Friedrich Kröhnke hat viel geschrieben, zumal er das seit 1983 schon tut. Die zum Teil schönen Buchcover, die man unten sehen kann, sind noch lange nicht alles, was es von ihm gibt oder schon mal gegeben hat. Nämlich ist er in den 1980-er Jahren bei einem Pionier der schwulen Verlagslandschaft gewesen, den es heute nicht mehr gibt, „rosa Winkel“ in Berlin. Seine Bücher waren oft recht dünn, eigentlich Büchlein. In den 1990-ern und 2000-ern dann beim Literaturverlag Ammann in Zürich in der Schweiz. Dessen Verleger ist jetzt auch schon lange tot, der Verlag abgewickelt. Sodass dieses Buch schließlich beim Aachener Kleinverlag Rimbaud landete, mit dem Cover, das man hier angezeigt sieht, das aber nicht das von der von mir gelesenen Erstversion ist.
Das deutsche Feuilleton hat den ausgezeichneten Schriftsteller Kröhnke lange Zeit überhaupt nicht bemerken wollen, weil er über „heikle Sachen“ schreibt. Auflösen lässt sich das leicht und schnell und er tut es in nahezu jedem seiner Bücher nach wenigen Seiten: Es gibt da einen Protagonisten, der ein bisschen anders heißt und dessen Leben ein bisschen anders gelaufen ist, aber immer nur so, dass man sich denkt, das soll der Kröhnke sein. In einem anderen Buch hat er sich Kranich getauft, hier, bei „P 14“, P14 waren in der DDR Freizeitveranstaltungen für Jugendliche in der Altersstufe von 14 Jahren, im Buch kommt eine Schwester vor, die darf schon zur P16-Party, also hier erzählt er von Heinrich Kautz. Heinrich ist ein komischer Kauz; freiwillig fährt er fast jeden Tag vom Westen Berlins nach Berlin, Hauptstadt der DDR, tauscht, weil so vorgeschrieben, immer wieder 25 D-Mark gegen 25 Mark Ost, hat somit genug Geld, um sich auf seine erotische Pirsch nach Jungen zwischen 13 und 15 Jahren zu begeben. Der gesamte kleine Roman geht über die Knabenliebe eines Mittdreißigers, der mal Literatur studiert hat (Kröhnke wäre sogar Doktor, weil er über Jungenfiguren in der Literatur der Weimarer Republik promoviert hat), auch Gedichtbände veröffentlicht (hier die kleinen Abänderungen: Kröhnke veröffentlicht immer Prosa, die Gedichte, die er in „P 14“ einrückt, sind so besonders dann auch nicht), und jetzt der DDR-Kapitale stolzesten Sport-, Freizeit- und Badetempel abklappert, um mehr oder weniger halbnackte 13- bis 15-Jährige zu begeiern. Der Päderast. Und der 14-jährige David, nachdem ihm das aufgefallen ist, läuft hin zu ihm und bittet um die Uhrzeit.
Kröhnke ist als Teil eines wie Pech und Schwefel zusammenhängenden, notorischen Zwillingspaars in den 1960-er Jahren in Darmstadt, der Stadt der Musen, wie er irgendwo schreibt (nicht hier, hier ist er aus Kassel) aufgewachsen. Ihnen ging's gut; der Vater hatte eine leitende Stellung bei den pharmazeutischen Werken Merck. Die Mutter, aus Böhmen vertrieben, war eine Berühmtheit innerhalb ihrer Landsmannschaft, für die sie Heimatromane und Kinderbücher schrieb. Unter anderem Namen, jedenfalls: Er ist Sohn einer vielfach publizierten Autorin gewesen, wenn man sie auf der Straße auch nicht kannte, Wohmann und Krolow grüßten aber schon, wie er irgendwo anders schreibt. Natürlich gingen die Brüder ins Gymnasium und natürlich waren sie ultra-links und natürlich, Südhessen, war Darmstadt seinerzeit fest in SPD-Hand. Als die Zwillinge in der Schülerzeitung eine Kampagne gegen die Wiederwahl des Oberbürgermeisters anzettelten (oder gegen den Vietnamkrieg oder irgendwie so), flogen sie von der Schule und mussten von da ab in die benachbarte Kreisstadt Heppenheim fahren, um ihr Abitur überhaupt noch machen zu dürfen. Von dem Bruder schreibt Kröhnke (andernorts), er sei heterosexuell herausgekommen.
Er selbst studierte an der Reformuniversität in Bochum, absolvierte seinen Lehrervorbereitungsdienst in Düsseldorf. (In einem anderen Buch wurde Köln daraus, wo er im Stadtarchiv sowieso mal ein Jahr lang eine ABM-Stelle ausfüllte.) Es entstand eine lebenslange, enge Freundschaft mit einer Lehrerin und Publizistin, die er hier im Buch „Zorka“ nennt und der er, nach ihrem Krebstod, das Buch „Wie in schönen Filmen“ nachgeschickt hat, das ich hier schon besprochen und nicht eben gemocht habe. Es gehört zu einer Reihe von Büchern, die der Autor etwa nach dem Jahr 2000 für zirka zehn Jahre veröffentlichte, mit denen er um sein eigentliches Lebensthema, diese Jungen eben, herum schreibt. Man bekommt das Gefühl, dass zwar alle spitzen Zähne gezogen sind, aber unklar ist, worum und weshalb er überhaupt noch schreibt.
Man müsste an dieser Stelle was über „Die Atterseekrankheit“ sagen, Kröhnkes (bei weitest) dicksten Roman, den ebenfalls Ammann 1999 herausbrachte. Aus mir unbekannten Gründen schien das seinerzeit (anfangs) sein Durchbruch zu werden. (Nachdem er, wie gesagt, seit 1983, Büchlein auf Büchlein vorgelegt hatte.) Auf einmal war Kröhnke gut für Medien wie die FAZ oder so ähnlich (irgendwo im Netz findet man eine, offenbar von ihm selbst oder Zorka zusammengestellte, etwas peinliche Auflistung seiner Werke und der jeweiligen Rezensionen, da kann man es nachsehen). Es ist zwar ein dickes Buch gewesen, erstmals, ich kann darüber nicht schreiben, denn ich fand es so misslungen, dass ich es gleich wieder weg spendierte, lang ist das her, die Erinnerung lässt nach, sein „opus magnum“, aber es war schon merkwürdig öde, narzisstisch.
Wenn man 20 oder noch mehr Jahre älter ist und pubertierenden Jungen nachsteigt, ist das Leben oft nicht ganz einfach, manchmal auch peinlich. Es gehört nun aber zu dieses Autors Lebens- und Schreibmaximen, dass er über so etwas heiter hinweg streicht. Das Leben sei wunderbar, wenn herrliche Jungs überall nachwachsen. Mögen sie einen beklauen oder anzeigen, es war schön mit ihnen. Bei „Die Atterseekrankheit“ sehen wir ihn in aller Herren Länder mit farbigen Knaben in Nachtzügen reisen, die nicken ein an seiner Schulter, mit geöffneter Bierflasche sieht der Dichter in die tropische Nacht, es ist nur wunderbar. Arg viele Jungennamen, man hat das Gefühl, die geben und nehmen sich nicht viel. Aber der Poet muss noch sagen, wo er sonst noch überall hingekommen ist, vorgeschichtliche Ruinen im Dschungel und so. Zuerst wurde „Die Atterseekrankheit“ sehr zugeneigt rezensiert, dann fiel es vom Tisch runter, war wohl als „grenzwertig“ durchschaut, wurde daraufhin nie wieder erwähnt.
Und, wie gesagt, zwar lebte Egon Ammann noch, aber der Autor schrieb erst einmal nur noch von den Karl-May-Büchern, die er mit seinem Bruder gelesen hatte, von den um Prag zu entdeckenden Sehenswürdigkeiten, vom Zusammenbruch seiner Freundin mit Krebs im winterlichen Tallinn, von moderner Architektur in Eritrea, Flugplätzen in Katalonien, seinen Versuchen, als William Somerset Maugham in Südostasien zu enden. Was allmählich auch wieder beachtet, als „Entdeckung“ eines „geborenen Erzählers“ gefeiert wurde (der längst über 40 war, gut über 20 Jahre schon Bücher veröffentlichte). Ich habe nicht alles gelesen, das allermeiste Neuere nicht. Ich finde nach wie vor die Bücher von „Was gibt es heut bei der Polizei“ (1989, Köln) bis zu „Aqualand“ (1996, Hallenbäder) seine besten und erkläre hiermit „P 14“ zu Kröhnkes Meisterwerk. Wer ihn mal erleben will, möge hier beginnen.
Bei Friedrich Kröhnke kann man studieren, wie die „literarische Verwertung“ von weitgehend authentisch wiedergegebenem Material aus dem eigenen Leben zu würdevoller Schlichtheit, trockenem Humor einerseits, andererseits auch zu Verläppern in Banalitäten führt. Ich hatte diesen Autor wohl etwas früher schon kennen gelernt, weil er in den Regalen stand im Stuttgarter Buchladen „Erlkoenig“, als ich noch Geld hatte und ungefähr alle zwei Monate zum großen Büchereinkauf anrückte. Der Vorzug von „P 14“ ist (erstmals) gewesen, dass das keine Folge lose aneinander gereihter Episoden war, sondern sich in einer einzigen Stadt im überschaubaren Zeitraum zwischen November 1988 und Juli 1989 ereignet, mit einem erwachsenen Wessi, Hein Kautz, einem mal naiven, mal gefallsüchtigen, clownesken Pubertären, David aus der Trabantenstadt, 11. Stock Platte, nordöstlicher Rand des realsozialistischen Paradieses.
Kröhnke hätte Anfang der 1980-er Schwierigkeiten gehabt, in den Lehrerberuf hineinzukommen. Früh hatte er sich links-radikalen Gruppen angeschlossen, war x-mal bei irgendwelchen Friedensfreunden-Treffen in der DDR, bevor David in sein Leben trat. Und die „Atterseekrankheit“ muss hier doch noch erläutert werden: Nämlich ist der dort ewig und überallhin reisende Schriftsteller Sohn einer Schriftstellerin und hat gelernt, dass Dichter jederzeit lügen dürfen, wenn es sich darum dann besser liest. Die Mutter hat viel von einem Attersee-Urlaub erzählt, den sie zwar mal angedacht, in den sie in Wirklichkeit aber nie gefahren war. Wenn er also schreibt, alle sagen „Dewitt“, dann weiß man, der reale Bub hieß anders. David und Goliath ist halt eine Geschichte und auch ein Bild von Caravaggio, das Schwule vor Augen haben.
Dass das Buch, wie angedeutet, noch unterging, obwohl es vom Autor auf „Wiedervereinigungsroman“ hin gebürstet worden war, lag, neben der Päderastie, wohl daran, dass es Zeit bis 1992 benötigte und die deutsche Freude sich schon etwas gelegt hatte. Aber ich fand das seinerzeit genial. Wie einer so offen über unaussprechliche Sachen schreiben konnte, dabei zu allem, auch und vor allem: sich selbst, überlegte Distanz wahrte. Ein weiteres Schreibprinzip dieses Autors ist, dass er alles in kleine, vielleicht drei Seiten lange Episoden aufteilt, thematisch immer ein bisschen abwechselt, dass er nichts bewertet, nichts mit Stimmung aufmotzt, nichts mit Interpretationen hinterlegt. Es scheint nur das Leben selbst zu sein. (Außer dem Atterseefaktor.) Richtig empört war ich: Wieso wird das nicht endlich als ehrliches, schlankes, humorvolles Erzählen wertgeschätzt?
Um so vieles älter geworden, sehe ich heute auch etliche Schwächen des Romans. Zwar stimmt, dass Kröhnke wohl nie zuvor, nie danach einen Partner hatte, den er in seinem eigenen privaten Umfeld so oft und genau erleben konnte, mit dem er so vieles teilte, aus dem er eine gleichgewichtige Partner-Figur machen konnte. Aber irgendwie erreicht das Werk dann eine Stufe fast nicht mehr verborgener Liebe und Nettigkeit, ab der sich alles nur noch zu wiederholen scheint. Es gibt Davids Freunde, die necken ihn ein wenig, weil er mit einem Schwulen herumzieht, es gibt aber auch die Boy-Kappen, Communards-Platten, Pornoheftchen, Turnschuhe, Doc Martens, die sie gerne mal hätten. Es gibt den Friseur für paar Pfennige, das Würzfleisch, das eine überbackene Suppe ist, die „fruchtigen 12“, die David beim Wiedersehen überreicht, die Dichterhäuser im Umland, die der Westler, dessen Tagesvisum nur bis zum Stadtrand reicht, illegal aufsucht, den Baggersee, an den David wegen einem Mädchen fahren muss, eine Mutter, die taktisch praktisch immer etwas Zeit für sich benötigt, um einen Nachbarn in dessen Wohnung zu besuchen. Und und und. Als er's schrieb, wusste Kröhnke schon, dass die DDR so nicht mehr wiederkommen würde und stattdessen ihren einen Nostalgiekult hinterlassen würde.
Und ich sah, übers eigentliche Thema, diesen einen Jungen, hat er so viel dann doch nicht geschrieben. Man weiß eben nie, wieso Kautz gerade diesen Jungen liebt. (Obwohl man das auch bei Erwachsenen oft überhaupt nicht versteht, warum die einander lieben, aber sollte eine Romanschreiber da nicht ein bisschen mehr rausholen?) Es ist also ein 14-Jähriger, der in der Schule schlecht mitkommt, beim Breakdance aber gut ist, recht klein, dafür unverhältnismäßig große Augen, Ohren, Nase, Mund. Man versteht, wenn einer auf 14-Jährige steht, ist er im Paradies, wenn er mit so einem neun Monate zusammen sein kann. Man fragt sich schon auch, ob die Leute nicht, - und David ja auch -, zu einigem bereit sind, solange jemand, der sich uns als oft Arbeitsloser vorstellt, der zwischendurch kleine Jobs bekommt, Hilfe im Museum oder so, ihnen die Jacken und Musikanlagen vorbeibringt, deren Westpreise er sich 1 zu 1 in Mark der DDR verrechnen lässt.
Ich zitiere eine Stelle aus dem Buch. Wer bisher schon dachte, dies sei ein gefährliches Buch, das es am besten gar nicht gäbe, liest vielleicht nicht.
Mutter Fröhlich klopft. Die Mutter des Jungen bekommt er nicht mehr zu sehen; sie ist bei Leo nebenan.
Irgendwann fing ich zu spekulieren an, wie das wohl endet. Es schien ein Buch nach der Reich-Ranicki-Regel zu sein: „Er schreibt über die Liebe, also schreibt er davon, wie die Liebe endet“. Verpetzt ihn die Gang? Ringt die Mutter sich doch durch, mal was zu merken? Läuft das mit den Mädchen jetzt an? Sollte der gleichaltrige Micha erhört werden, der David wie ein Hund oder Bettvorleger zu dienen bereit ist?
Nachdem ich mit dem Buch nun fertig bin, sage ich, längere Zeit hat Kröhnke das auch nicht gewusst. Dann kam er, leider, wie ich denke, zur Entscheidung, ein Wiedervereinigungs-Feierstunden-Buch aus der Päderastensicht zu schreiben. Bis Anfang Juli scheint die Sache so in etwa wirklich mal gewesen zu sein. Mutter und deren Freund haben sich auf einen Zeltplatz bei Potsdam verzogen, Kautz hat ein Dauervisum für die Hauptstadt erhalten, ist Tag und Nacht mit dem Knaben allein zu Haus. Man hat schon von paar Tagen an der Ostsee (im Haus eines Dichterkollegen) gesprochen. Dazu kommt es nicht mehr. So beiläufig, dass man es zuerst gar nicht merkt, fallen sie auseinander. Die Mädchen, ja, die Mädchen! Also nicht denken, dass er abnormal wäre, sagt David, aber es erregt ihn halt immer noch sehr. Ob er das denn irgendwie pervers finde, fragt Kauz. Der Junge sagt, na ja, normal ist es nicht, er macht das auch nicht mehr lang. Kauz steht auf, okay, ich geh jetzt, das war's. Und da erst merken wir, dass es eine Trennung war. (Attersee?)
Es kommen noch Kapitel. Da fährt Kautz extrem lange mit Zorka, dann alleine, in Italien herum, damit all diese Dinge von wegen Leipziger Montagsgottesdienste, Prager Botschaft, zerschnittener Grenzzaun beim Neusiedler See sich ereignen können. Dann fährt Kauz noch einmal nach Ost-Berlin. Und David ist noch da, aber momentan gerade woanders. Sie sehen sich erst, als die Mauer überstiegen wurde. Halten sich im Arm, küssen sich, niemand achtet darauf. Zwei Deutsche, die zusammengehören. Glauben tut's keiner so, war aber gut gemeint damals.
(Wie angedeutet: Den Autor sehen wir hinfort eher in Eritrea, Thailand, Vietnam und Indonesien. Kröhnke scheint mehr oder weniger nie zu arbeiten und dennoch immer etwas (ja nicht viel) Geld zu haben. Attersee.)