Jacques Rancière widerspricht in "La mésentente" der Idee, dass die nachsowjetische Konsensdemokratie eine Rückkehr der Politik sei, und sieht darin vielmehr deren Liquidierung. Echte Politik definiert er als das paradoxe Eingreifen der "Anteilslosen" (sans-part) – also jener, die keinen traditionellen Anspruch auf Macht durch Geburt, Reichtum oder Wissen besitzen. Der moderne "Konsens" neutralisiert genau diesen Anteil, indem er Politik auf die bloße Verwaltung der ökonomischen Dominanz reduziert. Das Buch zeigt auf, wie diese scheinbar friedliche Verwaltung stattdessen neue Formen von Ausgrenzung, Hass und Gewalt hervorbringt, was die ungebrochene Aktualität seiner Analyse beweist.
Rancière trifft dabei eine zentrale Unterscheidung zwischen der "Politik" (la politique) als dem Moment des Streits und der "politischen Philosophie", die diesen Streit historisch (etwa als Archi-, Para- oder Meta-Politik) beenden will. Politik ist für ihn die "Mésentente" (der Zwist), bei dem die "Ungezählten" die bestehende "polizeiliche" Ordnung der Güterverteilung herausfordern und Gleichheit einfordern. Demokratie ist dabei kein Idealzustand, sondern die bloße Bedingung der Möglichkeit für Politik – also gerade keine stabile Regierungsform, sondern der disruptive Moment der Gleichheitsforderung selbst – also der Moment, in dem die Ausgeschlossenen überhaupt sprechen können.Das Paradox der konsensualen "Post-Demokratie" besteht darin, dass das Ende des politischen Streits eine neue Xenophobie oder Diskriminierung hervorbringt, da Konflikte nun auf "reale" Ursachen wie die ethnische Herkunft zurückgeführt werden.
Abschließend sei jedoch in aller Schärfe auf das Paradoxon hingewiesen, das in der (scheinbaren) Abnahme des "Anteils der Anteillosen" liegt:
Wenn die post-demokratische Ordnung den Anspruch erhebt, alle Konflikte im Konsens aufzulösen und jeden "Anteil" restlos zu verwalten, entzieht sie der Politik selbst den Boden. Politik, im Sinne Rancières, existiert nur durch das Aufbegehren derer, die ungezählt sind.
Ein Zeitalter, in dem der "Anteil der Anteillosen" stetig abzunehmen scheint, ist demnach ein Zeitalter, in dem die politische Subjektivität selbst erlischt und der fundamentale Zwist (la mésentente) dem reinen Management der "polizeilichen" Ordnung weicht. Es ist die Stille, die nach dem Ende der Politik eintritt.