Eine Stadt an der kalifornischen Pazifikküste in der Nähe von Monterey, Ende der siebziger Jahre; Genre: Detektivkrimi.
Ein ganz typischer Fall für die Serie mit dem Versicherungsdetektiv Dave Brandstetter, bei dem deren Stärken gut erkennbar sind. Er eignet sich deshalb gut fürs Einsteigen. Allerdings sind ein paar Absonderlichkeiten, von denen Hansen fast nie lassen konnte, auch hier wieder zu merken. Um sehr schnell ins Knäuel mehrerer, sich überlagernder Vorgeschichten hinein zu kommen, werden dem Versicherungsdetektiv viel, viel später erst wichtig werdende Fingerzeige manchmal wie von göttlicher Vorsehung in die Hand gedrückt. Hier geht das so weit, dass Dave nach seinem ersten Gespräch mit der Witwe des erschlagenen Polizeichefs Ben Orton, sie hat frostig reagiert und sich entzogen, auf dem Absatz Kehrt macht, von hinten, über einen Patio, wo die Leiche lag, in Ortons Haus und Büro eindringt, während die Frau immer noch im Haus ist. Und schon nach kurzem Stöbern gibt es Hinweise dafür, dass Polizeichef Orton im Zusammenhang mit der Entführung seiner Tochter erpresst wurde. Und auch, dass dieser Polizist zu Hause öfters mit Fischerbooten gefunkt hat. Und dann finden sich Indizien, als hätte der beinharte Cop sich hin und wieder mal als Hippie verkleidet. Wieder viel Holz für den Anfang!
Wir sind in dieser Folge der Reihe dort angekommen, wo der immer älter werdende Dave seinen viel jüngeren, dazu sehr großen und dünnen und außerdem schwarzen Freund Cecil Harris zum ersten Mal trifft, den ich ja schon kannte, weil ich die Bücher nicht in der Reihenfolge ihres Erscheinens gelesen habe. Hier zeichnet sich zuerst noch der kommende Bruch mit dem bisherigen Freund Doug ab, dessen größtes Manko seine Ähnlichkeiten mit Daves langjähriger Lebensliebe, einem am Krebs Verstorbenen, sind. Immer sah Dave den Vorgänger in Doug, aber er war es halt nicht. Dave wurde ihm nicht gerecht. Auch Daves altem Vater, dem Eigentümer der Versicherung, für die er in Zweifelsfällen ermittelt, geht es gesundheitlich schlecht.
Cecil ist Student und noch keine 21 Jahre alt, gute 35 Jahre jünger als Brandstetter. Er fängt sofort mit Flirten an, während Dave der Sache selbstverständlich nicht traut. Das nun auch so ein Bestandteil der Serie, den man irgendwann vielleicht nicht mehr mögen wird: dass, obwohl Dave so durch und durch von Gestern ist und keinen Zentimeter Veränderungsbereitschaft an den Tag legt, er von den jungen Schwulen in mehreren Fällen zum Bleiben über Nacht gedrängt wird. Dave ist wertkonservativ, glaubt an Treue, er isst gerne gut und teuer, trinkt jeden Tag nach dem Job mehrere Gläser Hochprozentigen, zu jedem Essen Wein, er raucht viele Zigaretten, macht keinen Sport, geht ins Theater, zu Ausstellungen, fährt erst einen alten Benzinfresser, dann für viele Jahre einen roten Playboy-Jaguar, den er in den ärmeren Stadtteilen stehen lässt, bis ihn ein Radkappendiebstahl dazu bringt, sich vor solchen Fahrten immer erst einen Mietwagen zu besorgen. Vor allem: Dave sagt niemandem, auch nicht seinem Freund, auch nicht uns, seinen Lesern, welche Theorien er sich gerade zusammenreimt. Er lässt sich aber niemals mit Lügen und Ausflüchten abspeisen und kehrt so oft an den Schauplatz der Kriminalität zurück, bis er seinen Mann hat – und hin und wieder auch wegen einer Kugel umklappt.
Überraschend dieses Mal, dass Hansen, der drei Jahre vorher (in „Troublemaker“) Spitzen gegen den lockeren Lebensstil schwuler Hippies am Stand platziert hatte, hier, gut und gern zehn Jahre nachdem es Top war, sein Hippie-Buch offeriert. Dass die weiße Weste des Law-and-Order-Paschas Orton, des Mannes, der gefürchtet war, nicht nur von den Bösen, sondern von seinen Untergebenen, von Medienleuten, von Frauen, Künstlern, Mexikanern, Schwulen, nach Daves vielen Gesprächen mit Leuten, die ihm begegnet sind, noch weiß sein wird, ist unwahrscheinlich. Kein Wunder, dass die Witwe nicht reden wollte.
Schnell zeigt sich, dass man in dieser sauberen Stadt schon auch oppositionelle Zeitungen abfackelt oder jungen Mexikanern, wenn sie mit der eigenen Tochter rummachen, Drogenpäckchen unterschiebt. Allerdings ist dieser Freund der Tochter vor Kurzem entlassen worden und somit ein Mordverdächtiger. Zumal der Sohn des Alten, Jerry Orton, als Chef-Vertreter in übergroßen Schuhen durch die Gemeinde irrt. Natürlich wird Dave, der Fremde aus L.A., ständig überwacht. Oder ist das Cecil, der nicht von ihm lassen will?
Wie üblich hat Joseph Hansen in kurzer Zeit einen farbigen Strauß von Vorgeschichten beieinander, die jeweils wenigstens ein Motiv für eine der Figuren liefern. Wer diese Reihe über ein paar Bücher verfolgt hat, weiß es: Fast jeder hat sich irgendwie verdächtig gemacht, aber Autor Hansen setzt seinen Ehrgeiz daran, im letzten Kapitel noch eine Überraschung aus dem Hut zu ziehen. Polizeichef Orton hatte mehr oder weniger intime Kontakte zu mehreren Frauen, die sich zum Teil spinnefeind sind. Die Anchor-Woman der Fernsehstation, bei der Cecil gerade jobbt, gierte eher danach, ihn öffentlichkeitswirksam in die Pfanne zu hauen. Weder Frau noch Tochter mochten den Ermordeten. Die Entführung der Tochter mag eine einvernehmlich inszenierte Finte gewesen sein, um Orton Geld abzuknöpfen.
Die Polizei hat ihren Täter natürlich und – was auch nicht ungewöhnlich für die Serie ist – der Detektiv glaubt so wenig daran, dass er den Mann nicht mal zu einem Gespräch besucht. Dieser Verdächtigte ist Cliff Kerlee, der die Polizei gegen sich aufgebracht hatte, indem er im Fernsehen Ortons Truppe Homophobie vorwarf. Kerlee wiederum ist mit einem dieser selbsternannten Weltverbesserer und Therapeuten zusammen, die es in Hansens Romanen auch immer wieder gibt und die oft ziemlich dubios wirken. Mittlerweile scheint aus der Therapie eine Sommerkolonie für Jungschwule geworden zu sein. Die zwei älteren Glucken scheinen ihre Küken für ganz irdische Genüsse zu benutzen.
Der verschiedenen, immer überzeugend gezeichneten Charaktere sind es in solchen Brandstetter-Fällen aus den siebziger Jahren immer ziemlich viele. So gäbe es hier auch noch einen alten, alkoholkranken Maler, der, bevor er überraschend schnell zu Tode kommt, in den Bars herum posaunt, nachdem er ein Leben lang gestümpert habe, hat er jetzt den Weg zur ganz großen Kunst entdeckt. Und für deren Vertrieb wie überhaupt für die meisten Finanzen seines traurigen Daseins ist eine Galeristin verantwortlich, die einerseits mit einem Kunstwissenschaftler, andererseits mit dem toten Orton in Verbindung steht.
Bei Joseph Hansen kommt man sich in den ersten Kapiteln lange verschaukelt und an der Nase durch die Gegend gezogen vor. Würde er bitte zum Mord und zur Action kommen! Dann, wie gesagt, verdächtigt man überhaupt alle, die es nicht waren, und ganz am Ende überzeugt einen die Auflösung nicht so ganz. Und so merkt man schließlich, dass die wahre Meisterschaft des Autors darin liegt, wie er, sehr leicht erscheinend, diese kleinen Bilder und diese vielen Menschen gemalt hat. Blühende Bäume, müffelnde Wohnungen, Stühle in Cafés, rostige Autos, das Meer, die indianischen Kunstgegenstände in der Galerie, ein paar witzige Bemerkungen in den Dialogen, Hansens immer dezent tief gestapeltes, fast unterkühltes Engagement für die schwule Sache.