Die Gewalttäter werden jünger, brutaler, skrupelloser und die Gesellschaft mit diesem Problem hilfloser. Die Berliner Jugendrichterin Kisten Heisig war nicht bereit, das hinzunehmen. So wollte sie nicht akzeptieren, dass bei Jugendlichen zwischen Straftat und Gerichtsverhandlung viele Monate vergehen und entwickelte das Neuköllner Modell. Hier findet nach einfachen Delikten von Jugendlichen innerhalb von drei Wochen die Gerichtsverhandlung statt. Die schnellen Strafen haben damit einen größeren Wirkungseffekt bei Tätern und Opfern. In ihrem Buch »Das Ende der Geduld« erläutert sie das Modell und deren Durchsetzungsweg, beschreibt Lebensläufe jungendlicher Krimineller, schildert Straftaten und Verfahren, benennt die Situationen an Schulen, Jugendämtern und der Polizei. Heisig liefert Fakten und aber auch Lösungsvorschläge, wie z.B. die Vernetzung von Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendamt, Schulen, Behörden, Institutionen und Eltern funktionieren sollte. Dabei wirft sie auch einen vergleichenden Blick ins europäische Ausland. Im ihrem Buch fordert die Richterin die Beseitigung von Handlungsdefiziten und eine ehrliche und notwendige Debatte in der Bekämpfung von Jugendkriminalität. Kirsten Heisig verstarb unerwartet Ende Juni 2010 in Berlin.
Einerseits wirklich interessante Strategien und Ansätze. Andererseits ist mir die Forderung nach generalpräventiven Maßnahmen wie einer Ganztageskindergartenpflich für alle Kinder zuwider, wenn damit erreicht werden soll, dass benachteiligte Kinder nicht auch tagsüber in ihren Familien verbleiben. Weshalb sollten nicht benachteiligte Kinder deshalb des Glückes beraubt werden, ihre Nachmittage im tatsächlich trauten Familienkreis zu verbringen und ggf. auch ersten Hobbies nachzugehen?
Stilistisch und auch inhaltlich wahrlich kein Hochgenuss. Jugendrichterin aus Neukölln stellt ihre Sicht der kriminellen Jugendszene dar und verkündet ihre Ideen, wie besser mit der prekären Lage umgegangen werden kann/müsste. Letztlich geht es für sie fast ausschließlich um Gewalt, die von ausländischen Jugendlichen begangen wird. Ich weiß, dass es statistisch gesehen tatsächlich so ist, dass mehr Gewaltdelikte von Jugendlichen mit Migrationshintergrund begangen werden. ABER das Ganze so polemisch, platt und verallgemeinernd in ein Buch zu schreiben, finde ich beschämend. Wie um sich abzusichern, fängt Frau Heisig dann an, zig Bezeichnungen in Anführungszeichen zu setzen. "Rechte", "Linke" und "Libanesen" z.B. Als sie im letzten Teil von den Roma erzählt, die ihr auf unwirsche Art die Autoscheibe putzen wollen, merkt sie nostalgisch an, dass sie sich da doch die "Freaks mit den bunten Haaren und den vielen Piercings" zurückwünsche...ohen Worte. Da spricht keine Richterin, sondern ne verklemmte Mutti, die die Ursache für Gewalttaten im Konsum von Rap-Videos und Killerspielen sieht. Und weil die Türken ihre Kinder schlagen. Und überhaupt. Ich rege mich schon seit Seite 20 darüber auf. Aber nu isset rum. Endlich.
Für ihr aufrüttelndes Plädoyer, Kinder, besonders aus Familien mit Migrationshintergrund, vor einer Karriere als Schulabbrecher und Intensivtäter zu bewahren, zieht Kirsten Heisig Daten aus ihrer Tätigkeit als Jugendrichterin im Berliner Bezirk Neukölln heran. Dieser Stadtteil mit 300.000 Einwohnern, die aus mehr als 160 Nationen stammen, gelangte durch das engagierte Auftreten des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky in den Mittelpunkt öffenlichen Interesses. Die Autorin konzentriert sich in ihrer Darstellung auf beispielhafte kriminelle Karrieren von Jugendlichen aus anonymisierten abgeschlossenen Strafverfahren, die sich auch bei Kindern deutscher Herkunft meist schon sehr früh abzeichnen. Am Schicksal der Kevins und Kimberleys in Berlin-Pankow zeigt sie die Kombination aus Vernachlässigung, Alkoholkonsum der Eltern, Schulabbruch und Gewalt auf. Schon an ihrem ersten Arbeitsplatz erlebte Heisig (damals noch als Staatsanwältin) das Durchreichen von gefährdeten Kindern zwischen Familie, Pflegefamilie und Heim, bis sie irgendwann das 18. Lebensjahr vollendet hatten und auf der Straße landeten. Der Blick in den Alltag einer Jugendrichterin zeigt, was genau eine zügige Strafverfolgung verhindert und entlarvt die Forderung nach neuen Gesetzen oder strengeren Strafen durch Politik und Medien als puren Populismus. Die deutschen Gesetze sind nach Heisigs Erfahrung ausreichend, sie müssten nur konsequent und bei Jugendlichen zügig umgesetzt werden. Eine schnelle Reaktion - nicht erst zwei Jahre nach der Tat - sei gerade bei noch nicht strafmündigen Jugendlichen wichtig, die durch Sachbeschädigung oder Beleidigung zum ersten Mal die "Muskeln spielen lassen".
Für Neukölln wartet Heisig mit nach Delikten differenzierten Zahlen auf: Bei Verfahren wegen Gewalt, Raub, Körperverletzung oder Sexualdelikten sind Jugendliche ausländischer Herkunft 1,7-2,4x öfter verdächtigt als deutsche Jugendliche, bei Raubmord sind 8 von 13 Verdächtigen unter 21, bei Einbruchdiebstahl 38%. Je nach Delikt hat sie eine Zunahme der Verfahren innerhalb der letzten 20 Jahre um 124 bis zu 274% festgestellt und verzeichnet 550 Intensivtäter. (71% der Jugendlichen Intensivtäter in Berlin haben Migrationshintergrund, in Neukölln sind es 90%). Studien mit dem Ergebnis, die Kriminalität Jugendlicher sei in Deutschland inzwischen rückläufig, widersprechen laut Heisig dem Erleben der Bürger. Mit einer Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstiuts Niedersachsen unter Neuntklässlern, die eine abnehmende Akzeptanz von Gewalt unter Jugendlichen konstatiert, geht Heisig deshalb sehr kritisch ins Gericht. Einen Zusammenhang zwischen Gewalttätigkeit, eigenen Gewalterfahrungen in der Familie sowie schlechten Bildungschancen sieht Heisig für Neukölln zwar auch. Doch dass die befragten Neuntklässler allein dadurch, dass sie es überhaupt bis zur 9. Klasse geschafft haben, schon keine repräsentative Auswahl aus ihrer Alterskohorte sein können, lässt Heisig an der Aussagekraft dieser Studie stark zweifeln.
Heisig moniert, dass 20% der Hauptschüler in Neukölln die Schule schwänzen, ohne dass Eltern oder Behörden einschreiten, obwohl der Zusammenhang zwischen Schuleschwänzen und Straftaten belegt ist. In ihrer Beurteilung von Migrantengruppen, die von staatlichen Transferleistungen leben und die Gesetze des Staates offen missachten, der sie alimentiert, nimmt Heisig kein Blatt vor den Mund. Eine Abnahme antideutscher und antisemitischer Ressentiments in dieser Bevölkerungsgruppe erhofft sie sich vom verpflichtenden Kindergartenbesuch und der Einführung kleinerer Klassen. Eines der größten Hindernisse bei der Bekämpfung von Gewaltkrimminalität unter Jugendlichen ist nach Heisig die mangelhafte Kommunikation zwischen Jugendamt, Polizei und Gerichten. Datenschutz wirke hier längst als Täterschutz. Besonders der Schutz von Migranten-Kindern vor elterlicher Gewalt würde durch Bestimmungen des Datenschutzes und durch Untätigkeit der zuständigen Stellen verhindert. Als Grund für die erschreckende Gewaltkriminalität Jugendlicher, die mit den Mitteln der Strafjustiz nicht mehr zu bewältigen sei, führt Heisig das Versagen der Eltern, sowie eine von Armut, Drogenkonsum, aggressiven Rap-Texten und Computerspielen geprägte Kindheit an. Den ursächlichen Zusammenhang zwischen Computernutzung und Gewalt kann sie weder an Einzelfällen noch empirisch belegen. Heisigs reflexartiges Gleichsetzen eines Lebens unter der Armutsgrenze mit Gewalt und Alkoholkonsum empfand ich als einseitig populistisch.
Die Stärkung der Autorität des Staates und seiner Lehrer durch eine für die Kinder deutliche direkte Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendrichterin ist eine von Heisigs lösungsorientierten Forderungen. Politiker, die sich zukünftig zur Jugendkriminalität äußern, werden sich daran messen lassen müssen, wie sie es mit einer verbesserten Polizeipräsenz in der Öffentlichkeit und einer Personalausstattung der Gerichte halten, die die von Heisig geforderte zügige Strafverfolgung sicherstellt. (In Berlin stehen 48 von 326 rechnerisch vorhandenen Staatsanwalts-Planstellen in der Praxis nicht zur Verfügung.)
Heisigs Streitschrift ist dort überzeugend, wo sie konkret aus ihrer täglichen Praxis berichtet und mit Zahlen aufwarten kann. Ihr Ton klingt desillusioniert, beinahe zynisch. Wenn Heisigs weit über ihre tägliche Arbeitszeit hinaus engagierte Tätigkeit als Statsanwältin und Jugendrichterin in "ihrem Kiez" in der scherzhaften Bemerkung eines Rektors gipfelt "Frau Heisig, den Elternabend halten wir beide dann in einer Telefonzelle, da sind wir wenigstens zu zweit," versteht man, wie ihre kompromisslose Schelte unverbesserlicher Sozialromantiker zustande gekommen ist.
Ein wichtiges Buch, auch noch - oder vielleicht: gerade und besonders - 11 Jahre nach seinem Erscheinen und 10 Jahre nach dem Freitod seiner Autorin.
Wer dieses Buch gelesen hat, bekommt eine Ahnung, warum eine derart engagierte, aber ziemlich allein gelassene Frau irgendwann nicht mehr wollte und konnte.
Zu Anfang werden ganz interessante Beispiele genannt je weiter man liest um so mehr geht es um zahlen. Insgesamt wird das Buch so von Seite zu Seite nicht nur langweiliger, sondern auch immer schwerfälliger im lesen. Leider hat es mich nicht überzeugt.
Dass Kirsten Heisig keine Autorin, sondern Richterin war, wird in diesem Buch deutlich. Sie versucht vor allem, ihre Botschaft - eine Umgestaltung im Umgang mit jugendlichen Straftätern - durch Zahlen und Namen zu untermauern, was das Buch grösstenteils eher unleserlich macht. Grafiken, Tabellen und Bilder hätten sicherlich eine positive Wirkung gehabt, denn so ist es schwer - wenn man nicht vom Fach ist - vom Text nicht erschlagen zu werden. Wer sich über die Zustände in Neukölln, aber auch in anderen Gegenden von Berlin und anderen Städten informieren möchte, sollte unbedingt zum "Ende der Geduld" greifen, denn Kirsten Heisig versucht auf aufrechte und faktenbasierte Art Klarheit zu generieren und ihrem Fall - den sie aufgrund ihres Selbstmordes nun nicht mehr verfolgen kann - Gehör zu verschaffen.
A very thorough look at the problem of juvenile delinquency and violence. Even though, as a judge specialising in young criminals, she has a reputation of being too cold and unduly strict, she absolutely never appears overly cold but genuinely interested in her subjects and aware of the various intersecting problems.
The observation she makes on the violence being especially prevalent among youths of "Arabian" descent shocked me, too, but she does have the numbers and studies to back this up and it only goes to show that German integration is NOT working, something that was clear before. As always, I am most worried about young women raised in families involved in violent crime, because what does it mean for them?
I was sad to see that she has passed away; she was doing such important work.
Das sind die Worte die ich für dieses Buch finde. Zwar wird ein wichtiges Thema angesprochen, keine Frage, dennoch denke ich ist die Autorin zu befangen. Frau Heisig begibt sich sowohl auf das Gebiet der Kriminologie als auch der Psychologie. Als Juristin ist sie hier jedoch nicht genügend ausgebildet um solche Annahmen wie Rauchbomben in den Raum zu schmeißen.
Stilistisch ist das Buch leider auch kein Vergnügen
This book is about the rise of youth crime in Germany & what to do against it. It is very well written but since it is about the situation in Berlin & I do not live there,I can't judge how much of it is exaggerated & how much isn't.