Grete Weils Roman Der Weg zur Grenze, geschrieben 1944/45 im niederländischen Versteck/Exil, erstveröffentlicht erst 2022, also 23 Jahre nach Weils Tod, hat mich in vielerlei Hinsicht überrascht.
(Dass Weil darin auch eigene Erlebnisse verarbeitet, halte ich für den literarischen Wert für irrelevant, er gehört ganz klar nicht zum Genre Autofiktion. Ich finde es deshalb auch schlecht, dass ein Foto der Autorin für den Titel verwendet wurde.)
Er erzählt die Geschichte von Monika Merton, einer Münchnerin, die sich als junges Mädchen nach dem Ersten Weltkrieg in ihren gleichaltrigen Cousin Klaus verliebt. Die Geschichte dieser Liebe ist auch die von Monikas politischem Bewusstwerden, die Geschichte der historischen Ereignisse bis ins Dritte Reich - die dazu führen, dass die Jüdin Monika mit Skiern über die Grenze nach Österreich fliehen muss.
Allein schon die Rahmengeschichte dieser Flucht nahm mich für den Roman ein: Monika, Anfang 30, begegnet im Zug in die Berge dem jungen Lyriker Andreas, die beiden sind flüchtig bekannt. Da er seine Skikameraden verloren hat und sie ihm ihre Pläne erzählt, schließt er sich ihr an - und ist körperlich komplett überfordert. Die gut trainierte, kräftige Monika muss ihn geradezu zu ihrer Skihütte tragen. Wie in vielen anderen Details des Romans lässt die Erzählstimme nicht erkennen, dass sie sich des Stereotypenbruchs bewusst wäre. Diesem naiven Andreas erzählt sie auf der Hütte die eigentliche Romangeschichte.
Doch der Romantitel ist auch Metapher: Er beschreibt den Weg zur Grenze des unmenschlichen nationalsozialistischen Terror-Regimes, auch das Überschreiten dieser Grenze. Schauplätze von Monikas Erwachsenwerden und ihrer Beziehung zu Klaus sind unter anderem München, das Voralpenland, Berlin - Weil schafft es immer wieder, mit wenigen Sätzen Atmosphäre und Zeit lebendig zu machen.
In immer neue Gegenden nahm mich der Roman mit, einmal für einige Seiten in ein Südfrankreich, das es - wie natürlich alles andere in dem Roman - längst nicht mehr gibt.
Wieder ein paar Pinselstriche Hintergrund: Sommer, das Paar in kurzen grauen Hosen, der gut ausgestattete Weinkeller des einfachen Landhotels, die Überraschung über den "täglichen Capucine, einen besonders hellen Kaffee, mit schaumig geschlagener Milch".
Was mich überraschte: Es werden gesellschaftliche Themen besprochen, mit denen wir bis heute ringen, wir gerne als woke beschimpften. Zum Beispiel die Privilegiertheit der Hauptperson, derer sie sich zwar bewusst ist (eine so begüterte Studentin, dass sie in Berlin ohne nachzudenken Taxis herbeiwinkt), die dennoch in einer Szene detailiert analysiert wird von einem eng befreundeten Kommilitonen, der sich aus der väterlichen Schmiede in Abendkursen zum Abitur und Studium kämpfen musste.
Die Zeitgebundenheit zeigt sich dann wieder zum Beispiel in als Fakt genommenen Juden-Stereotypen: In der Welt des Romans sieht man Menschen ihr Judentum an Nase oder Teint an. Oder die Verwendung von "Rasse" als unhinterfragtes Konzept.
Gut nachvollziehbar fand ich - wie bei vielen ähnlichen Geschichten -, wie Juden in Deutschland die Flucht ein ums andere Mal aus subjektiv bestens nachvollziehbaren Gründen verschoben. Weil das alles doch einfach lächerlich war und nicht sein konnte. Bis die Flucht nicht mehr möglich war, weil das halt doch sein konnte. Überraschend fand ich hier, dass die Erzählstimme sich deshalb Vorwürfe macht: In der Rahmenhandlung betont Monika, sie (und viele andere Juden sowie andere politisch Engagierte) habe selbst Schuld an ihrer heiklen Situation, sie habe so viele Möglichkeiten zur Flucht gehabt, zum Auswandern, habe aber die Katastrophe einfach nicht wahrhaben wollen, sei blind gewesen.
Ebenfalls treffend beschrieben: Wie der Mensch sich auch im Wissen um entsetzliches Leid bei lieben Menschen und um Bedrohung an Schönem und an Kleinigkeiten freuen kann.
Indirekt wird auch erzählt, wie weit die Assimilierung der meisten deutschen Juden damals war: In der Handlung kommt kein Judentum außer der Nennung vor. Die Familie Merton feiert keine jüdischen Feiertage, keinen Sabbath, kein Rosh Hashana, dafür Weihnachten, und der Münchner Fasching spielt eine große Rolle in ihrem Leben.
Was ich glaubte, dem Roman anzusehen: dass er vor dem Ende des Dritten Reichs geschrieben wurde. Grete Weil wusste beim Verfassen nichts vom Ausmaß der Grauen des Holocausts.
Die editorische Notiz und das ausführliche Nachwort von Manuskript-Entdeckerin (eigentlich Typoskript) und Herausgeberin Ingvild Richardsen betonen, dass die teilweise sehr eigenwillige Sprache des Original-Manuskripts erhalten werden sollte. Das begrüße ich, doch wünsche ich mir eine Zeitreise zur lebenden Grete Weil, um mit ihr den Roman nochmal lektorierend durchzugehen. So manche der schwülstig gefühligen Passagen hätte ich abgemildert, sie passen nicht in die Reflektiertheit, die aus dem Rest spricht. Und einige bis zur Hölzernheit antiquierte Sprache (vor allem im Vergleich zu Zeitgenoss*innen wie Vicki Baum oder Thomas Mann) hätte ich versucht ihr auszureden: "Als ihm Zustimmung geworden war" passt nicht zum Rest.
Ich würde das Buch sehr gerne mit einer Leserunde gelesen haben, es war ein Erlebnis und ich habe das seltene Bedürfnis, darüber zu reden.