GARFINKEL, Jonathan: „Platz der Freiheit“, Berlin 2023
Durch die Lesung des Autors im Rahmen des Kulturfestivals „Literatur und Wein“ im Stift Göttweig bin ich auf dieses Buch gestoßen. Es hat mich nicht nur wegen der sehr guten Formulierungen, sondern wegen des Themas angesprochen.
Ein amerikanischer Student bekam in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ein Stipendium für einen Aufenthalt in Moskau. Weitere Abschnitte des Romans führen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Zeiten in Russland, die auch ich dienstlich erlebte. Zwar war ich zehn Jahre früher als Student in Moskau und Leningrad, aber die Verhältnisse hatten sich nicht wesentlich verändert und ich kam – wie der Proponent dieses Buches – zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder, um für meinen Arbeitgeber Firmen in Russland und den Ex-sowjetischen Republiken zu gründen. Der auf Realitäten aufgebaute Roman erzeugte für mich schon Spannung, bevor ich noch zum Lesen begonnen hatte. Wie wird dieser kanadische Schriftsteller die Situation sehen? Ein großer Unterschied zu meinen Erfahrungen?
Dass ein amerikanischer Student nach Moskau kam, war schon eine Besonderheit. Er wurde umworben und bewacht. Russen interessierten sich, wie es in Amerika sei. Ob wirklich alles besser sei. Im Unterschied zu den politisch engagierten, die meinten zu glauben, was in Amerika alles schlecht sei, und zählen die Verfolgung der Indianer und die Unterdrückung der Schwarzen auf. Einer seiner russischen Betreuer, ein 35jähriger Genetiker, hat ein Buch geschrieben, dass er gerne im Westen veröffentlichen will. Er gibt das Manuskript dem jungen Amerikaner und es kommt in Abschnitten im Buch. Es ist seinem Sohn für ein besseres Leben gewidmet. Er kritisiert unverblümt Stalin und die damaligen Wissenschaftler, die nicht im Sinne der Sache, sondern für die Politik forschten. Sinnlose Ergebnisse wurden publiziert: „…man müsse den Schwanz einer Katze kappen, damit sie schwanzlose Junge zur Welt bringe.“ (Seite 36) Als sein georgischer Freund Aslan mit einem weiteren Georgier – Zazan - verschwindet, fordern ihn andere auf ihn zu suchen und er macht sich auf nach Georgien in das Dorf von Aslan.
Die Erzählung springt ins Jahr 1989 und beschreibt anhand von Personen die Unabhängigkeitsbewegung Georgiens. Es ist Tamar, die Tochter von Zazan, dem 1974 aus Moskau entschwundenen Studenten. Sie wird von Zieheltern aufgezogen. Gemeinsam mit ihrem Freund Dawit erlebt sie das Massaker in Tiflis, in dem bei einer Demonstration viele Menschen sterben. Fünf Jahre später ist Georgien eine selbstständiges Land, aber mit großer Not. Die beiden jungen Leute schlagen sich durch. Tamar erfährt von der Ziehmutter, wer ihre eigentlichen Eltern sind. Sie bittet den Jugendfreund Dawit sie zu heiraten. Sie tut es, weil er homosexuell ist und so in der Gesellschaft nicht überleben könnte. Eine große Hochzeit wird gefeiert. „Im Morgengrauen stößt Tamar in einem Winkel des Landhauses auf Dawit und Schota, den Priester. Die Leidenschaft, mit der sie sich unter einem Deckbett tummeln, erstaunt sie. Tamar ist nicht auf Liebe in Gestalt stürmischer Hingabe aus, an so etwas glaubt sie nicht. Trotzdem liebt sie Dawit, und sie liebt es, dass er den Priester liebt, der sie getraut hat, und sei es nur für eine Nacht.“ (Seite 83)
Viele Personen bevölkern den Roman, aber man kann allen folgen. So trat der Sohn eines Freundes ihres Vaters in ihr Leben. Er handelte mit Waffen in großem Stil und damit bekam sie Einblick in das korrupte Leben des Landes, in dem Macht und Gewalt bestimmend sind. Mit ihrem Freund will sie etwas dagegensetzen und sie produzieren ein Video über einen Banküberfall. Sie mit einer Spielzeugpistole und der Freund als Kameramann. Sie erbeuten aber echtes Geld. Bei der Premiere des Videos in einer Disco wird das Geld verteilt. Dann tritt eine weitere Person in Tamars Leben: eine Kanadierin. Eine Jüdin aus den Baltischen Staaten. Sie arbeitet in Georgien für eine NGO und engagiert Tamar. Sie wollen eine Demokratie aufbauen. Auch Dawit macht mit. Er schrieb seinen ersten größeren journalistischen Beitrag, der aber nicht in Georgien, sondern in Deutschland publiziert wurde „In einem Land ohne Hunde kläffen die Katzen.“
Durch ihre Performancekunst, die sich gegen die Regierung Schewardnadse richtet, wird das Leben für Tamar gefährlich. Ihr Ehemann wird wegen seiner oppositionellen, journalistischen Aktivitäten ermordet. Sie folgt der Einladung ihrer Förderin Rachel Grabinsky, der Leiterin einer NGO in Georgien und bekommt in Kanada den Job einer Lehrbeauftragten an einer Universität. In Kanada stellt sich heraus, dass Rachel eine angesehene Professor ist. Tamar wollte nur ein Jahr bleiben. Es wurden dann aber drei. Ihre Förderin stirbt und sie verliebt sich in deren Sohn. Nach dem Begräbnis bekommt sie Informationen über ihre Mutter und verlässt kurzfristig Kanada in Richtung Georgien. Eine abenteuerliche Reise steht bevor. Der Flughafen in Tiflis ist geschlossen. Sie nimmt in Istanbul einen Bus und ist mehrere Tage unterwegs. Nach der georgischen Grenze wird sie gekidnappt und kann sich befreien. Ein Abenteuer folgt dem nächsten. Joseph, der Sohn von Rachel folgt ihr und taucht in die Welt Georgiens ein. Letztlich treffen sie in einer einsamen Kirche zusammen. Tamir hat hier auf abenteuerliche Weise ihren Vater ausgekundschaftet und Joseph seinen Vater gefunden. Sie mussten auch feststellen, dass sie dieselbe Mutter hatten. Eine Mutter, die mehrere Identitäten hatte.
Es kommt zu Vergeltungen. Tamar fragt Joseph „Was meinst du war zuerst da? Der Hass oder die Angst?“ Die beiden kehren nach Tiflis zurück, wo sie den Machtwechsel und die Demonstration miterleben. Saakaschwili übernimmt in friedlicher Form die Macht von Präsident Schewardnadse.
Georgien war immer wieder von anderen Mächten besetzt. Jetzt hatten sie die Freiheit und Selbstständigkeit. „Von welcher Zukunft träumt Tamar? Wo werden sie und Joseph, Annas Kinder leben? Was ist Freundschaft, was Verwandtschaft, wo zieht man die Grenzen der Liebe?“ (Seite 405) Joseph, der Investor in Kanada ist, beschließt in Tiflis zu bleiben und ein Schallplattengeschäft zu übernehmen.
Beim Lesen habe ich mich oft gefragte „Wie schafft es dieser kanadische Autor die Situation der untergehenden UDSSR und des Entstehens der neuen Staaten Russland und Georgien so greifbar nah zu beschreiben?“ Er wirkt so, als wäre er der Bruder der georgischen Schriftstellerkollegin Nino Haratischwili (Das achte Leben (für Brilka)).
Im letzten Kapitel, das sich „Dank“ nennt, gibt der Autor Einblick, welche Anregungen er für diesen Roman bekommen hatte und von wem. Sehr selten, dass Schriftsteller sich in die Karten schauen lassen. Aber so wird dieser Roman noch glaubwürdiger.