»Das Böse in Nieburg, ich möchte wissen, wo es herkam und wie man ihm widersteht.« Klaus Marbach und seine Frau, die Juristin Manon de Montmollin, haben sich in der Arbeit am sogenannten Bergier-Bericht über die Schweizer Neutralitätspolitik im Zweiten Weltkrieg kennengelernt. Als sie sich trennen, setzt er seine Recherche im badischen Nieburg, im Herzen des Bühlerschen Aluminium-Imperiums, auf eigene Faust fort: »Das Böse in Nieburg, ich möchte wissen, wo es herkam und wie man ihm widersteht.« Lange merkt Marbach nicht, daß er ausgezogen ist, das Fürchten zu lernen. Denn die Verstrickung der Kriegsgeneration und diejenige ihrer Nachkommen wird zu seiner eigenen. Es ist Imogen Selber-Weiland, die letzte der Bühler-Dynastie und Alleinerbin, die seine Nachforschungen protegiert und sich seiner Phantasie zunehmend bemächtigt. Bald gerät Marbach auch auf die Spur ihrer ehelichen Verbindung mit dem auf geheimnisvolle Weise abwesenden genialischen Schriftsteller Iring Selber. Von einer Grenzüberschreitung zur nächsten führt Marbachs Passion zu dieser älteren Frau ihn schließlich zu den Quellen seiner Existenz und ins Labyrinth einer unvergangenen Geschichte. Adolf Muschg hat eine Liebesgeschichte geschrieben von kühner Offenheit und zugleich eine Geschichte des europäischen Bewußtseins. Wie für den Roten Ritter Parzival stellt sich auch in diesem Roman die Frage nach dem 'rechten Leben', nach dem 'einen, das not tut'. Und es zeigt sich dies am Ende als das, was der europäischen Zivilisation (noch) nicht gelungen ist.
Was kann man schon sagen, wenn man einfach nur gute Tage mit dem Buch hatte? Diffuse Erzählstränge, denen man nur schwer folgen kann? Na und? Wenn sie SO erzählt sind, ist es mir recht. Klar, irgendwie erschließt sich mir auch nicht (auf den ersten Blick), warum Klaus Wagenbach in einer Episode, die nie wieder aufgenommen wird, homoerotische Erfahrungen mit irgendeinem Asiaten sammeln muss. Genauso unlogisch, weil dramaturgisch (auf den ersten Blick) unmotiviert, ist die Trennung der Manon von Wagenbach aus Gründen einer lesbischen Liebe. Die kann so tiefgehend nicht gewesen sein, denn erstens spielt diese Geliebte im Fortgang der Erzählung keine Rolle mehr und zweitens stellt sich gegen Ende heraus, dass Manon Männern nicht abgeneigt und wohl immer noch in Wagenbach verliebt (weil um ihn besorgt) ist. Es genügt zu erwähnen, dass sie sich Imogen (der auch Wagenbach verfallen ist) in einer lesbischen Szene "ausliefert". Wozu? Von Imogen wissen wir nur, dass sie ihr Leben lang mit Männern zu tun hatte und das erste und einzige Mal (im Alter) in Wagenbach verliebt war. Mir scheint, Muschg wollte so "modern" sein zu zeigen, dass eben jeder mit jedem kann, wenn er/ sie nur will. Identitätskrisen sind ja ohnehin das Thema des Buches, warum also keine der sexuellen Orientierung? Aber unnötig im strengen Sinne sind diese Ausschweifungen (und Abschweifungen) schon. Aber wenn sie doch so erzählt werden, dass man jeder dieser Episoden folgt, als wären sie ein Kompositionsprinzip? Ist ein Buch nur dann gut, wenn es anders als ein beliebiges Leben dort stringent ist, wo das Leben chaotisch zerfasert? Kommt es nicht vor, dass eine Figur wie Frini aus dem Nichts auftaucht, eine Zeit lang eine Rolle spielt, und dann wieder weg ist, ohne dass wir darüber meditieren, was eine solche Bekanntschaft mit uns gemacht hat? Lasst doch das Buch in seiner Kunstwelt chaotisch sein, wenn es nur eine Welt ist, in der man so gerne dabei ist, in der man so gerne mitlebt. Kurz: Das Buch hat Unterhaltungswert, obwohl die Lektüre bisweilen den langen Atem eines geübten und passionierten Lesers voraussetzt. Hat es auch Kunstwert? Ich meine ja. Dieser wäre dem Text unabhängig von seiner sprachlichen Virtuosität abzusprechen, wenn es denn stimmte, was das Feuilleton dazu zu sagen hat: Würden alle dieser zerfasernden Erzählstränge, am Anfang glaubt man noch an eine Enthüllungsgeschichte über NS- Kriegsverbrechen, dann wird eine Vermisstenstory mit Krimi- Format daraus, wirklich ins "Nichts" entlassen, wie es das unaufzuklärende, mysteriöse und womöglich rational unerklärbare Verschwinden von Wagenbach am Ende nahe legt, dann müsste man dem Autor künstlerisches Versagen vorwerfen. Aber wer sagt, dass Übersinnliches nicht in die Literatur gehört? Mag sein, Wagenbach und Imogen sind nun zusammen und aufgehoben in einer unnennbaren Dimension der Wirklichkeit. Was immer das ist. Aber einen Bogen gibt es doch: Warum keiner der von mir konsultierten Rezensenten darauf gekommen ist, ist mir nicht klar. Deutlich genug wird doch am Anfang auf den von Wagenbach und Manon u.a. aufgedeckten Besuch Hitlers bei Schweizer Industriellen aufmerksam gemacht. Was man da besprochen hat, bleibt allerdings im Ungewissen. Klar ist nur, dass die Schweiz in der Folge florierende Geschäfte mit der NS- Diktatur abwickeln konnte. Warum hat Hitler sie nicht "angeschlossen"? Weil er sie brauchte, klar. Aber wer hat diesen intellektuellen Tiefflieger davon überzeugt, dass man die Schweiz und ihre "Neutralität" brauchen könnte? Es gibt ein dunkles Geheimnis in der Familiengeschichte der Bühlers. Wagenbach will dem auf die Spur kommen, erliegt aber dem Charme der letzten weiblichen Nachgekommenen, die selbst als Bibliothekarin einst versucht hatte, aus dieser Familie auszusteigen. Treu geblieben war sie nur einem, der von einem aus Treue zu seinem Führer sich selbst Richtenden verlassen worden und nun ein Heimatloser (zwischen allen Welten der Mystik) geworden war. Welches ist der Bühlersche "dunkle Fleck"? Woher stammen die Aluminium- Millionen? Aufschluss gibt das Tagebuch, dass (schon wieder Hermes!) Wagenbach versteckt, um es finden zu lassen. Im Tagebuch sind entscheidende Stellen verwischt. Lesbar sind die Zahlenspiele des alten Bühler, also das Jonglieren mit Umsatzmillionen, seine nichtssagenden Einträge über Liebschaften zu allen und keiner, und... - ein Satz, der daraus allein im Buch wörtlich zitiert wird: "H. war überzeugt." Sollte "H." wieder nur irgendeine (auch noch) Einsatz- Episode ohne Sinn sein und nur der mystischen Verschleierung dienen? Das ist doch Muschg und kein Amateur bei book on demand! Liest man "H." als Hitler, dann wird klar, dass die Bühlers von einem Agreement der Schweizer Industriellen mit Hitler profitiert haben, das sie damals in der unscheinbaren und geteilten Grenzstadt.schlossen. Sie haben Hitler davon überzeugt, zum gegenseitigen (!) Vorteil ´"im Geschäft" zu bleiben und dieses kräftig auszuweiten. Aluminium brauchte die Flugzeug- Industrie eines kriegführenden Staates mehr als die kleine Schweiz. Es war also das keinesfalls neutrale "Geschäftsinteresse" am Krieg, das den Bühlerschen Familienhimmel verdüsterte. Und während es den von den Frauen der Familie ausgehaltenen Männern (außer Wagenbach) egal war, woher das Geld stammt, von dem sie gut lebten (dass sie ahnten, woher es stammt, beweisen ihre anfängliche Ablehnung Wagenbachs und der Versuch, ihn zu kaufen oder zu töten), hatten die Frauen allesamt Probleme damit, weshalb sie "Gutes" stiften wollten. Mag sein, Iring hat deswegen die Ehe mit Imogen nicht ausgehalten. Er war vom Nazismus "gebrannt" genug, als dass er ihn als Teil seiner Familientradition hätte akzeptieren können. In Wagenbach, der alles Geld ablehnt und das "Erbe" Imogens um ihrer selbst willen ausgeschlagen hätte, trifft Imogen endlich den Mann, der ihr gleicht, weil ihn dieselbe Verachtung des Geldes umtreibt, die Muschg in der Szene sehen lässt, als Imogen scheinbar unmotiviert ihre (schmutzigen) Obligationen, Verschreibungen etc. und Bargeld verbrennt. Was soll daran "zerfasert" sein? Einzelne Erzählstränge kommen aus dem Nichts (Frini) oder fast aus dem Nichts, wie ein "Nicht! (!) genannter Herr, und verschwinden dann wieder "im Dunkeln der Geschichte", aber das Ganze, die Signatur des Gewebes, ist doch hell und klar: Welche "Schuld" tragen die Nachgeborenen an der Schuld und den Lügen, auch den Selbstlügen einer bigotten Schweiz, die nichts gewusst und nichts getan haben will (ein Thema von Frisch über Dürrenmatt und Voigt bis hin zu Muschg!)? Kann solche Schuld "gesühnt" werden? Was ist das geplante Kinderheim auf einer griechischen Insel gegen das ausgelöschte Leben so vieler Väter und Mütter in der NS- Zeit? Ist "Schuld" eigentlich kollektiv, individuell ererbbar oder kann sie verjähren? Und was gebiert sie? Ungeheuer? Da stehen sich der biedere DDR- Bürger Nicht und die so gar nicht schuldlos wirkenden und zum Mord bereiten (Ämils Attacke auf Wagenbach) Adepten von Imogen plötzlich sehr sinnhaft als zwei Menschentypen ganz unterschiedlicher Sozialisation gegenüber. Hier die korrumpierten und kaltherzigen "Eliten" des Westens, dort der geradlinige und warmherzige Spießer aus dem Osten. Und siehe: Plötzlich bekommt auch die Figur eines "Nicht" einen Sinn, so wie Frini natürlich die "Hure" Maria Magdalena ist, weswegen ihr vergeben wird. Sie ist "notwendig" in dem Sinne, als sie symbolisch zu zeigen hat, wie einem unmoralischen Lebenswandel (aus Not) die Kraft zum Mord (aus Liebe) innewohnt, eine Kraft, die sonst nur noch Wagenbach hat. Frinis Mord an Iring nimmt den aus Liebe begangenen Mord an Imogen nur vorweg. Hier stehen zwei Mörder, eine Frau und ein Mann, gleichberechtigt als moralische Instanzen von fehlbarer Unfehlbarkeit (Shakespeare!) auf einer Stufe. Wie kann eine Figur wie Frini also in der Handlung keinen Sinn ergeben? In diesem Erzählgewebe hat alles einen, seinen Sinn, auch wenn manche Einzelfäden nur dem Gewebe dienen und keine eigene Erzählung zu bieten haben. Wollte Muschg das realisieren, müsste er wie Balzac die stiefmütterlich behandelten "Randfiguren" im nächsten Roman wieder aufnehmen (Wagenbach ist dem Leser immerhin schon bekannt) und zu eigenen Helden machen. Balzac starb in einem Universum von ca. 3000 "Figuren", die in seinen Romanen eine mehr oder weniger bedeutende, oder eben eine Nebenrolle spielen. Muschg hat ebensoeine Rollenverteilung - nur in einem Roman. Mich hat er nicht außer Atem gelassen und begeistert. Fünf Sterne. Was sonst? :-)