Beginn des Buches schildert. Eine Dame nähert sich ihr während einer Autogrammstunde:
„… She quickly went from what seemed to be abject shock and horror to boiling rage. She was even shaking. She shut her eyes and took several long, deep breaths through her nose, in an obvious effort to compose herself. She then swallowed hard and opened her eyes. I thought she was going to burst into tears, but she held her head up proudly, looked at me, and announced in all seriousness, „I forgive you!“.“ (Seite x der Einführung)
Alison Arngrim schildert jedoch nicht nur ihre Zeit als Kinderschauspielerin, sondern beginnt mit ihrer früheren Kindheit. Was ich nicht wusste: Sie wurde als Kind jahrelang von ihrem Bruder missbraucht und hat sich noch als junges Kind selbst aus der Situation befreit, indem sie ihm mit der Polizei drohte. Angesichts dieser Erlebnisse ist es wirklich bemerkenswert, wie Arngrim sich ihren Humor bewahrt hat, der sich durch das ganze Buch zieht. Heute engagiert sie sich auch ehrenamtlich für Organisationen zum Schutz von Kindern vor sexuellen Übergriffen.
Arngrim erzählt uns weiterhin, wie sie zu der Rolle in „Unsere kleine Farm“ kam. An die Szene, die sie vorspielen musste, kann ich mich aus der entsprechenden Folge erinnern und zeigt eindrücklich, wie fantastisch Arngrim diese Rolle spielte. Wir nahmen Nellie Oleson alle für „granted“, aber welche schauspielerische Leistung dahinter steckt, muss man sich erst mal überlegen. Tatsächlich war Arngrim wirklich eng mit Melissa Gilbert und den meisten Cast-Mitgliedern befreundet. (Melissa Sue Anderson hat sich wohl selbst etwas von den anderen isoliert.) Wir erfahren von einigen haarsträubenden und urkomischen Situationen bei den Dreharbeiten, aber auch vom Ausstieg aus der Serie und der Trauer um Michael Landon, als dieser starb.
Eine kleine Kritik muss ich anbringen. Über Michael Landon sagt sie: „Instead, he brought about the true nature of all the characters, he said things about them that Laura Ingalls herself only implied“. (Seite 54)
Dem muss ich ganz entschieden widersprechen. Ich habe wie schon erwähnt sämtliche Bücher mehrfach gelesen und auch die einschlägigen Biografien über Laura Ingalls Wilder sowie die Urfassung ihrer Geschichte „Pioneer Girl“. Meiner Meinung nach hat Michael Landon die Charaktere bis hin zur Unkenntlichkeit verändert. Laura teilte nur einige Eigenschaften mit ihrer Serienversion und dasselbe gilt auch für die anderen Charaktere. Ich kann nicht beurteilen, inwiefern das für eine lang laufende Serienadaption nötig war und meine das auch eher als Feststellung denn als Kritik. Und es ist verständlich, dass Arngrim Landons Arbeit mit anderen Augen sieht. Ihre Verbundenheit mit ihren Schauspielerkollegen ist offensichtlich.
Es ergibt sicher wenig Sinn, dieses Buch zu lesen, wenn man „Unsere kleine Farm“ nicht gesehen und Nellie Oleson gehassliebt hat. Aber für diejenigen, die das getan haben, ist dies ein sehr unterhaltsames und Erinnerungen weckendes Buch einer Frau, die viel netter ist als das Mädchen, das sie gespielt hat.