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Der große Aufbruch: Globalgeschichte der Frühen Neuzeit (Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung)

Mit der europäischen Entdeckung Amerikas und der Etablierung des Schiffsverkehrs zwischen den Kontinenten begann eine neue Epoche der globalen Geschichte. Die Kontakte und der Austausch zwischen den Zivilisationen dieser Welt wurden immer vielfältiger – damit freilich auch die Konflikte. in seinem fulminanten, bravourös geschriebenen Buch entfaltet Wolfgang Behringer ein weltumspannendes Panorama der Frühen Neuzeit, das die Entwicklungen aus der Perspektive aller beteiligten Kulturen schildert und dadurch ein ganz neues Bild dieser Zeit präsentiert.

Im Mittelpunkt dieser neuartigen Geschichte der Frühen Neuzeit stehen globale Ereignisse, die den Gang der Weltgeschichte veränderten, globale Orte, die Knotenpunkte des Austauschs bildeten, globale Themen und Strukturen wie Kolonialismus und Rassismus. Wolfgang Behringer nimmt die Leserinnen und Leser mit auf die Reise nach Afrika und Amerika ebenso wie nach Indien und Indonesien, nach Russland, China und Japan und durch das damalige Europa, das seinen zivilisatorischen Rückstand gerade erst aufholte. Sein Buch beschreibt die großen Zusammenhänge und erzählt gleichermaßen von einzelnen Menschen, die diese Zeit erlebten und gestalteten. Es schildert die Weltgeschichte einer großen Epoche für unsere Zeit und ist zugleich ein wahres Lesevergnügen.

1987 pages, Kindle Edition

Published October 17, 2023

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Wolfgang Behringer

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Profile Image for Martin Riexinger.
375 reviews47 followers
May 19, 2024
Das Buch orientiert sich an Jürgen Osterhammels Die Verwandlung der Welt über das „lange 19. Jahrhundert“, und versteht sich offenkundig als Gegenentwurf zu Wolfgang Reinhards Die Unterwerfung der Welt über die europäische Expansion, beide von ähnlichem Umfang und beide in derselben Reihe bei Beck erschienen. Hinter Osterhammel fällt das Werk allerdings deutlich zurück. Von Reinhard hebt er sich dadurch ab, dass einer der grundlegenden Gedanken die Zurückweisung der "schwarzen Legende", Europa (bzw. der Kolonialismus) sei an allem Übeln der Welt schuld.
Behringer definiert den Begriff Frühe Neuzeit nicht präzise, implizit geht er aber von einer “langen Frühen Neuzeit“ aus, die mehr umfasst als den Zeitraum zwischen 1500-1800. das ist Blick auf die Zeit davor ein Gewinn, mit Blick auf das offene Ende dagegen ein Manko; zu beidem unten mehr. Behringer versucht die Balance zwischen der europäischen Sonderrolle und den Entwicklungen anderer Regionen zu halten, was nicht immer gelingt. Seine Methode beschreibt er als Mikrohistorie, mit einzelnen Fallstudien versucht er bestimmte Problematiken zu beleuchten, dass führt allerdings of dazu, dass er sich im Anekdotischen verliert.
Pluspunkte:
1. Behringer unterstreicht, dass europäische Seefahrer die Vernetzung aller Kontinente zuwege brachten, in der Darstellung der Vorgeschichte verdeutlicht er allerdings auch, dass diese Vernetzung auf der – ebenfalls durch brutale Eroberungen erreichte – Vernetzung Eurasiens durch die Mongolen aufbaute.
2. Mit Blick auf die Eroberung Amerikas durch die Spanier betont er, dass diese nicht allein mit brutaler Gewalt erfolgte (im Gegensatz zu der Unterwerfung weiter Teile Mexikos durch die Azteken), sondern in vielen Fällen auf der Kooptation lokaler Eliten und Gegeneliten beruhte. Dass innerspanische Kritik die Grundlage für die Entwicklung der Idee der Menschenrechte war, ist an sich bekannt, wird aber zurecht noch einmal hervorgehoben.
3. Ebenso wird dargestellt, dass die Expansion des europäischen Handels und die zunehmende europäische politische Kontrolle, in Asien zu erheblichen Bevölkerungsverschiebungen führte, wobei aber Europäer daran kaum einen Anteil hatten. Stattdessen wanderten Chinesen und zunächst auch Japaner in großem Umfang nach Südostasien aus.
4. Am meisten überzeugt Behringer, wo er den Fokus sein Spezialgebiet Klimageschichte richtet. Bei der Schilderung globaler Klimaereignisse und ihrer ökonomischen und politischen Konsequenzen stellt er die Zusammenhänge her, die man sonst öfters im Buch vermisst.

Schwachpunkte:
1. Innereuropäische soziökonomische Dynamiken vernachlässigt allzu oft.
a. So hebt er hervor, dass außereuropäische Mächte nur ein geringes Interesse an europäischen Waren hatten und Europa daher stets ein Handelsdefizit mit China, Indien etc. hatte. Das liegt aber doch auch daran, dass die Eliten – mit der markanten Ausnahme von Japan – primär an Luxusprodukten interessiert waren, nicht an verbesserten Produktionsmethoden etc. Im 19. Jh sollten sich dann die Konsequenzen zeigen. Dass Handelsdefizit war für die Europäer doch wohl von geringer Bedeutung, weil wachsende Binnenmärkte und zunehmender innereuropäischer Handel viel stärker ins Gewicht fielen.
b. Geht es um die industrielle Revolution liegt der Fokus auf der Dampfmaschine, Jacquards programmierten Webstuhl sucht man vergeblich, Wedgwood wird einmal als Abolitionist erwähnt, dass er bei seiner industriellen Keramikproduktion das zunehmende chemische Wissen nutzbar machte, wird nicht behandelt.
c. Unbehandelt bleiben auch die historisch einzigartige Alphabetisierung Nordwesteuropas seit dem späten 16 Jahrhundert.
d. Keine Aufmerksamkeit findet die Verknüpfung Skandinaviens und den Ostseeraums mit der niederländischen und britischen maritimen Expansion, obwohl Holz und Eisen sowie im Falle der Niederlande auch Seeleute von dort bezogen wurden.
2. Bei der Schilderung der nordamerikanischen Geschichte (und auch bei der Karte im hinteren Einband erscheint es so, als spiegelten die spanischen/ mexikanischen, französischen Gebietsansprüche politische Realitäten wider, da de facto die Comanchen und andere Indigene das die Great Plains beherrschten, was ironischerweise am Anfang kurz vermerkt wird. Teilweise scheint Behringer die Übersicht über das Material verloren zu haben.
3. Besonders fielen mit Fehler bei meinem Fachgebiet Islamische Welt auf. Eine Karte suggeriert, dass abbasidische Kalifat sei 1258 noch ein relevanter politischer Faktor gewesen und nicht ein zentralirakischer Kleinstaat. Der Reiseschriftsteller Ibn Baṭūta hat erfunden und plagiiert, der Quellenwert seiner Reisebeschreibung muss skeptisch bewertet werden. Der Begründer des Wahhabismus Ibn ʿAbd al-Wahhāb erscheint mal mit korrektem Namen, mal als ʿAbd al-Wahhāb, dass der zentrale Punkt seiner Lehre die Zurückweisung des Sufismus war, also des prägenden Elements des religiösen Lebens in der islamischen Welt jener Zeit wird nicht gebührend vertieft.
4. Zuletzt zieht Behringer recht hurtig Linien vom frühen 19. Jahrhundert zur Situation der Gegenwart, alles dazwischen wird allenfalls gestreift, sodass die Erklärung der Zusammenhänge meist sehr oberflächlich ist.
Stören sind viele kleine Schlampereien. New South Wales liegt in Südost- nicht Südwestaustralien, St. Pierre et Miquelon liegen nicht in der Karibik sondern vor Neufundland etc.

Ich habe etwas zwischen 2 und 3 Punkten geschwankt, wegen der vielen interessanten Details zeige ich mich jedoch gnädig.
Profile Image for WildesKopfkino .
1,320 reviews11 followers
September 29, 2026
Geschichte kann trocken sein. Muss sie aber nicht. Wolfgang Behringer macht aus der Frühen Neuzeit eine Weltreise, bei der ich mich mehr als einmal dabei ertappt habe, etwas nachschlagen zu wollen. Von Europa geht es nach Afrika, Amerika, Indien, China und Japan. Das macht den Reiz aus.

Statt Geschichte nur aus europäischer Sicht zu erzählen, öffnet Behringer den Blick und zeigt, wie eng die Entwicklungen verbunden waren. Handel, Entdeckungen, Macht, Religion, Kolonialismus und Rassismus greifen ineinander. Besonders spannend fand ich die vielen kleinen Geschichten über Menschen, die diese Veränderungen erlebten. Dadurch bleibt das Ganze lebendig ohne zum Stapel Jahreszahlen zu werden.

Natürlich ist dieses Buch ein ordentlicher Brocken. Über tausend Seiten brauchen Zeit und Konzentration. Dafür steckt viel Wissen darin, und kleine Episoden haben mich immer wieder gepackt.

Der große Aufbruch ist kein Buch für zwischendurch, sondern eines, in dem man sich verlieren kann. Ich habe gestaunt, gelernt und mich mehrfach dabei ertappt, noch ein Kapitel lesen zu wollen. Eine beeindruckende Reise durch die Weltgeschichte, die zeigt, wie wenig Geschichte jemals nur an einem Ort passiert.
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