"Libidissi" ist Georg Kleins Erstling, wobei der Roman wenig von der Unsicherheit eines Erstlings hat.
„Libidissi“ ist ein Roman, der sich leicht als Science Fiction lesen lässt, aber für sich stehen kann. Ein Fall von Gattungsvergessenheit, geschrieben ohne Rücksicht auf Gattungsgrenzen. In diesem Fall ist ein Werk von literarischem Gewicht entstanden, das bei aller Phantasie und untergründig sich an unsere Erfahrungswelt anschließen lässt, weil sie neben anderem auch das Verhältnis von Westen und dem unergründlichen Orient thematisiert. (Die Literaturkritik drückt das so aus: "Wenn Stifter einen Agentenroman geschrieben hatte....", dann wäre ein solcher Roman dabei herausgekommen. Eigentlich verraten solche Sätze eine Lektüre, die sich der Phantasie und der inhaltlichen Auseinandersetzung verweigert.)
Libidissi ist ein fiktiver Ort irgendwo in Nordafrika (so will es dem Leser scheinen), in dem westliche Kultur und Orient eine eigenartige Melange eingehen. Auch ein Ort, der sich dem aufgeklärten westlichen Denken immer wieder entziehen kann. Der zeitliche Rahmen der Handlung ist seltsam unbestimmt. Man kann den Roman in einem eigenen Universum ansiedeln oder ihn in die nahe Zukunft transportieren. Aber das ist nicht wichtig.
Die Figuren sind vielfältig: Einer der Erzähler der deutsche Agent Ich=Spaik, seine Nachfolger, ein Pärchen, bis zur Überheblichkeit selbstbewusst. Doc Zinally, ein Arzt, dessen Kenntnisse sich verbergen hinter seinen rassistischen Anschauungen. Freddy, Besitzer eines Dampfbades, von ihm bezieht Spaik die meisten Informationen. Lieschen, ein Waisenkind, das Spaik bei sich aufgenommen hat. Beide verbindet eine wortlose Innigkeit.
Und da ist da noch der Prophet, der große Gahi, und seine radikal nebulöse und viel ausdeutbare Lehre, sein spektakulärer Selbstmord, der den Einfluss der Bewegung, die Wirkung der von ihm gestifteten Religion nur vertieft hat und den Anhängern die Bereitschaft der Selbstaufgabe, Selbstvergessenheit vorgelebt hat. Kleins Einfälle verblüffen oft, aber seine Phantasie erschafft bei aller Abstrusität doch eine lebendige und glaubwürdige Szenerie und ist durchsetzt mit vielen Anspielungen.
Die Sprache ist kunstvoll ausgearbeitet und durch ihre Präzsion nicht verquast. Die weitgespannten Sätze bilden die Differenziertheit des Erzählens nach.
Für Spannung ist auch gesorgt, denn am Schluss steht die Konfrontation Spaiks mit seinen Nachfolgern, von denen er weiß, dass sie ihn eliminieren müssen. Zudem wagen die Gahisten einen Aufstand von explosiver Wucht, der sich gegen die UNO und alles Fremde in der Stadt richtet.
Auch das Cover des Buches wusste zu gefallen, denn es zeigt den Plan einer Stadt, die den Umrissen nach wie ein Mensch Kopf und Glieder zu besitzen scheint. Der phantastisch-unergründliche, unverwechselbare Charakter von Libidissi bekommt auf diese Weise einen bildlichen Ausdruck.