100 Jahre – 100 Geschichten. Erinnert an der Menge der Geschichten in einem Band ja erstmal an Boccaccios "Dekameron", da endet die Gemeinsamkeit aber auch. Es gibt keine übergeordnete Geschichte, die den Erzählungen einen gemeinsamen Rahmen bietet, wie eben diese zehnköpfige Gesellschaft des pestgeplagten Florenz, die ein Landhaus außerhalb des Ortes ansteuern und sich dort an zehn Tagen jeweils zehn Geschichten zum Vergnügen und zur Ablenkung vortragen.
Nein, hier gibt es nur eine Sammlung von 100 Geschichtchen – meist drei, vier Seiten lang –, die irgendwie mit dem Jahr zutun haben, das in der Überschrift genannt wird, also von den Jahren 1900 bis 1999.
Interessant war es! Eine kleine Lektion in deutscher Geschichte, denn, das kam auch noch dazu, alles hatte irgendwie mit Deutschland zutun. Vom Kaiser, der seinen Soldaten für den Einsatz in China (dem Boxeraufstand) einheizt, über die zwei Weltkriege, der 68er-Bewegung, den RAF-Terroristen, bis zum Mauerfall und dem Aufkommen der Skinheads im Osten nach der Wende.
Wie das auch die wundervollen Chronikbücher des Chronik-Verlages machen, gehen Grass' Geschichten nicht nur auf politische Angelegenheiten ein. Das wäre über 100 Geschichtchen lang doch ziemlich ermüdend. Nein, man liest daneben von sportlichen, von kulturhistorischen Begebenheiten, von Trends und Veranstaltungen. Ganz früh zum Beispiel von der aufkeimenden Beliebtheit des Radsports in den frühen 1900er Jahren, oder die Beliebtheit amerikanischer Tänze, dem Charleston, den Twist usw.
Auch Schriftsteller finden sich hier wieder; natürlich Grass selbst in einigen Kapiteln, wie er den Erfolg seines Erstlings beim Tanzen im Haus seines Verlegers feiert, oder in einer Lesung mit Schriftstellerkollegen aus dem Osten Teile seines Butt vorträgt.
Aber da sind auch andere Kaliber. Gottfried Benn und Bertolt Brecht, die gemeinsam spazieren gehen und ihre Werke loben, aber auch ironische Seitenschläge austeilen und einstecken.
Und noch eine meiner Lieblingsepisoden, wobei das eher fünf, zusammenhängende sind: Die Jahre 1914 bis 1918 werden mit einem durchgängigen Interview einer schweizerischen Journalistin beschrieben, deren beide Gesprächspartner zwei weltbekannte Nachkriegsschriftsteller sind, die Bescheid wissen müssen. Es sind Ernst Jünger und Erich Maria Remarque. Beide könnten sie nicht unterschiedlicher sein in ihren Ansichten zum Krieg. Obgleich ich noch nichts von Jünger gelesen habe, halte ich diese fünf Kapitel für recht gelungen beim Wechselspiel dieser beiden Charaktere.
Natürlich gab es auch belanglose Kapitel, das eingangs erwähnte Radfahrerkapitel, das mich wenig interessierte, oder wenn etwa eine alte Dame in einem späten Jahr in den 80ern für Boris Becker und die Lindenstraße schwärmt, die sie immer gemeinsam mit ihrer Nachbarin, bei Verzehr von Selbstgebackenen, anguckt.
Diese Episoden hielten sich aber in Grenzen. Den meisten konnte ich etwas abgewinnen.
Das mag auch darin liegen, dass Grass sich nicht scheute, Zeitzeugen von historischen Persönlichkeiten als Erzähler zu nutzen. Ein Bediensteter des Kaisers beispielsweise, der einer unbestimmten Person schreibt, wie gern seine ew. Hoheit in den niederländischen Wäldern Bäume fällt und nur darauf wartet, wieder nach Deutschland zurückgerufen zu werden.
Für mich als Geschichts-Interessierten war diese Instrumentalisierung solcher Figuren ein kleiner Quell von andauerndem Interesse und Spannung, ganz gleich, ob ich mit der historischen Persönlichkeit schon vertraut war, oder nicht.
Alles in allem ein gelungenes Werk, dass sich nicht abgenutzt hat, oder höchstens nur ganz geringfügig.