Ein Hamburger Arzt macht sich auf die Suche nach türkischen Kampfdrogen; drei Ostindienfahrer mixen in einer Apotheke auf Java ein » unerhörtes« Elixier; der Philosoph Leibniz sucht nach frühesten chinesischen Schriftzeichen; Spanier im peruanischen Potosí müssen sehen, wie in den Minen der Teufel angebetet wird; ein jesuitischer Missionar stößt in Isfahan auf einen östlichen Hermetismus; ein heterodoxer Abenteurer übergibt dem marokkanischen Botschafter ein geheimes Manuskript und ein Vaterunser-Sammler verzweifelt an den Vokabeln der afrikanischen Khoikhoi. Was zeichnet diese vormodernen Pioniere der Globalisierung des 17. und 18. Jahrhunderts aus? Wie gelingt oder misslingt ihnen die Bezugnahme auf die fremden und fernen Gegenstände, mit denen sie sich beschäftigen? Wie sind die Ideen, die bei ihnen anlanden, durch Raum und Zeit gereist? In seinem neuen Buch deutet Martin Mulsow die Frühe Neuzeit als eine Zeit der Überreichweiten, als eine Epoche, in der Quellen und Nachrichten aus nah und fern sich überlagerten, ohne dass man mit dieser Verdoppelung zurechtkam oder sie manchmal auch nur bemerkte. Es war ein Zeitalter der riskanten Referenz, das Mulsow mitreißend und gelehrt vor unseren Augen entstehen lässt.
Mit diesem Buch knüpft Mulsow an seine Monografie Prekäres Wissen an, in der er Randgebiete des Wissens behandelt, die nach der frühen Neuzeit nicht mehr als legitime Disziplinen betrachtet wurden, ohne die doch gleichwohl die Entstehung der wissenschaftlichen Disziplinen nicht verstanden werden kann. Er nimmt diesen Faden wieder auf, fokussiert dabei aber, auf verschiedene Versuche Natur- und Kulturphänomene mit Bezugnahme auf Wissen von außereuropäischen Kulturen, oder Kenntnisse über selbige zu erklären. Sein Ziel ist es, die auf Strukturen fixierte Globalgeschichte und die auf Details fokussierende Mikrogeschichte füreinander nutzbar zu machen. Neben der „Mikroebene“ einzelner Autoren, widmet sich Mulsow daher der Analyse der Mesoebene der Interaktion von Europäern und NIchteuropäern in bestimmten kolonialen Städten (Batavia, Potosí). Die meisten behandelten Autoren sind nur Spezialisten bekannt, doch waren sie nicht reine Randfiguren, da sie durchaus mit gegenwärtig immer noch bekannten Denkern wie Leibniz und Athanasius Kircher in Verbindung standen. Ein interessanter, gelungener Nebenaspekt ist, dass Mulsow es wie im vorausgegangenen Buch hervorragend versteht, dem heutigen Leser die schwierigen praktischen Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Kommunikation in der frühen Neuzeit vor Augen zu führen.
Der Begriff Überreichweiten bringt zum Ausdruck, dass viele dieser Erklärungsversuche übers Ziel hinausschossen, etwa die Zurückführung der ägyptischen Hieroglyphen auf die chinesische Schrift. Andere Überlegungen erwiesen sich als an sich nicht haltbar wie die Frage nach den Präadamiten, Menschen vor Adam, oder alchemistische Spekulationen im kolonialen Batavia. Mulsow stellt jedoch die Frage, inwieweit derartige Überlegungen den Weg für spätere Entwicklungen bereiteten, etwa in anderen Zeitdimensionen zu denken als den biblischen 5000 Jahren seit der Schöpfung, oder in Richtung auf die organische Chemie. Im Falle der strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Finnisch, Ungarisch und Türkisch können die untersuchten Spekulationen gar als Vorläufer der vergleichenden Sprachwissenschaft betrachtet werden. So gut recherchiert mir das Buch mit Blick auf die europäischen Akteure erscheint, haben mich die Verweise auf die nichtwestliche Kultur, zu der ich etwas sagen kann, nicht durchweg überzeugt. Bei den Bezügen zum Islam stimmt die Terminologie nicht immer, ja es findet sich so gar ein grober Schnitzer, wenn der Sufi Ibn ʿArabī (1165-1240) als ein Denker eingeführt wird, der schiitische Vorstellungen von Prophetenzyklen inspiriert hat, die faktisch bereits Jahrhunderte zuvor formuliert worden waren. Das weckt selbstredend meinen Zweifel and Mulsows Darstellungen indischer und chinesischer Quellen. Das ist zwar nicht der Hauptinhalt des Buches, doch sind es nun einmal Angriffspunkte, die durch eine sorgfältigere Redigierung hätten vermieden werden können.